Berufsnachwuchs

Wer Gleisbauer werden will, muss das Casting überstehen

In Olten haben Bewerber eine Woche lang um ihre Lehrstelle als Gleisbauer gekämpft. Mit Leuchtweste und Helm haben sie sich unter anderem auf der Test-Baustelle hinter der Lindt-Fabrik bewiesen.

Leuchtweste und Helm – ohne kommt man nicht an die Ausbildungsbaustelle hinter der Lindtfabrik in Olten. Gleich neben den Gleisen, an Testweichen und -gleisen, hämmern, schrauben und schwitzen 19 junge Menschen ganz in Orange. Alle wollen sich während des einwöchigen «Lehrstellen-Express» von Login Berufsbildung eine der zehn freien Lehrstellen als Gleisbauer oder Gleisbauerin ergattern.

Leicht ist es nicht. Haben die Interessierten mal den Eignungstest am Computer bestanden, können sie in einer zweitägigen Schnupperlehre zeigen, wie sie in der Praxis handeln. Bestehen sie die Beurteilung der Experten vor Ort, werden sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Kommen sie da weiter, muss schliesslich nur noch der Arzt bei einer medizinischen Untersuchung das Ok geben. Dann gehört die Lehrstelle nach nur fünf Tagen ihnen.

Lernende beurteilen mit

Jeden Tag fallen Bewerber weg. «Oft merkt man schnell, wer für den Beruf geeignet ist und wer nicht», sagt Urs Zahner, Ausbildungsleiter. «Wir müssen die Leidenschaft, das Feuer, in ihnen spüren.» Auf der Ausbildungsbaustelle sind auch Lernende aus verschiedenen Jahrgängen anwesend und unterstützen die Anwärter bei den verschiedenen Posten. «Es ist wichtig, dass auch Lernende dabei sind», so Zahner. Sie können am besten Fragen zum Ausbildungsalltag beantworten und lernen die Bewerber anders kennen. Zudem geben sie auch eine Beurteilung ab.

Bewusst findet die Schnupperlehre auf der Testbaustelle und unter meist jungen Bewerbern statt. «In einer solchen Situation kommen die Bewerber viel mehr aus sich heraus», sagt Ulrich Moser, Ausbildungskoordinator der SBB, der für den praktischen Prüfungsteil zuständig ist. «In einem Profi-Team packen sie häufig nicht richtig zu, weil sie gehemmt sind», weiss er aus Erfahrung.

Frauen-Power auf der Baustelle

Auf der Baustelle wird es langsam warm. Auch wenn man nicht mit einem schweren Hammer hantiert oder keine kiloschwere Metallfräse bedient, beginnt unter der Sonne Körperwasser zu verdunsten. Den meisten jungen Arbeitern auf dem Testgelände scheint dies nichts auszumachen. Obwohl zum Teil richtige Schweissperlen tropfen. In einer der kleineren Gruppen fällt in einem Team von jungen kräftigen Männern eine junge blonde Frau auf.

Die 18-jährige Jennifer Brügger absolviert das zweite Lehrjahr als Gleisbauerin bei der SBB in Bern. Und fühlt sich in der Männerdomäne wohl. «Klar höre ich immer wieder blöde Sprüche, aber ich kann damit umgehen», sagt die 18-Jährige aus Belp. Sie sei mit Jungs aufgewachsen, sie kenne das zu gut. Diskriminiert werde sie am Arbeitsplatz nicht. «Ich wurde von allen gut aufgenommen und wenn es darauf ankommt, stehen die Jungs 100 Prozent hinter mir», so die schlanke Blondine.

Ihren Job wählte sie, weil sie gerne schwere Dinge hebt und draussen arbeitet. «Am Anfang war es hart, aber mittlerweile habe ich durch die Arbeit mehr Kondition und Kraft bekommen», sagt sie. «Ich würde den Job jeder Frau empfehlen, die es wirklich will.»

Killerkriterium Deutsch

Aber auch wenn man es wirklich will, reicht es manchmal nicht. Auf der Test-Baustelle packt auch jemand zu, der «alles für die Gleisbauer-Lehrstelle tun würde», wie Zahner sagt. Es handelt sich dabei um einen 37-jährigen Eritreer. Mit Flüchtlingsstatus. Er hat kräftige Oberarme und steht auf dem Gelände nie still. «Er ist ein super Arbeiter», sagt Zahner. Trotzdem bekommt er die Lehrstelle nicht. «Seine Deutschkenntnisse sind zu schwach.» Man könne sich zwar auf Hochdeutsch langsam mit ihm verständigen, aber für den schulischen Teil der Lehre reiche es nicht. «Er würde in der Berufsfachschule nicht bestehen», so der Ausbildungsleiter. 

Berufsportrait der «Login Berufsbildung» über den Gleisbauer EFZ

Berufsportrait der «Login Berufsbildung» über den Gleisbauer EFZ

Auch in der Praxis sieht der Ausbildungskoordinator und Berufsfachlehrer Ulrich Moser Problempotenzial: «Auf der Baustelle muss es manchmal schnell gehen, da kann man die Sache nicht dreimal wiederholen.» Zudem würden Arbeiter, die aus sehr unterschiedlichen Kultur stammen, Schweizerdeutsch sprechen. «Diese Sprache müsste er auch verstehen können.» Ganz aufgegeben haben die Ausbildner den Eritreer aber nicht: «Jeder hat eine zweite Chance verdient. Er kann sich nächstes Jahr sehr gerne nochmals bewerben.»

Zweite Chance für alle

Solche Fälle von anderssprachigen Bewerbern kennt Login gut. «Die Leute, die es wirklich wollen, kommen im nächsten Jahr wieder. Und meistens erfüllen sie unsere Voraussetzungen und können ohne Problem bei uns die Lehre anfangen», so Zahner. Bei Login würden auch einige Lehrabbrecher eine Lehre suchen. «Das sind meist solche, die ihre zweite Chance wirklich ernst nehmen.»

Wenn sich jemand in der Praxis bewähre, würde man im Bewerbungsprozess auch bei schwächeren Schulnoten ein Auge zudrücken. «Bei vielen geht während der Lehre dann ein Knopf auf», so Zahner. Er habe schon viele Lernende erlebt, die mit einem eher schwachen Zeugnis die Lehre angefangen hätten, und dann während der Ausbildung auf einmal zu den Klassenbesten wurden. Laut dem Ausbildungskoordinator Moser gab es noch nie so viele Bewerber wie dieses Jahr.

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