Sie muten ein bisschen schräg an, auch wenn sie aufrecht stehen, die beiden namenlosen Figuren aus dem Depot der kantonalen und städtischen Denkmalpflege Zürich. Warum? Ein auf deren Kopf ruhendes Betonelement stützt einen in die Decke eingelassenen H-Eisenträger, der seinerseits einen Teil des ersten Stocks des Kunstmuseums Olten mitträgt.

Tragfähigkeit eingeschränkt

Ursache dieser ebenso spielerisch wie waghalsig scheinenden Konstruktion: Just über den Köpfen der beiden Figuren kommt das Archiv der grafischen Sammlung des Museums zu liegen; mit sattem Gewicht, nicht nur im ideellen Sinn zu verstehen. Weil aber die Tragfähigkeit der Diele mit lediglich 100kg/m2 errechnet wurde, kam die Museumsleitung im Rahmen der letzten Ausstellung «Das Leben ist kein Ponyhof» auf die Idee, die beiden Künstler Michael Meier und Christoph Franz (beide Zürich) mit einer Arbeit zu beauftragen, welche die Traglast des Bodens über dem Parterre partiell erhöht.

«Nach intensiven Abklärungen», wie Katja Herlach, stellvertretende Leiterin des Kunstmuseums sagt, kam schliesslich der besagte H-Eisenträger zum Einsatz, der über die beiden aus Sandstein geschlagenen Figuren und einem Holzblock mit der Bodenplatte des Museumsgebäudes verbunden ist. Name des künstlerischen Konstrukts: «Nach den aktuellen Regeln der Baukunst».

Den Eisenträger hätten die beiden Künstler nichts selbst montieren können, sagt Katja Herlach. Also wurde diese Aufgabe einem Baugeschäft übertragen. Und der Träger wurde auch nicht ohne Wissen der Baudirektion verlegt, wie Skeptiker vermuten könnten. Und um die Frage aller Fragen auch noch zu beantworten: Die Kosten der Installation wurden übers Ausstellungsbudget finanziert.

Stützen zum Schein?

Aber wie jetzt? Tragen sie nun mit oder nicht, die beiden Figuren, der Mann und die Frau, die aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts stammen, einst als Fassadenschmuck der Amtshäuser 3 und 5 in Zürich dienten und heute mit markanten Flickstellen versehen sind? Der Zahn der Zeit hat an ihnen genagt, man versteht. Aber noch einmal: Muss man sich jetzt tatsächlich die kecke Frage stellen: Stützt Zürich Olten? Die Hüfte der Frau scheint anzudeuten, als wolle sie ob der Last seitlich leicht einknicken.

Über Katja Herlachs Gesicht huscht so etwas wie ein schalkhaftes Lächeln. Sie sagt bloss: «Zumindest stützt die Kunst die Kunst.» Mehr dazu lässt sie, zumindest für Unsensible, offen, sagt auch nicht im diplomatischen Tonfall «ideell schon», wie man erwarten könnte. Und wie um die stützende Wirkung des Paares aus Zürich zu verdeutlichen, zeigt sie den Betonguss, der anstelle des entfernten Holzparketts unter den beiden Holzblöcken hervorlugt.

Und im Handumdrehen verweist sie auf die Tatsache, dass die beiden Figuren aus der Perspektive des Kunstmuseums in wegweisende Richtungen blicken. Während der Mann die Kirchgasse – quasi die schwindende Gegenwart des Hauses – im Auge behält, blickt die Frau Richtung Hübelischulhaus, jenem Ort, der mal als möglicher neuer Standort des Kunstmuseums ausgemacht worden ist; in die vermeintliche Zukunft also.

Charmante Idee

Item: Die Installation hat ihren Reiz, bleibt so etwas wie geheimnisvoll. Jedenfalls lässt sich jetzt die grafische Sammlung des Museums gleich über den Statuen im ersten Stock des Hauses einrichten. Tragkraft pro m2 neu: 400 Kilogramm. «Das genügt», weiss die stellvertretende Museumsleiterin.

Das Statuenduo verweilt bis auf weiteres im Museum. Als Dauerleihgabe? «Jedenfalls so lange, wie wir noch hier an der Kirchgasse sind», sagt Katja Herlach heiter. Und die Amtshäuser 3 und 5 in Zürich? Wie ist’s heute um deren Fassadenschmuck bestellt? «Dort stehen Replikas der beiden», sagt sie. Nur Olten hat die Originale.