Es ist dunkel, nass und zudem erst 6.30 in der Früh. Für einige eine unchristliche Uhrzeit. Nicht so für Melissa Wyss, die bereits voller Energie ist. Für sie ist es sogar schon spät: «Normalerweise bin ich um diese Zeit schon am Kaffeetrinken bei der Arbeit», erzählt sie lachend. Und ausserdem sei sie während der Lehre sogar noch früher aufgestanden und losgefahren, da sie da noch auf die Zugverbindungen angewiesen war.

Vier Jahre lang pendelte sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Kappel und Pratteln, verpasste immer wieder den ein oder anderen Zug, musste frühmorgens einsteigen, umsteigen, aussteigen, nahm die erstmögliche Zugverbindung und kam schliesslich doch zu spät. Nach diesen vier Jahren hatte sie genug und stieg von den Schienen auf die Strasse um.

Odyssee zur Arbeit

Die 21-Jährige arbeitet seit einem Jahr in Pratteln bei der CABB. Bei dem multinationalen Chemiekonzern mit einer Niederlassung in Schweizerhalle habe sie glücklicherweise Gleitzeiten.

Von den Arbeitern wird erwartet, dass sie zwischen 6.30 und 8.00 Uhr auf der Arbeit erscheinen. Für einen Chemiekonzern seien diese Arbeitszeiten normal. «Ich kenne da nichts anderes», meint Wyss. Dafür könne sie auch früher Feierabend machen.

Ihr sei das sowieso lieber: «So habe ich mehr vom Tag und kann mich meinen Hobbies widmen.» Zu diesen zählen Babysitten, Volleyballtraining, Schiedsrichtern, Fitness und Shopping. Und wenn sie dafür schon um 15.30 Uhr Feierabend machen könne, hätte sie weniger Stress, um diesen nachgehen zu können. Aus diesem Grund störe sie das frühe Aufstehen kaum.

Ihre Ausbildung zur Chemielaborantin hat sie zuvor in Muttenz bei der BASF abgeschlossen. «Eigentlich heisst es ja Laborantin in Fachrichtung Chemie», korrigiert sie sogleich. Aber so sei das halt mit den Berufsbezeichnungen, das nehme man nicht immer so genau.

Zu der Zeit, als Wyss noch in die Berufsschule ging, brauchte sie knapp zwei Stunden für ihren Arbeitsweg. Am Abend teilweise sogar noch länger, da sie des Öfteren den Zug verpasst hat. «Ich ging um 5.40 Uhr aus dem Haus, nahm den Bus nach Olten und von dort aus weiter nach Muttenz. Um 7.30 Uhr war ich dann etwa im Klassenzimmer», erinnert sich die Kappelerin.

Diese Odyssee mit den ÖV sei deshalb zeitaufwendig und mühsam gewesen. Mit dem Auto ist der ganze Weg etwas einfacher und um eineinhalb Stunden kürzer geworden.

ÖV nur noch in Freizeit

Auf vier Rädern könne Wyss flexibler und zudem gut drei Mal schneller bei der Arbeit sein. «Wenn ich ein Mal den Zug verpasst habe, musste ich immer eine halbe Stunde auf den nächsten warten», erzählt die Chemielaborantin.

Während dieser Wartezeit sei sie mit dem Auto mittlerweile von sich zu Hause bis zur Arbeit gefahren. Und Stau erlebe sie auch nicht, da sie vor dem normalen Arbeitsverkehr pendelt. Für die Arbeit sei das Auto deshalb die bessere Lösung.

Ansonsten aber nehme sie nach wie vor gerne den Zug. Zum Beispiel wenn sie mit Freunden in den Ausgang oder zum Shoppen gehe. «Dann gehen wir aber meist in Grossstädte und da ist es mit den ÖV sowieso einfacher», meint Wyss. Diese sind dort besser erschlossen und zudem noch günstiger. «In Zürich zum Beispiel hast du länger mit dem Auto als mit dem Zug.» Und die Parkplätze in der Grossstadt seien auch selten und überteuert. Wenn es möglich ist, lasse sie deshalb das Auto lieber stehen.

Von A nach B

«Die Kosten sind halt schon höher. Versicherungen, Benzin, das hast du alles nicht mit dem Zug», erzählt sie auf der Autobahn, auf der um diese Uhrzeit noch kaum Verkehr herrscht. Ausserdem sei es teilweise ein wenig einsam, jeden Morgen alleine im Auto zu sitzen. Im Zug sei das anders. «Wenn du jeden Tag denselben Zug nimmst, weisst du irgendwann, wer die Leute sind, die neben dir sitzen», sagt sie.

Drei von den insgesamt vier Jahren pendelte sie in der ersten Klasse. Deshalb könne sie die Möglichkeiten, mit denen man von A nach B kommt, auch gut miteinander vergleichen. In der zweiten Klasse sei jeder einfach gerne für sich: Der eine will schlafen, ein anderer führt die ersten Geschäftstelefonate und noch ein weiterer hört so laut Musik, dass der Bass trotz Kopfhörern durch das Zugabteil tönt. Dabei eine Kommunikation zu führen, ist schwierig.

Ausserdem setzt sich dort jeder einfach auf den Platz, der gerade frei ist. Wegen dem ständigen Lärm sei das Pendeln in der zweiten Klasse schnell keine Option mehr für sie gewesen.

Anders sei das in der ersten Klasse gewesen: «Dort hat jeder seinen Stammsitzplatz. Da sitzt jeden Morgen der eine von der Novartis, dort einer von der Roche», erklärt Wyss. So haben sich auch Gespräche entwickelt und Klischees herausgebildet. «Viele denken, wir Chemielaboranten sind einfach Nerds. Dabei stimmt das überhaupt nicht», erzählt sie und lacht. Aber das seien halt die stereotypischen Vorstellungen, die man von Naturwissenschaftlern hätte.

Auch wenn das Pendeln in der ersten Klasse angenehmer gewesen sei, steht für Wyss fest: «Den Wechsel vom Zug aufs Auto bereue ich überhaupt nicht.»