Freilichttheater Wisen

Wenn der Steinbruch zum Alltag wird

Schnelle Heirat: Margrit (Amira el Hachimi) und Adriano (Dimitri Gamboni) können doch noch mit dem Segen der Eltern heiraten.

Schnelle Heirat: Margrit (Amira el Hachimi) und Adriano (Dimitri Gamboni) können doch noch mit dem Segen der Eltern heiraten.

Das Freilichttheater «100 Jahre Hauenstein-Basistunnel» feierte in Wisen erfolgreich Premiere. Das Musical von Dagmar Elgart und Thomas Nussbaumer wird in die Geschichte eingehen.

In einer geglückten Zusammenarbeit, in der Thomas Nussbaumer, Landwirt in Wisen, als Autor auftrat und Dagmar Elgart, Schauspielerin, ebenfalls in Wisen wohnend, Regie führte, entstand das Freilicht-Musical 100 Jahre Hauenstein-Basistunnel - Tecknau-Trimbach.

Steinbruch «Chänel» als grandioser Schauplatz

Ort der Handlung ist der Steinbruch «Chänel», der sich grandios als Schauplatz eignet. Gegen dreihundert Personen finden auf der gedeckten Tribüne Platz, die den Blick in die aufsteigende Steinbruchwand freigibt, wobei unten auf dem halbrunden Platz das Haus der Familie Kreienbühl steht, Steinbruchbesitzer, gespielt von Thomas Nussbaumer und Elisabeth Studer mit Tochter Margrit und Hedi (Amira El Hachimio, Sereina Lahl). Diesem Häuschen mit Balkon und Veranda gegenüber, ganz an den Rand gedrückt, erkennt man die Baracke der Italiener, die dort mit ihren Familien leben.

Eine Ausgangslage, die auf das kommende Spektakel neugierig macht, vor allem weil die imposante Steinbruchwand mit den Gesteinsstrukturen einem hautnah in diese Welt der Tunnelgraber und Steinhauer vor 100 Jahren einführt. Welch hartes Los musste es gewesen sein, tagelang in einem solchen Steinbruch Brocken frei zu schlagen, sie abzutransportieren, und zwar bei jedem Wetter. Der Kulissenaufbau von Hanspeter Gysin mit der Technik von Gabriel Nussbaumer kommt einem Abenteuer gleich, war aber ein Teil des Erfolges.

Wie das Schimpfwort «Tschingg» seinen Anfang nahm

Das Spiel begann mit singend vorbeiziehenden italienischen Frauen, die sich daran machten, Löwenzahn zu sammeln, als da plötzlich ein Schuss knallte, worauf sie erschreckt auseinanderstoben und der Jäger Benedikt Streifzug (Martin Winkel) mit seinem Hund, glänzend interpretiert von Moritz Winkel, auftauchte. Er hatte durch das ganze Theaterstück hindurch die Begabung, genau im falschen Moment mit seinem Gewehr herumzufuchteln.

Bedrohlich, wobei man die Gefahren, die er erkannte und dann etwas später Anton Kreienbühl ebenfalls, als er merkte, dass seine Früchte und sein Kuchen weg waren, nicht nachvollziehen konnte. Das Schimpfwort «Tschingg» nahm seinen Anfang und baute sich immer weiter aus zu «Tschinggewitz, zu «Tschiggebaby».

Beeindruckend waren die Steinbrucharbeiter Adriano (Dimitri Gamboni), Guiseppe, (Andreas Bächli) Mario, (Elmar Büeler) Vincenzo (Roman Stalder), Umberto (Lino Wilhelm) und Angelo (Luca Steiner). Sie bewegten sich im Juragestein des Steinbruchs mit Steinhammer, Schaufel und Pickel in beeindruckender Leichtigkeit. Von unten nach oben schauend bekam man manchmal ob den gewagten Vorgängen eine Gänsehaut. Es war dies ein furchtbar schönes und spannendes Bild.

Leidenschaft packte jeden Zuschauer

Diese Männer verschiedenen Alters, Kinder, spielten fantastisch, leidenschaftlich, mit Temperament und Schwung, mit Hand-und Körperbewegungen, die jeden Zuschauer packten. Nicht weniger beeindruckend waren die Frauen um die armselige Baracke herum. Darunter Antonella (Silvana Castelberg) mit ihrem violetten Schal, ihrer provokativen Mütze und mit ihrem unglaublichen höchst südländisch geprägten Temperament. Ob sie sich für die Männer einsetzte, die zu streiken versuchten, ob sie ihre Kinder verteidigte oder mehr Rechte forderte, immer spielte sie mit Feuerkraft.

Auch die anderen Frauen und Mädchen: Rosella (Antonia Bitterli), Lucia (Iacinta Lahl), Clementina (Brigitte Winkel), Sofia (Joy Büchi), Isabella (Anouk Burkard) und Melissa (Anja Bitterli) schlüpften in ihre Rollen mit viel Gespür für feine Schattierungen. Es gab grandiose Sängerinnen unter ihnen, auch die Mädchen wussten zu verzaubern.

Man erlebte eine italienische Ambiance, die fesselte und einem vor Augen führte, wie sehr die Menschen in ihren Kulturen verhaftet sind und wie wenig sie bereit sind, sich für andere zu öffnen. Dies war früher so und ist heute nicht immer besser. Das Fremde zieht wohl an, es macht aber auch misstrauisch, und irgend einmal fürchtet man um seine Privilegien.

Spiel, Gesang, Musik und Tierlaute

Eine traurige Tatsache, denn immer geht der Mensch in seinem Leben nur einen Schritt weiter, wenn er auch das zulässt, was er nicht kennt, wenn er bereit ist, Neues und Fremdes zu erfahren. Martina Nussbaumer spielte geschickt die Frau des Jägers, und ein besonderes Talent war der listig wirkende Sohn Jakob (Severin Nussbaumer), der immer einen Ausweg wusste. Eindrücklich auch die Mädchen Hedi (Sereina Lahl) und Agnes (Rebecca Emmenegger).

Doch was wäre ein solches Theaterstück ohne die Lebendigkeit von ein paar Tieren, die schliesslich in einem Steinbruch wohnen? Mirijam Nussbaumer mimte den heulenden Wolf, Laura Petschen den Luchs und Laura Lahl das scheue Reh. Schön und berührend war, dass die Musik ihre Bedeutung bekam. Das Spiel auf dem kleinen Piano auf der Laube durch Klavierspieler Jan Sviezena, die zarten und fordernden Töne der Trompete durch Urs Itin.

So verwob sich Spiel, Gesang und Musik (mit Tierlauten) zu einer Einheit und zeigte das Leben auf, das zu dieser Zeit, vor hundert Jahren, beim Bau eines Tunnels seinen Lauf nahm: schwierig und mühsam, aber auch abenteuerlich mit einem Schuss Humor und einer zarten Prise Poesie, so wie das Leben eben ist. Schliesslich erlebte man ihm Rahmen der Ereignisse die zarte Liebesgeschichte von Margrit und Adriano, junge Menschen aus zwei unterschiedlichen Kulturen, und das tröstete. Die Liebe ist wohl die beste Antwort auf viele ungelöste Fragen. Das war früher so und ist auch heute noch der Fall.

Der Regisseurin Dagmar Elgart und dem Autor Thomas Nussbaumer ist ein Theaterwurf gelungen, der in die Geschichte eingehen wird.

Aufführungen: Freitag 30. August und Samstag 31. August jeweils um 20 Uhr. Sonntag, 1. September, 14 Uhr, Freitag 6. September 20 Uhr (Derniere). Reservationen unter 062 293 52 43 oder www.zwillmatt.ch

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