Wenn die Eltern alt werden – was tut man da als Kind? Wenn sie plötzlich vergesslich werden, sich der Dinge nicht mehr erinnern? Man kann nur hoffen, oft wider die Vernunft, dass es nicht das Schreckgespenst Demenz sei.

Und muss vielleicht doch einsehen, dass da ein Prozess in Gang gekommen ist, der nicht mehr aufzuhalten ist. Der brutal Löcher in eine Biografie reisst, bis diese unkenntlich geworden ist.

Die Aufführung des Stücks «Vater», das im Oltner Stadttheater letzten Samstag unter der Regie von Rüdiger Henztschel gezeigt wurde, thematisierte eben dies: Einen 80-jährigen Vater, dessen Gedächtnis ihm immer öfter Streiche spielt, und eine Tochter, die vor Kummer nicht mehr zur Ruhe kommt.

Er nämlich möchte sich nicht eingestehen, dass irgendetwas mit seiner Wahrnehmung nicht stimmt. Er sucht das Problem bei der Tochter: «Du machst mir Sorgen. Hast du Probleme mit dem Gedächtnis?»

Aus dem Blickwinkel des Vaters

Das Stück des Pariser Dramatikers Florian Zeller, das 2014 mit dem Prix Molière ausgezeichnet wurde, zeigte einerseits realitätsnah auf, wie sich die gefürchtete Krankheit Bahn bricht. Sein Verdienst ist es jedoch, dass der an sich deprimierende Verlauf den Zuschauern keineswegs Tränen in die Augen trieb – es sei denn vor Lachen.

Die Wahrnehmung von Vater André verschiebt sich nämlich immer weiter weg von der Wirklichkeit und sorgt damit für Komik. Seine Meinung tut er ungehemmt kund: «Wo ist meine andere Tochter – die, die ich lieber mag?»

Klug auch der Einfall, das Geschehen aus dem Blickwinkel des Vaters darzustellen. Gezeigt wird also keine chronologische Abfolge von Ereignissen. Sondern eine Reihe von Situationen, die mal real, mal fiktiv sind. Was schliesslich Wahrheit und was Fantasie ist, weiss der Zuschauer nie so genau.

Ein Verwirrspiel, in dem der Vater zusehends die Orientierung verliert: «Ich habe bemerkt, dass mit mir etwas Seltsames passiert – Löcher in meinem Gedächtnis», vertraut er der Krankenschwester an, die sich auf Geheiss seiner Tochter Anne um ihn kümmert.

«Aber kein Wort zu meiner Tochter», fügt er an. Schliesslich kann er sich auch vor ihr nicht mehr verstellen: «Was ist los mit mir?»

Deutlich wurde, wie beide Seiten die Welt nicht mehr verstehen: Der Kranke, der zunehmend die Realität aus den Augen verliert. Und dessen Tochter, die mit ansehen muss, wie aus dem geliebten Menschen ein Fremder wird. Trotz der immanenten Tragik brachte das Stück in der deutschen Fassung das Publikum immer wieder zum Lachen.

Die Schauspieler des deutschen Tourneetheaters Landgraf gingen in ihren Rollen auf. Irene Christ als Tochter Anne zeigte glaubhaft auf, wie sich die Krankheit für die Nächsten anfühlt: «Wenn du wüsstest, was für eine Autorität er hatte – und jetzt singe ich ihm Schlaflieder», bemerkt sie ernüchtert.

Insbesondere Ernst Wilhelm Lenik war grossartig in der Rolle des Vaters, den er in seinem geistigen Zerfall eindringlich mimte. Sorgte er zwischendurch mit seinen krausen Ansichten noch für Heiterkeit, wurde am Schluss offensichtlich, dass er sich nicht mehr zurechtfindet. Und, so mag man das offene Ende interpretieren, daran verzweifelt.