Die Zahlen zur Demenz – beeindruckend; die davon Betroffenen, die Involvierten, die Sachkundigen beeindruckend bemüht und beseelt von ihrer Aufgabe beziehungsweise der Herausforderung, dieser Krankheit zu begegnen. Den Eindruck jedenfalls vermittelte der Verein Palliative SO», welcher unter der Affiche «Demenz macht betroffen» zur Jahrestagung in die Fachhochschule Olten lud.

«Wir möchten mit der Veranstaltung den Wissensstand der Mitglieder verbessern und in einem öffentlichen Anlass die Bevölkerung für dieses wichtige Thema sensibilisieren», so Vereinspräsident Christoph Cina.

Rund 110 000 Personen betroffen

Die nachmittäglichen Workshops zum Thema hatten ein Fachpublikum angesprochen, die Abendveranstaltung unter der Prämisse «Demenz macht betroffen und kann auch dich treffen» richtete sich an eine breitere Öffentlichkeit.

Die effektvolle Ouvertüre zu Letztgenanntem gehörte Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der schweizerischen Alzheimervereinigung. Bekanntlich nämlich wirkt nur wenig beeindruckender als gefühlte Situationen, welche man in Zahlen belegt bekommt: Und just dies hatte sich Martensson zur Aufgabe gemacht: In einer knappen Dreiviertelstunde führte sie das gut 200-köpfige Publikum durch Statistisches und Erfahrungswerte aus der Welt jener, die mit Demenzerkrankten zu tun haben: Angehörige, Pflegende, Ärzte.

Rund 110'000 Menschen leiden schweizweit an Demenz, 26'000 kommen jährlich hinzu. Und es würden immer mehr; denn die Bevölkerung werde älter und die Babyboomer-Jahrgänge stünden vor der Tür, so die Geschäftsführerin. Im Durchschnitt beträgt die Leidenszeit zehn Jahre. Eine Krankheit mit bedrohlichem Potenzial also.

Frauen in der Überzahl

«Frauen leiden häufiger an Demenz als Männer», so die Geschäftsführerin weiter. Der Grund dafür – ein einfacher: Frauen werden älter als Männer. Und wer jemals auf Besuch in Alters- und Pflegeheimen weilte und dabei den Eindruck bekam, viele der Bewohnenden dort würden an Demenz leiden, sah sich von Martensson bestätigt: «Bereits heute leiden zwei Drittel der Heimbewohnenden daran.» Und die wenigsten seien für Demenzkranke bedürfnisgerecht eingerichtet.

Angehörige leiden stark mit

Daneben gibts vor allem auch jene Erkrankten, die zu Hause von Angehörigen betreut werden. Ehepartner, Töchter und Söhne tragen die Hauptverantwortung bei der Betreuung der schweizweit rund 55 000 Fälle.

Dass es sich um eine anspruchsvolle und allenfalls auch konfliktbeladene Aufgabe handelt, zeigt sich am Umstand, dass deren Krankheitsanfälligkeit massiv erhöht ist, diese mehr Medikamente zu sich nehmen oder häufiger an Müdigkeit leiden.

«Sie müssen sich vorstellen», so Martensson, «eine alte demenzkranke Frau hat mit grösster Wahrscheinlichkeit auch einen etwa gleichaltrigen Partner. Und ältere Menschen sind nun einmal nicht mehr so belastbar.» Kein Wunder also, dass Betreuende als Problem Nummer eins «die Organisation des täglichen Lebens» anführen.

Unter der Leitung von Jakob Fuchs diskutieren zum Finale der Jahrestagung Susanne Roth, Hubersdorf (betroffene Angehörige), Maya Glauser, Aeschi, (Pflegende), Regula Meier, Derendingen (Hausärztin) und Birgitta Martensson die Thematik.

Von der Schwierigkeit einer Diagnosestellung, deren Akzeptanz, über den nicht immer leichten Umgang mit betroffenen Patientinnen und Patienten bis hin zur Überforderung pflegender Angehöriger machten die Frauen eine breite Palette an Momenten und Situationen fürs Publikum greifbar.

Situation kann eskalieren

«Wir wurden gar nicht ernst genommen, als wir beim Hausarzt der Mutter unsere Vermutung platzierten, sie könnte an Demenz erkrankt sein», erinnerte sich Susanne Roth an die Anfänge der Krankheitsgeschichte, derweil Maya Glauser von belastenden Situationen erzählte, die geprägt durch Missverständnisse (z’leid wärche! Entzug der Körperlichkeit) auch zu Eskalationen führen können, derweil Regula Meier für einen sensiblen Umgang mit Betroffenen plädierte und die Mittlerrolle des Arztes/der Ärztin hervorhob. «Man kennt ja schliesslich beiden Seiten», meinte sie; «die Angehörigen wie die Patienten.»

«Aufgehen im Moment»

Wie sich denn die Runde – im Fall der Fälle – ihre persönliche Situation vorstellen würde, fragte Fuchs zum Schluss der Runde. Die meisten der vier Damen äusserten den Wunsch, zu Hause bleiben zu können und allenfalls jenes Stadium zu durchleben, welches das «Aufgehen im Monent» einschliesst.

«Ich kenne Patienten, die stets meinen Mantel streicheln, weil der so fein ist», meinte Meier. Und Martensson vermutete, sie könnte allenfalls die Sprachen jenseits ihre Muttersprache verlieren. «Ich komme aus Schweden, aber ob ich zurückkehren könnte», meinte sie im Wissen darum, dass die Welt der Demenzpatienten von aussen wohl kaum zu erahnen ist und darum verborgen bleibt. Aber Bewohnerin eines Heim in der Natur zu sein, das konnte sich die Geschäftsführerin doch vorstellen.