Für Solo-Violine schrieb Johann Sebastian Bach nur zwei Konzerte und zumindest eines davon, das längere, arbeitete er später für Orgel und für Cembalo um. Die Cembalo-Fassung des Violinkonzertes in d-Moll BWV 1052R ist bekannt und beliebt, das Violinkonzert hingegen wurde früher wenig gespielt. Weil es etwa zu virtuos war?

Heute gehört diese faszinierende Bach-Komposition ins Repertoire prominenter Geigenvirtuosen und die japanisch-amerikanische Star-Geigerin Midori spielt sie auf ihrer März-Tournee durch Europa gleich mehrmals. Glücklicherweise auch in Olten, an ihrem einzigen Konzert in der Schweiz: Das anspruchsvolle Violinkonzert entpuppte sich in der Interpretation der 47-jährigen Künstlerin als spannender Dialog zwischen Sologeige und Streichorchester. Dieses hat nicht nur eine begleitende Funktion — eine dankbare Aufgabe für das perfekt abgestimmte Münchener Kammerorchester.

Midori und ihre 285-jährige Violine

Unglaublich schön und dominierend war vor allem auch der Klang der 285-jährigen Violine, die Midori spielt. Das wertvolle Instrument stammt aus der mittleren Schaffenszeit des italienischen Geigenbauers Giuseppe Guarneri. Midori entlockte dem kostbaren Musikgerät wunderbare Töne und stürmische Kadenzen. Und mit Leichtigkeit zeigte die Virtuosin überraschenderweise, dass Bach eigentlich melodiöse Themen komponiert hat und weniger mathematisch bestimmt ist, als behauptet wird.

Nicht minder prägnant gestalteten die Solistin und das Kammerensemble Bachs zweites Violinkonzert in E-Dur BWV 1042. Besonders dem Schlusssatz, dem mitreissenden Allegro assai, war anzuhören, dass sich die seit neuestem in Philadelphia als Musikpädagogin wirkende Star-Violinistin Midori seit Jahrzehnten mit Bach beschäftigt. Schon als Wunderkind hat sie in ihren frühesten Auftritten Werke des deutschen Meisterkomponisten gespielt. Mit einer anspruchsvollen Bach-Sarabande als Zugabe demonstrierte Midori dem Publikum im ausverkauften Oltner Konzertsaal erneut sowohl ihre Perfektion als auch den ausserordentlich angenehmen Klang ihrer seltenen Geige.

Kammerorchester sorgte für Höhepunkt

Doch noch nicht genug Bach! Das 1950 gegründete Münchener Kammerorchester hatte zuvor schon Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 in G-Dur BWV 1048 temporeich vorgetragen. In diesem Bach-Konzert sind zwar einige reizvolle solistische Aufgaben vorhanden, aber grösstenteils profilieren sich die Orchestergruppen und agieren sowohl mit- als auch gegeneinander. Unter der Leitung des Konzertmeisters Daniel Giglberger sorgte das Kammerorchester für einen der zahlreichen Höhepunkte des Konzertabends und bewies erneut, dass es zu den besten Orchestern Deutschlands gehört.

Das Jahresmotto des Münchener Kammerorchesters ist in dieser Saison «vorwiegend heiter». Dazu rechnen darf man da sicherlich die einprägsamen Melodien aus dem populären Edvard-Grieg-Werk «Aus Holbergs Zeit», einer Suite für Streichorchester, op. 40, aus der mittleren Schaffensperiode des norwegischen Komponisten. Die romantisch klingende, sich aber formal an der Klassik anlehnende Suite war ein guter, angenehmer Auftakt zum langen, aber packenden Konzertabend.

Nach der Pause stimmte die Streichersinfonie Nr. 8 in D-Dur auf die folgenden Bach-Werke ein. Die Sinfonie des damals erst 13-jährigen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy zeugt von grosser musikalischer Reife. Besonders originell und aussergewöhnlich ist auch das Adagio, in dem sich die Violinen ausruhen können, weil nur Bass, Celli und Violen die ruhigen, fast sanften Themen vortragen: Eine weitere dankbare Aufgabe für die hervorragenden Musiker des Münchener Kammerorchesters.