Oltens Stadtpräsident Martin Wey sagt: «Mit einer halben Million Franken vonseiten der Stadt konnten unter anderem die Mitgestaltung und die Übernahme von Verantwortung durch die Bevölkerung angeregt werden.» Was auch Ziel der angestrebten Quartierentwicklung Olten Ost war, die künftigen Geschicke eines ganzen Stadtteils auch in die Hände Direktbetroffener zu legen, nämlich, wurde also erreicht.

Freiwilliges Engagement, wohin man blickt, auch über die eigentliche Planungsphase hinaus. Allerdings: Einige Projektergebnisse – wen wunderts – blieben auch hinter den Erwartungen der vielköpfigen Mitwirkendenschar zurück. Denn auch visionäre Vorstellungen standen am Anfang.

Der Autor Friedrich Dürrenmatt nannte solches jeweils «die Berufskrankheit des Theaters». «Anvisi(oni)ert» wurden etwa eine Bevölkerungszufriedenheit von 99,9 Prozent, eine begrünte Unterführungsstrasse, eine Flanierzone Bahnhof, das Stadthaus in Olten Ost, eine akzeptierte Direktverbindung Alte Aarauerstrasse–Holzbrücke–Altstadt. Und als Kulminationspunkt der visionären Ergüsse: ein Preissegen für Olten oder gar Olten Ost. Wakker-Preis, Auszeichnungen als Velo- und Fussgängerstadt, Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe.

«Es ist immer ein bisschen so: Am Anfang herrscht Aufbruchstimmung, sind die Mitwirkenden euphorisiert. Am Schluss stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein», so Stadtschreiber Markus Dietler, der im Projekt als Leiter strategische Planung wirkte. Man kocht halt auch nur mit Wasser. Aber: Was heisst da Visionen? «If we can dream it, we can do it», sagt der US-Amerikaner.

Ein Projekt mit Renommee

Integrale Quartierentwicklung, Lebensqualität, soziale Integration: drei Haupttätigkeitsfelder der Quartierentwicklung Olten Ost. Auch wenn viele der planerischen und konzeptionellen Arbeiten für eine Mehrheit in der Stadt wenig sichtbar wurden: Das Begegnungszentrum Cultibo tritt als eigentliches Schlüsselprojekt hervor, ist weithin sicht- und spürbar und wurde zum eigentlichen Kristallisationspunkt der Quartierentwicklung.

Die Einrichtung, von einem Verein getragen und von der Stadt (noch) mitfinanziert, gilt gemäss Schlussbericht landesweit als «Vorzeigeprojekt für den Aufbau eines Quartierzentrums». Darum beteiligen sich Bund und Kanton Solothurn an einer Evaluation dieses Erfolgsmodells durch die Hochschule Luzern. Es sei erfreulich, dass im Quartier so viele Bewohnerinnen und Bewohner lebten, welche das Zentrum nutzten, eigene Ideen umsetzten oder sich als ehrenamtlich Tätige verstehen würden, bilanziert etwa Paul Dilitz als Präsident des Vereins Begegnungszentrum Cultibo. Und Sindu Rajendiran, eine Quartierbewohnerin, verdeutlicht dies in englischer Sprache: «Cultibo gibt mir die Möglichkeit, meine Gedanken und Probleme mit andern zu teilen und Lösungsansätze dafür zu bekommen.»

Positiv vermerkt werden können zudem Aktivitäten wie das Quartierfest im Vögeligarten, die kulturelle Zwischennutzungen der Liegenschaft Aarauerstrasse 55 (Tattarletti), die Umgestaltung öffentlicher Flächen zu Gartenanlagen, umfangreiche Anlässe im Cultibo selber oder etwa die Aktivitäten im Bauerngarten. Fast liesse sich sagen: Zumindest die Begegnungsebene wurde durch zahlreiche frisch initiierte Aktivitäten enorm gestärkt, auch wenn deren Härtetest noch ansteht; nämlich dann, wenn sich die Stadt – wie vom Parlament verordnet – sukzessive von ihrer finanziellen Verbindlichkeit löst.

Hinter den Erwartungen zurück

Hinsichtlich städtebaulicher und verkehrstechnischer Fragen blieben die Projektergebnisse aber doch hinter den Erwartungen zurück. Was im Laufe der Prozesse in der politischen Traktandenliste Aufnahme fand, verebbte grösstenteils. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern mangels Finanzen oder, wie der Schlussbericht andeutet, vielleicht auch mangels Fantasie.

Eine Alternative zur Winkelunterführung bleibt damit ebenso visionär wie ein verkehrsberuhigter Bifangplatz. Ungelöst auch: das Problem des Fluchtverkehrs durchs Säliquartier. Wie sich zeigte, sind Gegenmassnahmen selbst in den betroffenen Quartieren nicht mehrheitsfähig. «Das Spannungsfeld», so der Bericht, «reicht vom Ärger der direkt vom Umwegverkehr Betroffenen bis hin zu einer jüngst im Parlament eingereichten Motion, welche die Aufhebung der flächendeckenden Fahrverbote ausgenommen Zubringerdienst fordert.»

Zudem vermissten Mitwirkende eine aktive städtische Immobilienpolitik. Das Haus Cultibo, die einzige Erwerbung der Stadt im Prozess, wurde – auch aus monetären Gründen – wieder veräussert. Eine an sich widersprüchliche Praxis, denn wer besitzt, bestimmt auch. Der Bericht hält nüchtern fest: «Taktgebende Partner in kooperativen Planungsprozessen sind die Investoren. Letztlich entscheiden private Akteure autonom, inwieweit sie in ihre Liegenschaft investieren wollen.»

Eine Bilanz aus der Sicht des Leiters strategische Planung? «Nicht so einfach zu sagen», resümiert er. «Erfreulich war sicher festzustellen, wie viel kreatives Potenzial die Beteiligten einbrachten, wie viele sich überhaupt am Prozess beteiligten», so Dietler. Und auf städtischer Seite sei die Erkenntnis gereift, dass Entwicklungsprozesse über Gestaltungspläne hinausreichen und deren Steuerung und Beeinflussung ein interdisziplinäres Vorgehen erforderten. Quartierentwicklung, so hält der Schlussbericht eingangs schon fest, sei weder eine rein soziale noch rein bauliche Angelegenheit. Beide Aspekte würden einander beeinflussen.

Bezüglich der gesellschaftlichen Komponente hat Olten Ost während des Prozesses mit Sicherheit mehr als einen Identitätsschritt nach vorn gemacht. Solche Phänomene sind zwar nicht Teil des Unesco-Weltkulturerbes, aber vielleicht doch Basis dazu.