Die (Dom-)Spatzen haben es schon längst von den Dächern gepfiffen: Hanspeter Betschart, «Stadtpfarrer» von Olten seit 1998, verlässt bald die St.-Martins-Pfarrei und wird im September als Guardian des Kapuzinerklosters Wesemlin in Luzern unter anderem drei Bibliotheken betreuen. Was aber nur wenige wissen dürften: In diesen Tagen erschien sein Lehrwerk zum neutestamentlichen Griechisch, das er grösstenteils während eines Sabbatjahres vor seiner Oltner Zeit geschrieben, aber während Jahren in mühsamer akribischer Kleinarbeit stets verbessert hatte, erweitert um die Beihefte mit grammatikalischen Tabellen und dem Schlüssel (zu den Tests und Aufgaben).

Er selbst, der ja bekanntlich neben seinen vielfältigen Tätigkeiten als Seelsorger, Reiseführer (nach Assisi und Rom) und Merlothändler mit eigenem Grotto viele Schriften zur Martinskirche – auch als Don Camillo rund um den Merlotteich –, sowie zu Franziskus von Assisi und anderen Themen verfasst und jeweils an der Fasnacht die Gläubigen und weniger Gläubigen mit seinen Knittelversen – ebenfalls als Büchlein greifbar – erfreut hat, nennt das erschienene Lehrmittel HELLENISTI GINOSKEIS («Verstehst du Griechisch?») nicht ohne Stolz sein Lebenswerk.

Wie kommt ein derart vielbeschäftigter und lebensfroher Mann dazu, ein solches Werk zu schreiben? Hanspeter Betschart, der nicht nur Theologie, sondern auch Altphilologie studiert hatte, wurde 1990 in Luzern – damals noch an der theologischen Fakultät, heute Universität – Lehrbeauftragter für Bibelgriechisch und Latein. Bald sah er ein, dass die wenigen Unterrichtsstunden in Latein und Griechisch für eine solide Vertiefung nicht ausreichten. Zudem waren die vorhandenen Lehrwerke nicht nach seinem Geschmack: Es störte ihn sehr, dass die Sätze nicht im originalen Wortlaut geboten wurden, sondern dem Original nur nachempfunden waren. Auch galt es, da die Studierenden immer weniger Vorkenntnisse mitbrachten, den Stoff auf das Wesentliche zu reduzieren.

Es lag also auf der Hand, selbst zur Feder zu greifen. Dabei verwendete er nur Wendungen und Sätze aus dem ganzen neutestamentlichen Bibel-Korpus. Das Ziel war ja klar gegeben: neutestamentliche Schriften im Original lesen zu können. Entstanden ist ein leserfreundliches, didaktisch wie methodisch geschickt aufgebautes Lehrmittel, in dem die langjährige Lehrerfahrung des Verfassers auf jeder Seite zu spüren ist, vor allem bei den knapp gehaltenen, aber präzisen Erklärungen.

Der Aufbau ist so angelegt, dass die Studierenden relativ schnell Fortschritte machen, zumal in den ersten Lektionen die wichtigsten Wörter gelernt werden. Der Lernwortschatz besteht übrigens nur aus solchen Vokabeln, die 25-mal und mehr im Neuen Testament vorkommen. Das Buch besteht aus 25 Lektionen, in jeder sind ungefähr 25 Wörter, einmal ein paar mehr, einmal etwas weniger, zu lernen. Alle Bibelzitate sind mit den genauen Fundstellen angegeben, sodass die Lernenden bei Übersetzungsschwierigkeiten sofort in einer deutschen Bibelausgabe nachschlagen können.

Ab Seite 142 findet sich ein sehr nützlicher Anhang, unter anderem mit Tests, liturgischen Texten, der Bibliografie und dem Vokabel- und Abkürzungsverzeichnis. Erfreulicherweise ist das Wörterverzeichnis nicht nur Griechisch – Deutsch, sondern auch Deutsch – Griechisch. Angereichert ist das Buch mit 14 zum Teil farbigen Abbildungen; originell sind die Apostellisten auf Seite 13.

Die einzelnen Lektionen sind nach folgendem Schema aufgebaut: Vokabular (immer auch mit Hinweisen auf deutsche Fremdwörter, verwandte griechische sowie lateinische Wörter), Übungen, Wendungen, Bibelstellen, gelegentlich Hinweise auf Lesestellen, zum Beispiel in Lektion 2 auf Mt 1, 1–17; 5, 3–12; Lk 3, 23–37. Es werden also keine längeren zusammenhängenden Lektürestücke geboten, eine griechische Textausgabe des Neuen Testaments ist unerlässlich – für angehende Theologen eine Selbstverständlichkeit. Auf Drängen der Studierenden fertigte der Autor die höchst arbeitsintensiven grammatikalischen Tabellen sowie den Schlüssel mit allen Lösungen an. So können alle, die sich mit dem Lehrwerk beschäftigen, selbstständig arbeiten und ihre Leistungen überprüfen. Verdienstvollerweise sind noch Lernkarten dabei, welche Frau Dr. des. Nicola Schmid, die in Luzern Griechisch im Fernstudium erteilt, zusammengestellt hat.

So ist aus dem Lehrbuch, das ursprünglich für den akademischen Unterricht mit Lehrerbegleitung konzipiert war, ein Instrument geworden, das ein jeder – auch ein Laie – ohne Hilfe von aussen benutzen kann. Mit den häufigen Wendungen aus der Bibel und den nicht mehr überall bekannten Zitaten daraus erreicht Betschart gemäss dem Gesetz der unerwarteten Nebenwirkungen – die er natürlich bewusst eingeplant hat –, dass die Studierenden neben den Grundkenntnissen in neutestamentlichem Griechisch einen vertieften Einblick ins Neue Testament erhalten.

Wer sich auf das Buch einlässt, wird, wenn er das nötige Sitzleder hat, an ihm seine Freude haben und grossen Gewinn daraus ziehen. Das grafisch sehr gefällig gestaltete Ringbuch in A4-Format – die Titelseite stammt vom verstorbenen Altmeister Karl Rüde – hat 200 Seiten und ist zusammen mit den zwei Begleitheften sowie der Lernkartei im Martins-Verlag Olten erschienen. Es kostet 80 Franken.

Ebenfalls von Hanspeter Betschart sind früher im gleichen Verlag herausgekommen: Latinitas Christiana, Einführung in die christliche Latinität, Olten 2004; Cursus Litterarum, Lateinische Lektüre, Olten 2005.