Amtsgericht Olten-Gösgen

War der Sex für beide o.k.?

Der Beschuldigte sagt, der Sex war einvernehmlich, die Geschädigte widerspricht. Was stimmt?

Der Beschuldigte sagt, der Sex war einvernehmlich, die Geschädigte widerspricht. Was stimmt?

Ein junger Mann musste sich wegen möglicher Schändung vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten. Nach einer durchzechten Nacht in einem Zürcher Club ist es in seiner Däniker Wohnung zum Sex gekommen. Gegen ihren Willen, sagt die Geschädigte. In gegenseitigem Einverständnis, sagt der Beschuldigte.

Ereignet hat sich der Vorfall bereits vor mehr als drei Jahren. Konkret in einer Nacht Ende März 2013, als der Beschuldigte zusammen mit dem Opfer sowie einigen Kolleginnen in Zürich in den Ausgang ging.

Sie feierten mit 20 bis 30 weiteren Gästen in einer VIP-Lounge den Geburtstag des Clubbesitzers. Nach einer durchzechten Nacht, in der je nach Aussage mehr oder weniger viel Alkohol geflossen war, ging die junge Frau mit dem Beschuldigten, der zu diesem Zeitpunkt in Däniken wohnhaft war, nach Hause. In dessen Wohnung kam es in der Folge zum Geschlechtsverkehr. Am nächsten Morgen wachte die junge Frau auf, verliess die Wohnung und begab sich daraufhin ins Spital.

So weit ist die Sachlage unbestritten. Auch klar ist, wie sich die beiden kennen lernten: Der Beschuldigte war zu jenem Zeitpunkt als Modelscout, die Geschädigte als Model tätig. Über soziale Medien kamen sie in Kontakt, zu einer Zusammenarbeit ist es schlussendlich nicht gekommen. In der Folge lud der Beschuldigte die Frau wiederholt zu Partys ein, sie hatte jeweils abgelehnt. Bis zu dieser Nacht im März jedenfalls.

Einvernehmlicher Sex oder nicht?

Was aber nicht feststeht, ist, ob der Sex einvernehmlich war oder nicht. «Ja, sie wollte das auch. Die Initiative kam von beiden Seiten», erklärte der Beschuldigte in grau gemustertem Hemd, schwarzen Jeans und schwarzen Sneakers vor Amtsgerichtspräsidentin Barbara Hunkeler. «Wir haben uns in die Augen geschaut, geküsst und gestreichelt.» Die Geschädigte, mit Brille, orangefarbenem Blazer und schwarzen Hosen, dementierte dies wiederum in ihrer Befragung, welche der Beschuldigte in einem Nebenzimmer via Live-Videoaufzeichnungen mitverfolgen konnte: «Ich hätte dazu niemals eingewilligt. Ich bin nicht der Typ, der mit unbekannten Leuten so etwas macht», stellte sie klar und fügte an, dass sie zu diesem Zeitpunkt einen Freund hatte.

Auch sonst lieferten die beiden widersprüchliche Aussagen. Während der Beschuldigte zu Protokoll gab, dass er normal mit der Klägerin habe kommunizieren können, erklärt sie, dass sie sich an nichts erinnern könne. Ausserdem stritt der Beschuldigte in der ersten polizeilichen Einvernehmung ab, mit der Geschädigten Sex gehabt zu haben, und seine Aussagen unterschieden sich zum Teil von jenen aus der Einvernahme. Zur Verhandlung vorgeladen waren auch zwei Zeuginnen.

Zum einen die Kollegin der Geschädigten, die damals gemeinsam mit ihr in Zürich war. Sie sagte aus, dass sie und ihre Kollegin den ganzen Abend gemeinsam verbrachten. Nur einmal habe sie sich entfernt, und als sie wieder zurückkam, war die Geschädigte laut Kollegin stark alkoholisiert, wie weggetreten.

Zum anderen eine Kollegin des Beschuldigten, welche die beiden mit dem Auto vor dem Zürcher Club abgeholt und nach Däniken gefahren hatte. Weil von ihr gestern Dienstag nichts zu sehen war, musste die Verhandlung kurz unterbrochen werden. Dann wurde beschlossen, den Prozess trotz fehlender Zeugenaussage weiterzuführen.

In den zuvor stattgefundenen polizeilichen Einvernahmen hatte die fehlende Zeugin bestätigt, dass die Geschädigte bei Verlassen des Clubs stark alkoholisiert war. Die Geschädigte ihrerseits erklärte, dass sie nur zwei alkoholische Getränke konsumiert habe und auch sonst nicht viel Alkohol trinke.

Aufschlussreiche Handyauswertung

Im Anschluss an die Beweisaufnahme folgten die Plädoyers. Nach den Ausführungen von Staatsanwältin Kerstin von Arx und Rechtsanwältin Andrea Stäuble Dietrich schien die Sache klar: Aufgrund der konstant glaubwürdigen Aussagen der Geschädigten sowie des forensisch-toxikologischen Abschlussberichts und der widersprüchlichen Aussagen des Beschuldigten sei er der Schändung schuldig zu sprechen.

Die Staatsanwältin forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung, Rechtsanwältin Stäuble eine «angemessene Bestrafung des Beschuldigten» sowie Schadenersatz in mittlerer vierstelliger Höhe und eine Genugtuung von 20 000 Franken, da die Geschädigte auch als Privatklägerin auftrat.

Verteidiger Severin Bellwald sah die Sache naturgemäss anders: «Nur weil sich die Geschädigte nicht mehr an den Geschlechtsverkehr erinnern kann, heisst das nicht, dass der Sex nicht einvernehmlich stattgefunden hat.» Sie könne sich schliesslich auch nicht an Fotos erinnern, die an diesem Abend entstanden.

Ausserdem konnte er mithilfe der Handyauswertung der Geschädigten zeigen, dass sie, entgegen ihrer Aussage, schon mehrmals viel Alkohol getrunken und sich auch erbrochen hatte. Er forderte den Freispruch für seinen Mandanten sowie eine Genugtuung von 10 000 Franken, da seit Bekanntwerden des Strafverfahrens die familiären Verhältnisse des Beklagten schwierig seien und sich im Modelbusiness gewisse Türen für seinen Mandanten geschlossen hätten.

Das Urteil wird Ende Woche bekannt gegeben.

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