Olten

Vor 100 Jahren: Tollkühne Männer – fliegende Kisten in Olten

Der erste Flugtag in Olten lockte Tausende aufs freie Feld.

Der erste Flugtag der Region lockte 1919 rund 10 000 Flugbegeisterte an. Auch Frauen wollten aus den fliegend Kisten einen Blick aufs Heimatland werfen.

Am Anfang der Oltner Aviatik standen zwei Flugtage, über welche das Oltner Tagblatt ausführlich berichtete. Die Zeitung schrieb im Rahmen des ersten Oltner Flugtages vom 27. Juli 1919: «Von menschlicher Hand geführte Riesenvögel waren schon oft über der Stadt zu sehen.» Also waren die Aeroplane nichts Neues für die Bevölkerung. Der erste Oltner Flugtag hätte eigentlich bereits am 4. Mai 1913 stattfinden sollen.

Dass weitere sechs Jahren vergehen sollten bis zum ersten Flugtag, lag an zweierlei Umständen: Der Pilot, Ernst Rech aus Langenthal, war Anfang Mai 1913 mit seinem Flugapparat, der Kunkler-Flugmaschine, abgestürzt und tödlich verunfallt. Und dann folgte der Erste Weltkrieg (1914 – 1918), in welchem aus knapp flugtauglichen Drahtverhauen funktionstüchtige Militärflugzeuge entwickelt wurden.

Aber im Jahre 1919 war es dann soweit. Das Oltner Tagblatt (OT) – damals ein freisinnig-demokratisches Organ des Kantons Solothurns – schrieb: «Nachdem die Bevölkerung von Olten schon so oft Gelegenheit hatte, über der Stadt die grossen, von menschlicher Hand geführten Riesenvögel zu sehen, wird nun am nächsten Sonntag Gelegenheit geboten, diese interessanten Maschinen aus nächster Nähe zu sehen.» Die Oltner Offiziersgesellschaft hatte den ersten Oltner Flugtag initiiert. Der Sonntag, 27. Juli 1919, wurde zu einem vollen Erfolg. Der Artillerie-Leutnant Eugen Dietschi konnte Leutnant Max Cartier (Olten), Leutnant Zimmermann und Wachtmeister Burri als Piloten engagieren. Sie flogen die in Dübendorf stationierten Militärflugzeuge Haefeli D.H.3. Diese zuverlässigen Trainings- und Beobachtungsflugzeuge waren von August Haefeli aus Mümliswil konstruiert und in der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte Thun gebaut worden.

Zuschauer: Bitte die Kulturen schonen!

Das OT schrieb auch: «Herr Willener im Hammer hat in zuvorkommender Weise seine grosse Wiese links der Landstrasse nach Wangen, hinter der neuerbauten Scheune, zum Starte zur Verfügung gestellt. Wir möchten an dieser Stelle die Bevölkerung auffordern, die Kulturen zu schonen. Mitglieder des Kavallerievereins Olten-Gösgen werden den Bewachungsdienst durchführen. Die Stadtmusik Olten wird auf dem Flugplatze konzertieren.» Die Eintrittspreise sollten zur Schaffung eines ständigen Flugplatzes in Olten verwendet werden. Für einen Passagierflug von rund einer Viertelstunde Dauer musste man dagegen 50 Franken auf den Tisch legen. Für damalige Zeiten eine ganz währschafte Summe. Ein Lehrer hatte damals einen Jahreslohn von etwa 2500 Franken.

Rund 10 000 Zuschauer fanden gemäss Zeitung am 27. Juli 1919 den Weg zur besagten Wiese hinter der neuen Willener-Scheune. «Bekanntlich gehört das Landen zu dem Schwierigsten des Luftsportes. Wir haben beobachtet, wie Leutnant Zimmermann bei all seinen Landungen beinahe immer am nämlichen Orte auf die Erde kam», schrieb die Zeitung über die gemachten Beobachtungen. Rund zwei Dutzend Passagierflüge wurden ausgeführt. Zu den Passagieren gehörten auch Frauen. Das OT schrieb: «Mutig kletterten auch einige elegante Damen mit lachenden Augen ins Flugzeug und erklärten nach dem Flug, dass sie gar keine Angst gehabt hätten und die Sache wunderbar gewesen sei.»

Das Wort «Flugscham» kannte der damalige OT-Redaktor nicht. Er schrieb: «Uns kam das Fliegen als etwas so Selbstverständliches vor wie beispielsweise das Velofahren, nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass der Pilot und sein Passagier einen weit grösseren Genuss haben müssen, als ein staubschluckender Radler.» Dann setzte der Redaktor zum sehr pathetischen Schluss an: «Es war ein Schweizersonntagnachmittag, den wir gestern erleben durften. Hoch über uns im Aetherblau, da leuchteten auf den Tragflächen der Flugzeuge das weisse Kreuz im roten Feld. Unser Gruss gilt der kleinen tapferen Schar in Dübendorf.». Das Wetter an jenem 27. Juli war übrigens durchzogen.

Max Cartier: ein besonderer Liebling

Pilot Max Cartier

Der zweite Oltner Flugtag fand am Sonntag, 28. August 1921, auf dem heutigen Flugplatz statt; leicht versetzt in östlicher Richtung im heutigen Gebiet Olten SüdWest. Die Bürgergemeinde hatte ein Feld zur Verfügung gestellt. Das OT schrieb: «Der bewährte Flugzeugführer und besondere Liebling unserer Bevölkerung, Chefpilot Max Cartier, wird das Flugmeeting leiten. Als weiterer Flieger wird der ebenfalls bestbekannte Pilot Zimmermann mitwirken, der mit einem neuen grossen Metallflugzeug, System Junker, Flüge ausführen wird. Diese Maschine, die speziell als Passagierflugzeug gebaut ist und ausser dem Piloten für vier Passagiere bequem Platz bietet, wird von der Ad-Astra-Gesellschaft in zuvorkommender Weise erstmals für das Oltner Fliegen zur Verfügung gestellt.»

Es fällt auf, dass die Zeitung bereits vor hundert Jahren Anglizismen wie «Flugmeeting» verwendete. Beim grossen Metallflugzeug handelte es sich übrigens um eine Junkers F13, welche im Juni 1919 ihren Erstflug hinter sich gebracht hatte.

Das OT kündigte in der Freitagsausgabe vom 26. August 1921 an: «Das Publikum wird sicher auf seine Rechnung kommen und wie nicht anders zu erwarten, wird es die Bestrebungen massgebender Kreise, für Olten einen ständigen Militär- und Zivilflugplatz zu gewinnen, im Interesse des Ortes und der ganzen Gegend zu würdigen wissen und durch zahlreiche Teilnahme unterstützen.» Gut drei Monate später erteilte die Einwohnergemeinde Olten der Direktion für Militärflugplätze die Genehmigung, auf dem Gheid einen Hangar aufzustellen.

Freude am Auf- und Abstieg der Flugzeuge

Doch zurück zum Flugtag vom 28. August. Das OT schrieb am 29. August: «Der gestrige hier abgehaltene Flugtag war von ächtem [sic!] Fliegerwetter begünstig.» Und: «Aber erst nachmittags, als auch diejenigen, die am Morgen durch den Gwunder für den Stafettenlauf abgehalten waren, sich dazu gestellten und die Mittagszüge ebenfalls eine Menge Schaulustiger heranführten, war der Platz im Gheid von einer grossen Menschenmasse umgeben, die die schönen Flugzeuge der Ad Astra-Gesellschaft bewunderten und ihre Freude hatten an dem Auf- und Abstieg derselben. Diesen Satz mit 58 Wörtern dürfte man heute keinem Leser mehr zumuten.

Dafür musste der Leser auf Fotos verzichten. Die waren zu teuer und galten zudem als unseriös. Umso blumiger war die Sprache: «In ununterbrochener Folge reihte sich Flug an Flug, und es waren deren nicht wenige, die das Glück hatten, bei diesem herrlichen Herbstwetter aus der Vogelschau ihren Blick herunterwerfen zu können über die heimatlichen Gaue, über das traute Städtchen an der Aare, über Wald und Feld, Täler und Höhen.». Wie bereits zwei Jahre zuvor, war der Flugtag von 1921 ohne irgendeine Störung verlaufen, die Zuschauer waren hochzufrieden.

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