Am 13. November 2010 hatten sich zwei Männerduos in ihren Autos zwischen Wolfwil und Fulenbach ein Rennen geliefert, an dessen Ende ein Selbstunfall mit glimpflichem Ausgang stand. Seit Montag stehen die Verantwortlichen vor den Schranken des Amtsgerichts Olten-Gösgen.

Der Dienstag beinhaltete im Wesentlichen die Plädoyers der Verteidigung. Was Rechtsanwalt Michel Meier als Vertreter von Fahrer A am ersten Tag des Raserprozesses mit seinem Plädoyer andeutete, setzte sich am zweiten Prozesstag fort: die Zerzausung der staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift nämlich.

Weder Thomas Müller (Vertreter Beifahrer A), Oliver Wächter (Vertreter Fahrer B) noch Reto Gasser (Vertreter Beifahrer B) konnten sich auch nur annähernd mit der Argumentation des Staatsanwalts Marc Finger einverstanden erklären. Dementsprechend fielen auch ihre Strafanträge aus: Für Fahrer A, dem unter anderem auch versuchte vorsätzliche Tötung vorgehalten wurde, hatte Finger eine unbedingte Freiheitsstrafe von insgesamt siebeneinhalb Jahren beantragt; Meier dagegen lediglich eine bedingte Freiheitsstrafe von 10 Monaten. Für Beifahrer A hatte Finger eine unbedingte Freiheitsstrafe von 28 Monaten vorgesehen, Verteidiger Müller plädierte für einen Freispruch auf der ganzen Linie.

Für Fahrer B sah der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten, davon deren 24 bedingt, vor, während Verteidiger Wächter auf 150 Tagessätze plädierte. Deren Höhe wollte er dem Amtsgericht überlassen sehen. Und für Beifahrer B, für den Finger eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon deren 18 bedingt, vorgesehen hatte, beantragte Verteidiger Gasser eine bedingte Strafe von 100 Tagessätzen à 80 Franken.

Wenig übrig

Es blieb aus Sicht der Verteidigung wenig von der Anklageschrift übrig. Grund: Sie folgte der durch die Staatsanwaltschaft angemahnten ganzheitlichen Beurteilung des Falles nicht. Finger nämlich hatte – aufgrund der Schwere der Geschehnisse – jeden der vier Männer, heute im Alter von 22 und 23 Jahren, für diverse Vorhalte gleichermassen angeklagt, ungeachtet ob Fahrer oder Beifahrer: mehrfache grobe Verletzung der Verkehrsregeln, mehrfache Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes und Fahren in fahrunfähigem Zustand wegen vorausgegangenen Drogenkonsums.

Letzteres wurde von der Verteidigung übrigens grundsätzlich in Abrede gestellt. Und: Blosses einvernehmliches Mitfahren könne nicht unter der Prämisse Mittäterschaft gesehen werden, noch nicht einmal unter jener der Gehilfenschaft, argumentierte die Verteidigung von Beifahrer A. Müller ging bei seinem Klienten davon aus, dass dieser sich weder bei den Beratungen um das bevorstehende Rennen noch sonst wie unterstützend bemerkbar gemacht habe. Und: Beifahrer A habe unter diesen Umständen eigentlich gar nie in Untersuchungshaft gehört: So forderte der Anwalt für die 18-tägige Untersuchungshaft noch 1800 Franken Genugtuung.

Auch Gasser konnte für seinen Klienten keine Mittäterschaft erkennen. Infrage komme höchstens eine Gehilfenschaft. Der Verteidiger räumte ein, dass sein Mandant zwar am Rennen interessiert gewesen sei, jedoch auch Angst verspürt habe und den Fahrer nach Abschluss der vermeintlichen «Rennphase» zum Bremsen angehalten habe. Sein Mandant sei zudem davon ausgegangen, dass die Dramaturgie des Rennes jener von «0 auf 100» entsprechen würde.

Verbale Ohrfeige

Fahrer B bekam von seinem Verteidiger so etwas wie eine verbale Ohrfeige verpasst. Sein Verteidiger attestierte ihm nämlich ein «selten dämliches Verhalten». Sonst aber konnte Wächter lediglich ein geringes Verschulden erkennen. Die Strecke des Rennens sei übersichtlich gewesen, bezüglich der gefahrenen Geschwindigkeiten gebe es nur Mutmassungen, sein Mandant habe das Fahrzeug im Griff gehabt und die Kurve beim «alten Bad» auch gekriegt.

Zudem sei sein Mandant, ebenso wie dessen Beifahrer, davon ausgegangen, dass sich das Rennen als eine Art Beschleunigungsrennen abwickle. Nicht zu negieren dagegen war die massive Geschwindigkeitsübertretung zwischen Wolfwil und Fulenbach. Aber ebenso wie Meier tags zuvor fehlte auch Wächter die konkrete Gefährdung, welche ein erhöhtes Strafmass zugelassen hätte.

So nicht

Die Plädoyers schienen Finger allerdings doch zu samten, sodass er sich in seiner Replik gezwungen sah, seine ganzheitliche Sicht der Dinge, vor allem aber jene bezüglich des Vorhalts auf versuchte vorsätzliche Tötung zu erläutern. «Wer mit 120 km/h in die Kurve beim ‹alten Bad› fährt, der nimmt den Tod des Mitfahrers, den eines andern Verkehrsteilnehmers oder den eigenen in Kauf.»

Im gleichen Atemzug wischte er auch die Bemerkungen der Verteidigung beiseite, welche stets davon sprach, dass sämtliche Geschwindigkeitsangaben lediglich auf Vermutung und Schätzungen beruhen würden. «Schätzung sind nicht nichts.».

Mit reumütigen Bemerkungen von Fahrer und Beifahrer B ging der Verhandlungstag zu Ende. Das Duo A blieb stumm.

Das Urteil wird am Montag, 3. Februar, mündlich eröffnet.