Er ist voller Geschichten, der Hubert Müller. Die meisten seiner Gäste nennen ihn Hubi, der Kürze und der Vertrautheit wegen. Seine schwarzfarbene Kochjacke ist denn auch so beschriftet, mit in Rot gehaltenem Zwirn. «Ich nenne mich halt so und die meisten meiner Gäste auch», erklärt er.

Fast 40 Jahre war Hubi der Wirt auf der «Alten Mühle», unten an der Dünnern, in zweiter Generation. Die markante und bei den Gästen beliebte Sonnenterrasse war ein Markenzeichen. Und ja, eben, da wär sie, eine seiner Geschichten: «Wissen Sie, als hier unten auf der Schützi die Drogenszene daheim war, da war die Terrasse stets sehr gut belegt. Ständig ging was: Polizeieinsätze, auffahrende Ambulanzen, der Betrieb auf dem Platz.» Hubert Müller lächelt ein bisschen. «Es gab halt viel zu sehen», schickt er hinterher.

Da fällt ihm auch noch die Geschichte mit den fein durchbohrten Kaffeelöffeln ein. Die hatte er sich einfallen lassen, weil die Kundschaft der Szene sich beim ihm mit eben diesem Besteck einzudecken suchte, um den Stoff darin aufzukochen. «Ich weiss noch, dass sich ein Gast über einen solchen Löffel beschwerte», lacht Müller. Er habe ihm dann gesagt, umrühren liesse sich damit allemal.

Ein Sesshafter wandert aus

Vergangene Zeiten. Im März kommenden Jahres legt Müller, der gelernte Koch und Kellner, seine Küchenwerkzeuge beiseite. «Altershalber», wie der 63-Jährige meint. Die «Alte Mühle» haben die drei gleichberechtigten Aktionäre Peter, Urs und Hubert Müller verkauft. Eine Tradition endet. Hubert Müllers Kinder nämlich haben mit der Gastrobranche nichts am Hut.

«Ich kann das verstehen», sagt der Wirt. «Ich weiss, wie das ist als Kind einer Wirtefamilie.» Und er verdeutlicht das anschaulich: «Sehen Sie, die Familie Müller brauchte keine Polstergruppe in der guten Stube. Entweder wir hielten uns in der Gaststube auf oder aber im Bett. Etwas dazwischen gabs praktisch nicht. Abgesehen davon hatten die Gäste stets Vorrang. Und das ist in dieser Branche eigentlich bis heute so geblieben.»

Nun, Wehmut ist Müllers Sache nicht. In den Hintergrund gerückt sind die Feststellungen, dass mit dem Rauchverbot die Atmosphäre änderte, der Stammtisch verschwand, die Vereine heute im Wesentlichen ausbleiben, die zahlreichen Take-aways Kundschaft abgraben. «Die Zeiten ändern sich», sagt Müller.

Das Rad lasse sich nicht zurückdrehen. Und so erzählt er vom Künftigen. Müller wandert nämlich aus. Was für die einen dramatisch tönt, relativiert er: «Es ist nicht weit weg; in acht Stunden ist man mit dem Auto wieder hier. Und wenn mich mal das Heimweh packt, fahre ich in die Schweiz zu Roger Lang und frage, ob er mir ein Zimmer habe für zwei Nächte.» Er lacht, lässt dann die Katze aus dem Sack, berichtet von Novigrad in Istrien, wo er sich an der adriatischen Küste Kroatiens niederlassen will.

Mit ein paar Projekten im Sinn und dieser Aussicht auf das süsse Nichtstun, die ja meistens wenig mit Nichtstun zu tun hat. «Ich konnte als Wirt ja nie wirklich reisen», meint Müller. «Da erzählten Gäste vom Polarkreis, den Malediven und so fort. Und ich?», so der Wirt. Vielleicht erklärt dies das kleine Fernweh, das in ihm steckt, ihn an die kroatische Adriaküste führt und den Gedanken nährt, aus der Ferne ein Buch über seine Zeit in Olten zu schreiben. Es käme schon was zusammen. Müller lacht über die Idee.

Gute Gäste

Jetzt hält er inne, grüsst einen der hereinkommenden Gäste mit Handschlag. Und schon hat ihn die Gegenwart wieder: «Ich hatte und habe gute Gäste», sagt er dann. Und solche, die der «Alten Mühle» die stete Treue hielten. «Es gibt eine Handvoll Familien, die wir, die Müllers, seit Jahrzehnten zu den Gästen zählen konnten», sagt er, deren Familienfeste, Geburtstage, Taufen sein Vater und er hätten bewirten dürfen. «Das ist ein schönes Gefühl», bilanziert er.


Dass Hubert Müller in der Gastrobranche landete, ist auch seinem Vater geschuldet. Damals sei das noch so gewesen, dass Väter die Berufswahl ihrer Kinder wesentlich beeinflussten. Was er heute, nach fast 40 Jahren auf der «Alten Mühle» anders machen würde? «Ja, vielleicht würde ich mich eher spezialiseren», erklärt er. Kleine Fläche, wenig Personal, ausgewählte spezifische, aber kleine Karte. «Müsste ich einen Einsteiger einen Tipp geben, ich glaub dann diesen», sagt er noch.

Der Sonntagswirt

Man muss ihn, einer der wenigen Wirte in Olten, die ihren Betrieb auch sonntags offen halten, nach just dieser Bilanz fragen. Hubert Müller reagiert sofort: «Das ist der schlechteste Tag der Woche», sagt er frontal. Aber Müller hielt durch.

Das Prinzip sei ein einfaches. «Wissen Sie, es ist nicht so, dass erst die Beiz weg ist und dann die Gäste ausbleiben», meint er ernst; der umgekehrte Weg seis. Und er schlägt den Bogen zurück: «Die Menschen gehen heute ausserhalb der Stadt essen», stellt er fest und findet, das sei mit der allgemeinen Mobilität gekommen. «Schnell mit dem Auto irgendwo hin fahren, das wurde Mode.» Obwohl er das kulinarische Angebot in Olten als «grossartig» bezeichnet.

Mit der Schliessung der «Alten Mühle» verlieren auch fünf Angestellte ihre Beschäftigung. «Alles treue und langjährige Mitarbeitende», so Müller. «Aber ich kann natürlich nicht den Betrieb weiterführen, damit meine Angestellten weiterhin im Restaurant beschäftigt sein können», reicht er fast entschuldigend hinterher.

Auf jeden Fall aber wünscht Müller dem neuen Pächter alles Gute und kann sich dabei einen kleinen Wink in die Zukunft nicht verkneifen: «Wenn es einige Gäste nach mir gelüstet, bin ich gerne bereit, ihnen meine neue Heimat zu zeigen …»