Stüsslingen
Vom Trampelibeck zur Firma Landbeck

Vor 120 Jahren buken noch fast alle Haushalte im Dorf ihr eigenes Brot –heute «exportiert» ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitenden Stüsslinger Brot nach Aarau.

Ernst Käser Mitarbeit: CVA
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Vom Trampelibeck zur Firma Landbeck

Vom Trampelibeck zur Firma Landbeck

zvg
Sitz der Landbeck AG im Gebäude der früheren Bäckerei Eng an der Gygerstrasse, nun mit der Backstube im umgebauten ehemaligen Stall- und Scheunenteil.

Sitz der Landbeck AG im Gebäude der früheren Bäckerei Eng an der Gygerstrasse, nun mit der Backstube im umgebauten ehemaligen Stall- und Scheunenteil.

BRUNO KISSLING

Die «Bäckereigeschichte» des Dorfes Stüsslingen zeigt beispielhaft den Wandel des Bäckergewerbes im 20. Jahrhundert.

Die erste gewerbliche Bäckerei in Stüsslingen ist von Sekretär Josef Käser 1896 im Militärischen Gemeindelexikon nach Solothurn gemeldet worden. Laut diesem wohnten damals in der Gemeinde 572 Einwohner in 107 Haushaltungen. Die Zahl der Privat-Backöfen betrug 97. Damals waren die meisten Wohnhäuser im Dorf Bauernhäuser, deren Bewohner ihr Brot selber buken. Nur einige wenige Haushaltungen waren nicht Selbstversorger in Sachen Brot.

«Trampelibeck» und «Karibeck»

Der erste Bäcker im Dorf, der Brot verkaufte, war Hermann Eng. In den Jahren von 1895 bis 1912 war seine Küche zugleich Backstube, wo er den Backofen einfeuern konnte. Von Beruf war Hermann Eng – sein Dorfname lautete «Trampelibeck» oder «Trampeliamme» – Landwirt und Bäcker. Von 1921 bis zu seinem Tode 1937 amtete er als Gemeindeammann, und zusätzlich war er während neun Jahren, bis 1933, Solothurner Kantonsrat.

Oskar Eng, genannt «Karibeck» oder «Bänibeck», war Stüsslingens erster Bäckermeister. Er wurde im Oberdorf beim «Bänishübeli» als Zwilling mit seinem Bruder Johann («Bänihans») geboren und machte eine Lehre als Bäcker.

Nach der Heirat mit Theres Eng wurde an der Gygergasse eine Bäckerei aufgebaut mit einem kleinen Laden, wo es Brot und andere Backwaren zu kaufen gab.

Zugleich bewirtschaftete Oskar Eng mit seiner Ehefrau einen kleinen Bauernbetrieb. Schon früh schaffte er eine grosse Futter- und Brechmühle an, mahlte Futtergetreide und verkaufte Futtermittel an die Landwirte.

Sein Sohn Ernst Eng, genannt «Beckeärnscht», übernahm die Bäckerei 1946, baute den kleinen Laden um und verkaufte zusätzlich Lebensmittel. Den Landwirtschaftsbetrieb übernahm sein Bruder. Als dieser den Betrieb aufgab, kaufte Ernst das angebaute Landwirtschafts- und Wohngebäude.

Expansion nach Aarau

1979 übernahm der Sohn Georg Eng die Bäckerei und errichtete im ehemaligen Stall- und Scheunenteil eine moderne Bäckerei, schloss den Laden und eröffnete in Aarau eine Filiale mit der Bezeichnung Landbeck. Als Georg 1986 starb, war die Ära der Bäcker-Dynastie Eng nach 73 Jahren zu Ende.

Von Eng zu Liebi

Die Stüsslinger Bäckereigeschichte ging jedoch weiter, und zwar im gleichen Haus an der Gygergasse. Denn 1986 erwarb Erwin Liebi-Aebischer die Bäckerei und erstellte gleich daneben das neue Brotlädeli, wo bis heute Bäckereiwaren, Confiserie- und Konditoreiprodukte angeboten und verkauft werden. Liebi übernahm ebenfalls die Landbeck-Filiale in Aarau.

Seit 1995 führt der Sohn Bruno Liebi als «Landbeck» den Betrieb mit der Backstube in Stüsslingen und den Verkaufsgeschäften in Aarau und Stüsslingen mit grossem Einsatz und Erfolg weiter, seit 1998 mit seiner Partnerin Corina Weibel, ebenfalls gelernte Bäcker-Konditorin.

Sie erweiterten das Sortiment um zusätzliche Spezialitäten, beschäftigen in der Firma Landbeck AG 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Voll- und Teilzeitstellen und bilden zurzeit vier Lernende aus. Sein Betrieb sei einer der grösseren, aber nicht der grösste selbstständige Bäckereibetrieb im Kanton Solothurn, erklärt der Chef auf Anfrage.

Seit 2006 engagierte sich Bruno Liebi während zehn Jahren zusätzlich als Präsident des Kantonal-solothurnischen Bäcker-Konditorenmeister-Verbandes (seit 2013 Bäcker- und Confiseurmeister-Verband).

Das ist insofern speziell, als sein Betrieb etwa 60 Prozent des Umsatzes in der Stadt Aarau erwirtschaftet. Da die Backstube in Stüsslingen stehe, habe seine Bäckerei verbandstechnisch aber immer als solothurnisch gegolten, lacht Liebi.

Letzter Kantonalpräsident

Der Stüsslinger ist aber auch der letzte Präsident der Solothurner Bäcker- und Confiseurmeister. Auf Anfang 2016 haben die Solothurner nämlich mit dem Berner Verband fusioniert und gehören jetzt zum Verband der Bäcker-Confiseure Bern-Solothurn (BCBS). Warum der Zusammenschluss?

«Als ich anfing, gab es 80 Bäckereibetriebe im Kanton Solothurn, heute sind es noch 50», erklärt Bruno Liebi, «und es sieht ganz so aus, dass diese Entwicklung weitergeht.»

Das Verbandspräsidium hat Bruno Liebi abgegeben. Als Unternehmer setzt er die Tradition der Stüsslinger Bäcker fort, die vor 120 Jahren mit dem «Trampelibeck» begann, sich mit dem «Karibeck» und dessen Nachkommen festigte und heute mit dem «Landbeck» dem Trend zum Brot vom Grossverteiler trotzt.