Stadttheater Olten

Vom Aufstieg und Fall der «Lehman Brothers»

«Lehmann Brothers» im Stadttheater Olten.

«Lehmann Brothers» im Stadttheater Olten.

Eine Erfolgsstory, die nach 164 Jahren zum Desaster wird: Das Schauspiel von Stefano Massini erzählt im Stadttheater Olten detailreich die Firmengeschichte einer US-jüdischen Bankendynastie.

Der Name der amerikanischen Bank Lehman Brothers steht heutzutage symbolisch für die Bankenkrise des Jahres 2008. Der Zusammenbruch des weltweit tätigen Finanzinstituts ist zugleich das unrühmliche Ende einer typisch amerikanischen Erfolgsgeschichte. Alles begann 1844 mit einem kleinen Tuchwaren- und Kleidergeschäft in Montgomery, Alabama: Der bayerische US-Einwanderer Henry Lehman, Sohn eines jüdischen Pferdehändlers, liess schon bald «Lehman Brothers» auf das Firmenschild schreiben, waren ihm doch seine beiden Brüder ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten gefolgt.

Für die drei wagemutigen Brüder jedenfalls schien es tatsächlich keine Grenzen des geschäftlichen Wachstums zu geben. Mit Glück und geschäftlichem Gespür zugleich wechselten sie bald in den Baumwollhandel, eröffneten in New York eine Bank, investierten in die Eisenbahn und das Erdöl, handelten mit Aktien an der Wall Street und wurden zu Kriegsgewinnern – nach und nach baute sich ein gewaltiges Finanzimperium auf. Jede der drei Generationen ging ihren eigenen Weg, allen gemeinsam aber war die Gier nach Geld und wohl auch nach Macht. So jedenfalls ist einigen Nebensätzen zu entnehmen, die der italienische Autor und Dramatiker Stefano Massini seinen Figuren in den Mund legt.

Dreijährige Recherche stand am Anfang

Drei Jahre lang hatte Massini für sein überlanges Stück recherchiert und die vielen Details, die er zusammengetragen hat, bereicherten vor allem den ersten Teil des episch breit angelegten Schauspiels. Sorgfältig ausgesuchte, historische Filmaufnahmen ergänzten diesen Part, wichen dann aber nach der Pause weniger überzeugendem, eher zufälligerem Bildmaterial. Das Ende der Familiendynastie, die Zeit der Turbobanker und der Spekulationsblasen wurde schliesslich in etwas gar kargen und farblosen Szenen abgehandelt.

Ein Beispiel dafür: Bei der Weltwirtschaftskrise 1928 erfuhr das Publikum die Vornamen der ersten zehn Banker, die Suizid gemacht haben, einen, nach dem anderen. Das legendäre Bild eines Lehman-Angestellten, der 2008 in einer Kartonschachtel seine Habseligkeiten nach Hause trägt, fehlte hingegen völlig. Bloss sechs Schauspieler – darunter nur eine Frau – wirkten in der fast zweieinhalbstündigen Inszenierung mit, die Johannes Pfeifer fürs a.gon Theater München rasant eingerichtet hat und die nun im Stadttheater Olten gastierte.

Alle Darsteller schlüpften gekonnt und mit wenig Kostümwechseln in andere Rollen, spielten mal eine der Hauptfiguren, mal eine winzige Nebenrolle oder kommentierten das Geschehen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Teamarbeit und sprachliches Können verlangte. Das Ensemble überzeugte auf der ganzen Linie. Und die einfühlsam dargebotene Familiensaga der Lehman Brothers legte nach und nach das Wirtschaftsmodell einer kapitalistischen Gesellschaft bloss, in der die Jagd nach Erfolg, Geld, Macht und Gewinn über allen Werten steht.

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