Hägendorf
Vom Anwalt zum Pfarrer: Erst mit 50 wurde er von Gott berufen

Dr. René Aerni war früher Anwalt, jetzt übernahm er in Hägendorf seine erste Pfarrstelle in seinem Heimatkanton. Wir sprachen mit dem Priester, der mit viel Schalk und Begeisterung von seinen Erfahrungen berichtet.

Philipp Felber
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Dr. René Aerni zu seiner Soutane, die er immer trägt: «Auch als Anwalt trug ich jeweils einen Anzug, das gehört für mich dazu.»

Dr. René Aerni zu seiner Soutane, die er immer trägt: «Auch als Anwalt trug ich jeweils einen Anzug, das gehört für mich dazu.»

Philipp Felber

Herr Dr. Aerni, normalerweise wären Sie bereits seit sechs Jahren in Pension, was bewog Sie, die Nachfolge von Pfarrer George anzutreten?

Dr. René Aerni: (Zögert) Nun ja, weil es sonst niemanden hat. Und ich kann weiter seelsorgerisch tätig sein, den Leuten helfen. Das ist mir wichtig. Wobei wir in der katholischen Kirche bis 75 aktiv sein müssen. Ich habe jedoch ein Gesuch geschrieben, worauf mir Kardinal Kurt Koch geantwortet hat: «Ich gehe davon aus, dass du weiterhin dabei bist.» Und so blieb ich dann auch.

Sie sind ja ursprünglich aus Biberist, aber dies ist Ihr erstes Amt im Kanton Solothurn. Wie kommt dies?

Diese Frage hat mir dazumal schon Regierungsrat Straumann gestellt und ich habe mir dann überlegt, was es denn für Möglichkeiten gäbe. St. Ursen-Pfarrer wäre noch schön gewesen. Aber es hat einfach zeitlich nicht gepasst, ich war noch nicht soweit. Aber es ist gut so, wie es jetzt ist. Ich bin total zufrieden. Zum Anfang musste ich in die St.-Sebastian-Pfarrei nach Wettingen. Das war dann aber gar nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte. Es war eine gute Zeit, mit interessanten Leuten und einem schönen Pfarrhaus, einer schönen Kirche und einem kleinen Rebberg.

Sie haben sich erst spät für ein Theologiestudium entschieden, vorher waren Sie Jurist. Warum dieser Wandel?

Ich hatte bereits zwei Semester Philosophie als Vorstudium für Theologie in Fribourg studiert. Aber aus der Priesterei wurde dann nichts und ich ging nach Zürich und habe Jus studiert. Nach dem Doktorat war ich dann Assistent an der Uni und habe das Solothurner Fürsprecher-Patent und den Notar gemacht. Danach habe ich in Zürich gearbeitet und meine eigene Praxis aufgemacht. Mit 50 habe ich mit der Juristerei aufgehört, habe aber wieder bereits parallel Theologie studiert. Mein Vater hatte einen furchtbaren Respekt vor Geistlichen. Eigentlich sollte ich auch nicht Anwalt werden, am liebsten noch Gymnasiallehrer mit einem festen Einkommen. Er war gegen das Theologiestudium und ich wollte nichts machen, was einen Konflikt auslösen könnte. Meine Mutter hat das etwas anders gesehen, sie war reformiert und hat immer gesagt, dass ich halt zu den Schwarzen gehen soll. Ich habe es dann aber bleiben lassen bis in die 1990er-Jahre.

Waren Sie mit Ihrem Werdegang eine Ausnahme in Ihrem Studiengang?

Nein eigentlich gar nicht. Neben mir gab es noch zwei andere Alte. (Lachend fährt er weiter) Und immer wenn die Luzerner Regierungsrätin Brigitte Mürner ans Seminar kam, zeigten sie uns vor. Die anderen beiden haben dann aber nicht abgeschlossen.

Was hatten Sie für Reaktionen aus ihrem Umfeld, als Sie mit 50 noch einmal einen anderen Weg einschlugen?

Ich war ja damals im katholischen Studentenverein und es war lustig, denn bei den Katholischen habe ich viele «Wie kannst du nur?» gehört, während andere gemeint haben, das sei doch super. Das hat mich dann doch sehr erstaunt.

Können Sie sich das erklären?

Ich weiss es gar nicht. Vielleicht hat damals, ist ja auch schon wieder 20 Jahre her, eine eher negative Stimmung gegenüber der Kirche selbst bei katholisch sozialisierten Menschen vorgeherrscht. Das ist eigentlich noch interessant. Es gab auch gewisse Leute, nicht katholische, die mich gefragt haben, ob ich denn Beerdigungen machen könne. Das war für sie schwierig nachzuvollziehen. Aber so war nun mal der Dienst, auch wenn es natürlich schwierige Beerdigungen gab. Solche Fragen stellten sich den Menschen am Anfang.

Sie haben am Anfang des Gesprächs erwähnt, dass es zu wenige Priester gäbe, die die Stellen abdecken können. Wie kommt das?

Also ich habe schon meine eigene Erklärung, weiss aber nicht, ob das die offizielle ist. Es ist eine allgemeine Erscheinung, dass viel weniger Theologie studiert wird. Dies hat einen Grund darin, weil Mittelschüler nicht mehr mitbekommen, was Theologie ist und man damit machen kann. Dies betrifft jedoch alle, nicht nur die katholische Kirche. Ich glaube nicht, dass es der kleine Lohn ist. Eher, neben der Tatsache, dass der Glaube schwindet, liegt der Grund in der langen Bindung an das Amt. Auch wenn sich die in der letzten Zeit auch aufgelockert hat. Der Zölibat ist es nicht, das weiss man. Man hat Umfragen durchgeführt, und nur ganz wenige, der nicht zum Priester geweihten, verheirateten Diakone wollten überhaupt zum Priester geweiht werden. Ich glaube, dass die Ehelosigkeit als Grund ein alter Hut ist, den wir aus den 1960er Jahren mitgeschleift haben. Auch wenn ich heute mit jungen Leuten rede, ist es ihnen egal, ob es den Zölibat gibt oder nicht.