Im Februar 1855 reist Anne-Käthi Wiederkehr von Bünzen im Aargau nach Paris, um bei der Familie Fischer ihre Stellung als Au-pair anzutreten. Guillaume Fischer ist vor Jahren aus dem Freiamt nach Paris ausgewandert und führt nun ein grosses Strohgeschäft. Noch spricht Anne-Käthi, die später Anne-Catherine geheissen wird, kein Wort Französisch. Auf den rund vierhundert Seiten, die das Buch umfasst, lernt der Leser nicht nur die junge Frau und ihr Leben besser kennen. Frey verflicht das Schicksal der Schweizerin mit der Geschichte Frankreichs und mit der Strohindustrie im aargauischen Freiamt. Anne-Käthi, oder eben Anne-Catherine, entstammt einer armen Bauersfamilie, die sich mit dem Flechten von Strohornamenten einen kleinen Zustupf verdient.

Auch wenn Anne-Catherines Geschichte einem wie ein Märchen vorkommt: Ganz unrealistisch ist sie nicht. Frey hat viel im Freiamt recherchiert. Auch wenn es das junge Mädchen so nicht gegeben hat, so gab es doch ähnliche Lebensläufe. Junge Frauen, die wie Anne-Catherine ausbrachen, ohne dies aber selbst zu wissen. Die junge Frau aus dem Freiamt holte dabei das Maximum aus sich heraus. Paris ist Freys Stadt, ist für ihn eine zweite Heimat. Das zeigt sich in den genauen Beschreibungen der Spaziergänge, auf denen die junge Frau die Stadt entdeckt. Sie sollte aber nicht Au-pair bleiben. Da die Gouvernante ihrer Familie krank wird, soll sie im Verlauf der Geschichte deren Stelle übernehmen und später auch ins Strohgeschäft einsteigen.

Frauen machen Geschichte – Männer schreiben sie

Im Gespräch meint Frey, ihm sei wichtig, aufzuzeigen, dass die Geschichte immer sehr stark auch von Frauen geprägt werde. Dieser Aspekt wird in seinem Buch durch zwei weitere starke Frauen dargestellt. Da ist Emilie, Guillaumes Schwester, die regelmässig von Wohlen nach Paris fährt, nicht nur der Geschäfte wegen. Sie führt eine Beziehung mit der Gouvernante Antoinette, im katholischen Freiamt ein Ding der Unmöglichkeit, in Paris stört man sich nicht daran. Und da ist die Kaiserin Eugénie, die Frau von Kaiser Napoleon III. Diese war massgeblich dafür verantwortlich, dass im Second Empire soziale Anliegen gefördert wurden. Napoleon III ist heute fast vergessen, obwohl er und Baron und Architekt Haussmann dafür verantwortlich sind, dass Paris die Stadt ist, wie man sie heute kennt. Aber er war eben auch ein Verlierer, ein Verlierer auf dem Schlachtfeld. Dies, weil er aus Niederlagen nichts lernte.

«Strohgold» zeigt denn auch den Unwillen auf, aus der Geschichte zu lernen. Nicht nur damals, sondern auch heute. Frey zeigt sich auch ein bisschen desillusioniert und verweist auf zahlreiche aktuelle Beispiele: Afghanistan und Venezuela oder etwa die aktuelle Krimkrise.

Das Buch endet nicht zufällig mit der Internierung der Bourbaki-Armee. Im Februar 1871 übertraten innert zwei Tagen rund 87 000 Mann die Schweizer Grenze, wo sie von der Schweizer Bevölkerung mit offenen Armen empfangen wurden; von Menschen, die selber kaum genug zum Leben hatten. Welch ein Gegensatz zur heutigen Situation, in der Wienerli- und Kopftuchkrisen heraufbeschworen werden, so Frey.

Der Oltner, der früher für die Schweizer Flüchtlingshilfe gearbeitet hat, betreut nach seiner Pensionierung noch Projekte in Madagaskar. Er hat auch drei Krimis geschrieben, die aber nicht zur Veröffentlichung geeignet seien. Es seien Fingerübungen gewesen, sagt er. Dabei habe er gelernt, wie man Spannung aufbauen müsse und wie wichtig die Dramaturgie sei.

Und er wird weiterschreiben, nur um sehen zu können, wie sich die Figuren eigenständig machen während des Schreibens. Bei «Strohgold» habe er Anfang und Schluss der Geschichte gekannt, aber wie sich die Figuren entwickelten, sei selbst für ihn überraschend gewesen.

Stefan Frey: Strohgold 408 Seiten, Verlag Twentysix, 2019. Auch als E-Book erhältlich.