Pendlerstadt Olten
Vom 700-Seelen-Dorf in die Studentenstadt: Rahel Bühler, die Teilzeit-Pendlerin

Die freischaffende OT-Mitarbeiterin Rahel Bühler aus Walterswil studiert in Fribourg. In unserer Pendlerserie schreibt sie über Sitzplatz-Hierarchien und Cüpli-Trinken im Zug.

Rahel Bühler
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Rahel Bühler am Oltner Bahnhof beim Einsteigen in den Intercity nach Bern.

Rahel Bühler am Oltner Bahnhof beim Einsteigen in den Intercity nach Bern.

Remo Fröhlicher

«Ist das nicht furchtbar mühsam?» Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe, weiss ich nicht. Hören tue ich ihn immer dann, wenn es darum geht, wo ich studiere und wie ich jeweils dorthin komme. Ich wohne im 700-Seelen-Dorf Walterswil und studiere im 100-Kilometer entfernten Fribourg. Und ich fahre normalerweise drei Mal in der Woche dort hin – mit dem Zug. Ich bin also eine Teilzeitpendlerin.

Schneebedeckte Geleise

Die Fahrzeit vom Bahnhof Walterswil-Striegel nach Fribourg beträgt eine Stunde und 24 Minuten. Dazu kommt noch je ein 15-minütiger Fussmarsch bis ich von meinem Daheim am Bahnhof Walterswil-Striegel bzw. vom Bahnhof Fribourg an der Uni angelangt bin. Die Netto-Fahrzeit beträgt also mehr als eineinhalb Stunden. Zum Glück muss ich für gewöhnlich nur drei Mal pro Woche an die Uni.

Serie Pendlerstadt Olten

Täglich benutzen 80'000 Menschen den Hauptbahnhof Olten als Ein-, Aus- oder Umsteigeort. In einer Serie zeigt das OT die verschiedenen Gesichter der Pendler und des Pendelns.

Umsteigen muss ich drei Mal. Wehe einer der vier Züge fährt einmal nicht plangemäss, dann gerät mein ganzer Tag aus den Fugen. Da aber die SBB ab und an mit Verspätungen zu kämpfen hat, kann es schon mal vorkommen, dass bereits der Zug von Zofingen nach Olten ausfällt, ich eine halbe Stunde auf den Nächsten warten muss und zu spät an eine Semesterprüfung komme. Oder dass ich in Bern ankomme und sämtliche Züge nach Fribourg gestrichen worden sind. Grund: Die Geleise sind mit Schnee bedeckt.

Vor allem die Züge nach Bern respektive Fribourg sind morgens stets gut gefüllt. Erst recht dann, wenn sich noch eine Gruppe munterer Rentner oder eine vorlaute Schulklasse zu den Pendlern gesellt. Apropos: Das Volk der Pendler ist recht eigenbrötlerisch. Die Meisten, und ja, sowohl jung als alt, starren in ihre Smartphones. Viele tragen auch Kopfhörer und hören Musik, einige gar so laut, dass sie locker das ganze Abteil beschallen.

Manche lesen Zeitung, die wenigsten davon eine, die gekauft ist. Unterhaltung? die Ausnahme. Und wenn, dann lästert die junge Frau im Nebenabteil gerade mit ihrer besten Freundin am Telefon. Essen scheint derweil zum grossen Hobby dieser Bevölkerungsschicht aufgestiegen zu sein: Egal ob ein penetrant knuspriges Hiestand-Gipfeli aus dem Raschelsäckli oder einen Kebab mit durchdringendem Zwiebelgeruch. Der Zug ist das neue Esszimmer.

Pendeln will gelernt sein

Kleines Detail am Rande: Meines Erachtens existiert so etwas wie eine Sitzplatz-Hierarchie: Der Erste, der sich in ein leeres Vierer-Abteil setzt, lässt sich am Fensterplatz in Fahrtrichtung nieder. Der Zweite sitzt auf den Plätz schräg gegenüber; man will einander ja nicht zu nahe kommen. Der Dritte hockt sich auf den freien Platz neben dem Ersten. Der Vierte muss sich dann durch sechs Beine, Rucksäcke und Tasche zwängen und sich auf den freien Platz in der hinteren Ecke setzen. Dies gilt allerdings nicht für Regionalzüge. Dort steht der Fahrgast meist lieber im Gang, als sich in ein bereits zur Hälfte besetztes Viererabteil zu begeben.

Ja, Pendeln kann anstrengend sein. Auch weil der Teilzeit-Pendler, der nicht alle Abfahrtszeiten und Gleise auswendig weiss, stets darauf bedacht sein muss, wie er wieder nach Hause kommt. Denn: Irgend einmal wird das sehr schwer, es fahren nämlich keine Züge mehr. Ein Pendler muss auch über das nötige Kleingeld verfügen. Ungefähr 80 Franken würde mich die Reise von Walterswil nach Fribourg ohne Vergünstigung kosten. Der Besitz eines Generalabonnements, kurz GA, ist daher ein absolutes Muss.

Konfetti und Glühwein

Unterwegs erlebt der Teilzeit-Pendler auch viel Gefreutes oder gar Herzerwärmendes. Mehrfach sah ich ältere, perfekt gestylte Damen, die morgens um zehn mit ihren Freundinnen über das Leben sinnieren und dabei ein Gläsli Weisswein schlürfen. Einmal traf ich auf eine Gruppe von Arbeitskollegen, die einen Ausflug an den Genfer Autosalon unternahmen und dabei schon während der Zugfahrt über die Autos ins Schwärmen gerieten. Ein anderes Mal wurde ich gar auf ein Buch, welches ich gerade las, angesprochen. Ob ich denn auch schon mal in der im Buch thematisierten Stadt war, wollte der ältere Herr, der vis-à-vis sass, von mir wissen. Ich bejahte und so entstand ein angeregtes Gespräch über die britische Hauptstadt.

Eine witzige Angelegenheit ist jeweils die Fahrt von Bern nach Fribourg an einem Montagmorgen Ende November: Nur am Zibelemärit ist der ganze Zug voller Konfetti und es riecht nach Glühwein. Natürlich, eineinhalb Stunden Zugfahren ist lang. So extrem stört mich das aber gar nicht. Frühmorgens schlafe ich oft oder höre Musik und schaue zum Fenster hinaus.

Am Vor- oder Nachmittag nutze ich die Zeit dann meist konstruktiver: Ich lese, bereite die Vorlesungen vor, tippe Notizen ab, schreibe Artikel oder Zusammenfassungen. So kommt es dann oft vor, dass ich zu Hause ankomme und meine Pendenzenliste bereits abhaken kann. Oft treffe ich auch Leute im Zug an, die ich kenne: Jugendliche aus meinem Dorf auf dem Weg nach Zofingen, ehemalige Schulkollegen von Zofingen nach Olten, aktuelle Kommilitonen von Bern nach Fribourg.

Fairerweise muss ich aber doch zugeben, fünf Mal in der Woche würde ich mir diese Strecke nicht antun. Deshalb bin ich froh, pendle ich nur Teilzeit.