Olten
Voller Saal beweist: Das Thema Demenz brennt unter den Nägeln

Alzheimer Solothurn lud am Mittwoch zur öffentlichen Veranstaltung – und lockte damit 130 Interessierte nach Olten. Das Thema: «Demenz und KESB» und wer bei Demenz überhaupt was tun dürfe.

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Ein Thema, das interessiert: Bis auf den letzten Platz gefüllter Saal an der Fachhochschule.

Ein Thema, das interessiert: Bis auf den letzten Platz gefüllter Saal an der Fachhochschule.

zvg

Rund 130 Frauen und Männer, die meisten wohl in irgendeiner Form vom Thema Demenz betroffen, kamen am Mittwochabend nach Olten, in die Fachhochschule Nordwestschweiz, und füllten den Saal bis auf den letzten Platz. Ernst Zingg, Präsident von Alzheimer Solothurn, übergab nach seinen einleitenden Worten an Marianne Wolfensberger, Beauftragte Recht und Politik bei Alzheimer Schweiz und somit das eigentliche «juristische Gewissen» des Verbandes, wie Zingg sagte. Sie ging in ihrem Inputreferat auf die wichtigsten Punkte im seit 2013 gültigen Erwachsenenschutzrecht ein, welches auf drei Grundsätzen fusst: Stärkung der eigenen Vorsorge und des Selbstbestimmungsrechts, Stärkung des Persönlichkeitsschutzes und die Professionalisierung im Erwachsenenschutz.

Sie diskutierten auf dem Podium (von links): Marianne Wolfensberger, Karin Leuppi (Moderation), Susanna Frigerio und Jürg Vögtli.

Sie diskutierten auf dem Podium (von links): Marianne Wolfensberger, Karin Leuppi (Moderation), Susanna Frigerio und Jürg Vögtli.

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So erläuterte sie beispielsweise, weshalb der Vorsorgeauftrag das wichtigste Instrument ist, mit welchem man den Partner oder einen Elternteil juristisch vertreten könne. «Ein Auftrag, der unbedingt bei guter Gesundheit oder allerspätestens im Falle einer Demenzdiagnose ausgefüllt werden sollte», betonte sie. Eine wesentliche Herausforderung bei dieser Krankheit: Die Urteilsunfähigkeit tritt nicht von einem Moment auf den anderen ein – erst dann aber tritt ein Vorsorgeauftrag in Kraft. Den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, gestaltet sich oft als «sehr schwierig».

Wiederholt im Zentrum ihrer interessanten Ausführungen stand natürlich die Rolle der KESB, der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Die KESB hat im konkreten Fall einen Vorsorgeauftrag zu prüfen und zu validieren, kann bei Unklarheiten aber auch konsultiert werden. Im Gegensatz dazu ist bei der Patientenverfügung die Prüfung durch die KESB nicht zwingend, sie kann aber sehr wohl durch eine der Betroffenen nahestehenden Person veranlasst werden.

Die Vertretung durch Ehegatten oder eingetragene Partnerinnen und Partner, behördliche Massnahmen, die Errichtung einer Beistandschaft, fürsorgerische Unterbringung oder die Vertretung bei medizinischen Massnahmen: Der weiteren Stichworte, die Marianne Wolfensberger zumindest antippte, waren unzählige. Wo steht man denn heute, nach bald sechs Jahren Erfahrung mit dem neuen Recht?

Aus ihrer täglichen Beratung weiss sie: Mit der KESB wollen viele Leute nichts zu tun haben – wobei bezüglich Behörde selber die Rückmeldungen gar nicht so negativ seien. «Es ist vielmehr so, dass Angehörige nicht einverstanden sind mit einer Massnahme des Beistandes. Etwa, wenn dieser Bilder verkaufen möchte, um die Heimrechnung zu bezahlen, die Kinder aber dagegen sind.»

Drei Viertel der Fragen gingen an die KESB

Die anschliessende Podiumsdiskussion unter der Leitung von Tele M1-Journalistin Karin Leuppi war aufschlussreich und provozierte sehr viele Fragen aus dem Publikum. Nebst Marianne Wolfensberger nahmen am Gespräch auch Susanna Frigerio, leitende Ärztin Kompetenzzentrum Neurologie und Memory Clinic des Kantonsspitals Olten und Vorstandsmitglied von Alzheimer Solothurn, sowie Rechtsanwalt Jürg Vögtli, seines Zeichens Präsident der KESB Olten-Gösgen, teil.

Anhand dreier Fallbeispiele wurde das Thema, welches sich oft auch im Spannungsfeld zwischen der Gewährung der Selbstbestimmung und dem Schutz der Betroffenen bewegt, aufgearbeitet. Bei der Diskussion über mögliche Verletzungen des Amtsgeheimnisses bei Auskünften an Verwandte gelobte der KESB-Präsident zum Beispiel, man versuche stets, so pragmatisch wie nur möglich vorzugehen.

Zum Thema Urteilsfähigkeit hielt Susanna Frigerio fest, es sei gefährlich, anhand sehr guter oder sehr schlechter Tage eines Patienten entsprechende Rückschlüsse zu ziehen. «Es sind stets mehrere Begegnungen mit dem Patienten nötig, um sich ein Bild zu machen!» Im Übrigen sei die Empfehlung, sich über die Erstellung eines Vorsorgeauftrags Gedanken zu machen, fixer Bestandteil eines jeden Diagnosegesprächs. Marianne Wolfensberger macht diesbezüglich die Erfahrung, dass ein Vorsorgeauftrag sehr oft «zu spät» gemacht wird. «Wenn es heisst: Unser Papi ist dement und muss einen Vorsorgeauftrag machen – dann ist es eigentlich schon zu spät!» Ein Raunen ging durchs Publikum, als Jürg Vögtli sagte, es dauere «zwei bis drei Monate», bis die KESB einen Vorsorgeauftrag validiert habe. Flugs ergänzte er, bei dringenden Fällen versuche man natürlich schon, rascher zu sein... Es war kaum überraschend, dass rund drei Viertel aller Fragen aus dem Publikum sich an den Vertreter der KESB richteten.

Ernst Zingg bedankte sich nach der äusserst kurzweiligen, zweistündigen Veranstaltung bei allen Teilnehmern des Podiums und natürlich bei den Gästen, die «sehr gute» Fragen gestellt hätten. Das eine oder andere Thema wurde gleich anschliessend im von Alzheimer Solothurn offerierten Apéro und im Beisein der Podiumsteilnehmer vertieft. Vor Ort war übrigens fast der ganze Vorstand von Alzheimer Solothurn. Eine ähnliche Veranstaltung soll schon im 1. Quartal 2019 im Raum Solothurn stattfinden. (mgt)