Interview

Volkswirtschaftler Mathias Binswanger: Die Idee der Kopf-hoch-Gutscheine ist «eher eine PR-Aktion»

«Man macht sich damit bei der  Bevölkerung  sympathisch», meint Mathias Binswanger zur Gutscheinidee.

«Man macht sich damit bei der Bevölkerung sympathisch», meint Mathias Binswanger zur Gutscheinidee.

Laut dem Volkswirtschaftler Mathias Binswanger sollte sich die Stadt Olten besser auf Konkurse vorbereiten, statt Geld zu verschenken.

Jeder erwachsene Einwohner sollte einen Gutschein von maximal 222 Franken erhalten. Im Gemeindeparlament hatte die Idee des FDPlers Urs Knapp am Donnerstag keine Chance. Volkswirtschafter Mathias Binswanger an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten sagt, was mehr bringen würde.

Hat das Parlament mit der Ablehnung der Motion richtig entschieden?

Mathias Binswanger: Es kommt darauf an, unter welchem Gesichtspunkt man solche Ideen betrachtet. Auch wenn der Betrag eines solchen Gutscheins für den einzelnen Einwohner gering sein mag, erzielt die Geste eine Wirkung. Man macht sich damit bei der Bevölkerung sympathisch. Wenn man den Gutschein dann in den Händen hält, fühlt sich das wie ein Geschenk an. Eigentlich handelt es sich dabei aber um Steuergeld.

Das Vorhaben wurde als Giesskannenprinzip kritisiert. Was sagen Sie dazu?

Es handelt sich bei solchen Ideen in der Tat um sogenannte Giesskanneneffekte. Beispiele dafür gibt es in anderen Städten oder aus anderen Ländern. Ihre Wirkung auf die Wirtschaft ist gering. Die Hilfe kommt nicht zwingend dort an, wo sie benötigt wird. Es sind ja nicht die einzelnen Einwohner die davon profitieren sollen, sondern das lokale Gewerbe. Dazu gibt es gezieltere Instrumente. Beispiel: In der Stadt St. Gallen erhielten im Jahr 2009 alle aufgrund des guten Rechnungsergebnisses 2008 einen 50-Franken-Gutschein. Den konnte man aber auch bei Migros und Coop einlösen.. Man müsste also strenge Geltungsbereiche für solche Gutscheine bestimmen, um wirklich einen Effekt auf den lokalen Detailhandel zu erzielen.

Kennen Sie solche Projekte, die zum Erfolg führten?

Im Kleinen kann sicher ein Effekt erzielt werden. Doch es ist nicht die Wunderwaffe, um die Nachfrage anzukurbeln und das lokale Gewerbe zu fördern. Das Ganze ist eher eine PR-Aktion.

Ist es aus Ihrer Sicht denn nötig, dass nach Bund und Kantonen auch noch die Gemeinden Unterstützung leisten?

Das wird sich erst noch zeigen. Eine Gemeinde sollte sich überlegen, was passiert, wenn die existierenden Unterstützungen auslaufen. Es wird Konkurse geben. Das bedeutet nicht, dass alle Betriebe gerettet werden müssen. Aber die Gemeinde braucht einen Überblick. Sie muss sich Daten beschaffen, um zu wissen: Wer wurde wie unterstützt? Wer hat welchen Kredit aufgenommen? Wo gibt es Probleme? Dann ist sie in der Lage zu reagieren. Die Reisebranche, die Gastronomie und das lokale Gewerbe stehen vor einer schwierigen Zeit. Um denen zu helfen, muss man jetzt Ideen sammeln.

Was schlagen Sie vor?

Es muss um konkrete Massnahmen für betroffenen Branchen gehen. Denn diese werden auch durch Gutscheine nicht gerettet. Allerdings sind diese Probleme nicht Olten-spezifisch. Es braucht eine Koordination zwischen Gemeinden, Kantonen und dem Bund. Ich denke an eine mögliche weitere Stundung der Kredite nach Ablauf der sechs Monate oder konkretere Finanzhilfen. Solche Massnahmen helfen den Betroffenen direkt. Sie sind aber anforderungsreich und in der Politik weniger sichtbar als Gutscheine, mit denen man gleichzeitig bei der Bevölkerung punktet.

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