Fütterungsverbot geplant
Vogelfreunde sind «entsetzt» über den Oltner Stadtrat

Die Stadtregierung hat die Rechnung ohne die Tierfreunde gemacht. Das neue Oltner Polizeireglement, das am Donnerstag vom Parlament verabschiedet werden soll, will das Füttern von Wildtieren generell verbieten.

Urs Moser
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Ein Verbot von Futterstellen für Singvögel? Das wollen sich viele Oltner Vogelfreunde nicht gefallen lassen.

Ein Verbot von Futterstellen für Singvögel? Das wollen sich viele Oltner Vogelfreunde nicht gefallen lassen.

Bruno Kissling

Nachdem das OT darüber berichtete, formiert sich nun der Widerstand. Die SVP-Vertreter Ernst Eggmann und Doris Känzig werden eine ersatzlose Streichung des betreffenden Artikels beantragen, andernfalls werde man das Referendum ergreifen – «wenn nötig mache ich das im Alleingang», verspricht ein aufgebrachter Ernst Eggmann.

Wo liegt das Problem? Im Auge hat man mit dem Verbot wohl in erster Linie die in den letzten Jahren einigermassen in den Griff bekommene Taubenplage. Auch dass man Füchse nicht füttern sollte, die sich bis ins Siedlungsgebiet vorwagen, ist kaum bestritten.

Aber Eggmann gehört selbst zu den Einwohnern, die ein Vogelhäuschen im Garten aufgestellt haben und Futter für Singvögel auslegen. Bei buchstabengetreuer Auslegung des neuen Artikels 35 des «Reglements über die gemeindepolizeilichen Aufgaben der Stadt Olten», da besteht kein Zweifel, macht er sich ab Neujahr damit strafbar.

Und das, so Eggmann, «wäre nicht tragbar, ein Affront gegenüber Hunderten Oltnern, die kriminalisiert würden». Der SVP-Gemeinderat nimmt kein Blatt vor den Mund: Wenn ein solcher Artikel durchkäme, müsste man das eine «Affenschande» nennen. Wo er wohnt, im Kleinholz, seien sehr viele Bäume gefällt und viel Raum überbaut worden.

Dadurch sei Lebens- und Futterraum für die Vögel verloren gegangen. 2013 habe er auf einem einzigen Baum 28 Vogelarten gezählt, ein Jahr später noch die Hälfte. Für ihn steht fest: Wer Vögel füttert, ist kein Straftäter, sondern handelt im Interesse des Naturschutzes.

«Nichts einzuwenden»

Die Vogelwarte Sempach sieht das etwas differenzierter. Biologisch gesehen sei das Füttern im Winter nicht notwendig, ein Einfluss der Winterfütterung auf die Häufigkeit einer Vogelart sei nicht nachgewiesen und es bestehe die Gefahr, dass Krankheiten übertragen und verschleppt werden, heisst es in ihren Merkblättern für die Vogelschutzpraxis.

Allerdings anerkennen auch die Fachleute der Vogelwarte: Futterstellen würden eine gute Gelegenheit zur Vogelbeobachtung aus der Nähe bieten «und somit schöne Naturerlebnisse ermöglichen», weswegen «gegen ein sachgemässes und massvolles Füttern nichts einzuwenden» sei.

Gegen den Tierschutzgedanken

Sie sei von vielen Leuten angesprochen worden, die «entsetzt» über das Fütterungsverbot sind, sagt Doris Känzig. Die Bevölkerung sei schliesslich nicht blöd, die Empfehlungen betreffend das Füttern von Stadttauben hätten gewirkt und die Pflege in den städtischen Taubenschlägen funktioniere bestens.

Känzig will aus dem Stadthaus auch gehört haben, dass man dort gar nicht bedacht habe, welche Konsequenzen und Tragweite ein absolutes Fütterungsverbot haben würde: dass nun jeder mit einem Vogelhäuschen im Garten mit einer Anzeige rechnen muss.

Wenn schon, findet Känzig, müsste man wie Zürich eine Art Generalklausel in den Reglementen haben, die es den städtischen Behörden erlaubt, bei konkreten Problemen zum Beispiel mit Tauben oder kranken Stadtfüchsen Massnahmen zu ergreifen.

Sie gibt zu bedenken: In bestimmten Fällen werde zum Beispiel die Zufütterung von Igeln sogar ausdrücklich empfohlen. Tatsächlich: Das Zürcher Igelzentrum etwa warnt zwar vor falsch verstandener Tierliebe, nennt aber Ausnahmesituationen, wo eine Fütterung frei lebender Igel in Betracht gezogen werden kann.

Das ist der Fall, wenn im Spätwinter ein Igel zu früh aus dem Winterschlaf erwacht und der Boden noch gefroren ist. Oder wenn ein Jungigel im Spätherbst das für den Winterschlaf notwendige Gewicht von 500 bis 600 Gramm noch nicht erreicht hat.

Doris Känzig hält das vom Stadtrat angepeilte Fütterungsverbot deshalb nicht bloss für in der Praxis kaum umsetzbar und unsozial gegenüber vielen älteren und alleinstehenden Menschen: Es verstösst für sie sogar gegen den Geist der Tierschutzgesetzgebung.

«Wollten geltende Praxis abbilden»

Franco Giori, Leiter der Direktion öffentliche Sicherheit, ist etwas überrascht ob der Aufregung. Man habe mit der Neufassung des Reglements nicht mehr als die geltende Praxis abbilden wollen.

Er spricht damit das im Jahr 2007 von der inzwischen aufgelösten Umwelt-Fachstelle lancierte Projekt «weniger, aber gesündere Stadttauben» an, in dessen Rahmen die Bevölkerung unter anderem mit einer Plakataktion eindringlich gemahnt worden war, Tauben nicht zu füttern.

Man habe auch primär den öffentlichen Grund und nicht Vogelhäuschen in Privatgärten im Auge gehabt so Giori. Er kann zwar nicht für den ganzen Stadtrat sprechen, denkt aber: «Wenn die Regelung auf Widerstand stösst, kann man sie auch fallenlassen.»