«Ich bin eigentlich kein Kletterer. Ich bin Alpinist.» Was der 81-jährige Paul Hunziker vor der überhängenden Wand beim Roggenhauser Steinbruch sagt, verblüfft den Laien doppelt. Zum einen: Was ist der Unterschied? Hunziker sagt es anschaulich: «Ich will nicht stundenlang in eine Felswand schauen. Ich will hinauf auf Grat und Gipfel, die Bergwelt von oben sehen.» Zum andern: Wie kann einer kein Kletterer sein, wenn er im Lauf von Jahrzehnten eine Serie von Klettergärten mit Dutzenden von Routen geschaffen hat?

Paul Hunziker, wohnhaft in Kölliken, ist an den Wänden und auf den Kreten der Schweizer Berge daheim. Von den Viertausendern in den Alpen redet er ebenso vertraut wie vom Solothurner Jura oder den Hügeln im Mittelland. Aber sein Reich ist der Nordhang des Eppenbergs. Die steile Felswand, die das Aaretal zwischen Schönenwerd und Aarau um fast 100 Meter überragt, ist von weit her sichtbar. Doch um Hunzikers Werk zu entdecken, muss man ganz nah ran: Es sind Tausende von Metallhaken und -plättchen, die die Wände für die Kletterer bezwingbar machen.

Aus vier Abschnitten besteht die ganze Anlage. Im Kletterführer «Solothurner Jura» des SAC sind die Sektoren von Ost nach West mit A bis D bezeichnet. A und B liegen im Nordosten des Eppenbergs, gegen das Roggenhauser Täli, und tragen die Namen Roggenhusersteinbruch und Roggehuse 2. C und D, benannt als Klettergarten Links und Klettergarten Rechts, finden sich im Nordwesten des Hangs, just über der Grossbaustelle, wo jetzt die Tunnelbohrmaschine für den Eppenbergtunnel zusammengebaut wird. A bis C liegen in der Gemeinde Eppenberg-Wöschnau, D auf Gebiet von Schönenwerd. Der Wald gehört der Ortsbürgergemeinde Aarau.

Das Drogenelend vor Augen

Paul Hunziker war Bähnler, hat in Kölliken Billette verkauft und auch im Rangierdienst gearbeitet. Mit der Anlage begonnen hat er 1989, in seiner Freizeit. «Es war die Zeit der Drögeler», bemerkt er. Das Elend der Jungen, die in den Drogen landeten, muss ihm nahe gegangen sein. Er wollte junge Leute zu einer sinnvollen Beschäftigung führen, sie vor eine Herausforderung in der Natur stellen. «Wer klettert, ist abends müde», sagt er.

Hunzikers Klettergärten sind leicht zugänglich, und mit der Publikation in den einschlägigen Führern – nebst dem SAC-Werk auch in von Känels Plaisir-Führer Jura – werden sie von Kletterern intensiv genutzt. «Die Mitglieder des SAC Aarau schätzen es, dass sie hier eine Gelegenheit vor der Haustür haben.» Nicht selten kommen Besucher aber auch aus dem Ausland. Feuerwehr und Sanität würden ebenso am Eppenberg üben wie Familien mit Kindern. «Für Kinder braucht es Brätelstellen», weiss Hunziker, und an solchen ist hier kein Mangel. «Der Zugang ist kinderwagenfreundlich, das ist einzigartig.»

Paul Hunziker kann zufrieden auf sein Lebenswerk blicken. Nur: Sein Klettergarten braucht regelmässige Kontrolle und Pflege. Die Wand muss von Blättern und Erde gesäubert werden, auch am Fuss der Wand muss das Laub geräumt werden. Einen Grossteil seiner Zeit als Pensionierter hat Paul Hunziker dafür eingesetzt, dabei auch nicht Franken und Rappen fürs Material gezählt. Doch nächstes Frühjahr wird er 82, er denkt an die Zukunft.

SAC Aarau will einsteigen

«Ich bin sehr zufrieden, dass der SAC Aarau es machen will», sagt Hunziker. Bernhard Meichtry, der Klettergarten-Betreuer der Sektion Aarau, bestätigt: «Ja, wir haben die Aufgabe übernommen.» Veränderungen am Werk Hunzikers kommen für Meichtry nicht infrage, das sei Ehrensache. Nur in einem Punkt macht er Paul Hunziker einen Vorwurf: «Er hätte nur einen Klettergarten bauen sollen, aber er hat vier gemacht. Das gibt verdammt viel Arbeit.»