Olten
Vielleicht wäre weniger mehr

Entwicklungspolitik bei Nationalrätin Bea Heim im Fokus: Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für internationale Entwicklungszusammenarbeit und Stefan Frey als Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe gaben Auskunft.

Urs Huber
Merken
Drucken
Teilen
Stefan Frey (links), Gastgeberin Bea Heim und Eduard Gnesa.

Stefan Frey (links), Gastgeberin Bea Heim und Eduard Gnesa.

Urs Huber

Es war früher einfach, Entwicklungshilfe mit einer Metapher zu verbinden: Der gute Weisse unterstützt das darbende Negerlein mit einem Batzen. Das sorgte für ein gutes Gewissen einerseits und einen vermeintlich vollen Bauch andererseits. Der Begriff Negerlein hatte damals wenig Despektierliches und galt noch als politisch korrekt. Und politische Korrektheit wiederum war noch gar kein Thema. Mittlerweile ist alles anders und weit komplexer als jemals vermutet, wie der Abend mit Nationalrätin Bea Heim zum Thema «Entwicklungshilfe: Tropfen auf den heissen Stein» zeigte. Ihre geladenen Protagonisten, Stefan Frey, Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für internationale Entwicklungszusammenarbeit, zeigten dies mit ihren Ausführungen schon fast in beunruhigendem Ausmass.

Da war zum einen die Bemerkung Freys, wonach von einem investierten Franken 80 Rappen in die Taschen korrupter Beamter und tyrannenhafter Staatsmänner wanderten, die sich – kaum des Schreibens mächtig – in ihrem Rolls Royce von einem Festmahl zum andern fahren liessen. Frey bediente sich dabei eines Zitats des südafrikanischen Nobelpreisträgers John Coetzee. «Ich glaube, es ist nicht allzu verwegen, wenn ich behaupte, dass das Problem Afrikas nicht das fehlende Geld ist – vermutlich ist es eher die Flutung Afrikas mit Steuergeldern aus den Industrieländern, welche das Problem erst verursachen.»

Da war zum andern Eduard Gnesa, der auch die Grenzen der Zusammenarbeit aufzeigte. «Ja, mit wem etwa wollen Sie in Libyen oder Somalia zusammenarbeiten?», fragte er in die Runde. Staaten ohne (nach westlichen Standards) legitimierte Regierung würden Kooperationen verunmöglichen. Auch dass Gelder noch vor ihrem eigentlichen Zielort irgendwo versickerten, gestand er vor dem Hintergrund einer gesamtheitlichen Betrachtung der Szenerie ein. Beruhigend dagegen die Bemerkung aus dem Munde des Sonderbotschafters, dass seines Wissens keine hiesigen staatlichen Entwicklungsgelder an Regierungen ausgeschüttet würden.

Wer kooperiert?

Entwicklungshilfe ist eben kein einfaches Geschäft, auch weil viele Mitspieler und damit unterschiedliche Kräfte und Interessen wirken. Dass staatlich geförderte Entwicklungshilfe nicht bloss von Geberländern, sondern auch von der Bereitschaft der Empfängerländer abhängt, machte Gnesa ebenfalls deutlich, auch wenn er dabei verschlüsselt blieb und der Sonderbotschafter aus verständlichen Gründen ins Diplomatengewand schlüpfte: keine Äusserungen, die künftige Verhandlungen erschweren könnten.

Wohin der Weg gehen soll

Woran also soll man sich klammern, in einer Welt, die sich etwa mit 17 Mio. Flüchtlingen und 22,5 Mio. Binnenflüchtlingen konfrontiert sieht? Und vor denen sich der Westen fürchtet? Man wird sich in Geduld üben müssen. Die alte Weisheit «Hilfe zur Selbsthilfe» bleibt aktuell. Frey etwa schlug vor, die Schweiz solle sich auf weniger Empfängerländer konzentrieren. Nicht einzelne Projekte bedürfen der Förderung, sondern eigentliche Systeme: Bildung, Handwerk, Wirtschaft. «Das ist ein langer Weg», so Frey. Andere würden sagen: die Quadratur des Kreises. Und: «Er muss sich von unten nach oben entwickeln und nicht umgekehrt.» Nur so könne – wie er vermutet – die fortschreitende Verarmung des Schwarzen Kontinents unterbunden werden. «Seit die Länder in die Unabhängigkeit entlassen worden sind, hat sich die Situation für 80 Prozent der Bevölkerung verschlechtert», plakatierte er die Situation. Gnesa stützte Frey in dessen Vorstellung. «Wir arbeiten auch in dieser Richtung, versuchen uns mit vor Ort ansässigen Firmen zu einigen, um etwa Berufslehren anzubieten», erklärte er. Grundsätzlich würden die Bestrebungen schon dahin laufen, mit realisierten Projekten den Menschen vor Ort eine Lebensperspektive zu geben. Entwicklungshilfe, so wurde am Anlass irgendwie spürbar, ist vor allen Dingen dazu da, Bedingungen potenzieller Flüchtlingsströme nach Europa gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Weniger auch für uns

Dass im Laufe des von gut 20 Personen besuchten Anlasses auch irgendwo die Thematik «Grenzen des Wachstums» gestreift wurde, versteht sich von selbst. «Damit die Afrikaner mehr von der Zukunft haben, müssen wir mit etwas weniger in der Gegenwart auskommen», hatte Frey postuliert. Das unangenehm anmutende Wort Verzicht schwebte im Raum, fand aber keinen Widerhall.

Letztlich blieb man in der Gewissheit zurück, dass (erfolgreiche) Entwicklungshilfe auch eine Sache von vertrauenswürdigen Menschen, deren Verhandlungsgeschick, deren Ideen, Tatkraft und Integrität ist. Koppelt man diese Attribute an Geld, so lässt es sich damit auf den Weg zu einer gerechteren Welt machen. Oder wie Frey das formulierte: «...dann müssen wir auch ein Verhalten an den Tag legen, das mit sehr viel weniger Verschwendung an materiellen und immateriellen Gütern auskommt. Je mehr menschliche Wärme eine Gesellschaft erzeugt, desto weniger künstliche Energie muss ihr zugefügt werden. In diesem Punkt ist die grosse Mehrheit Afrikas gut aufgestellt.»