Olten
Verkehrspsychologe Widmer: «Raser ist nur in der Schweiz ein Begriff»

Überraschendes von Andreas Widmer, Präsident der Schweizer Verkehrspsychologen, zur Frage «Sind Raser therapierbar?» Aus seiner eigenen Erfahrung weiss der Experte: Ja, sie sind es, zuminest profitieren viele von den Kursen, aber nicht alle.

Christian von Arx
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Hat das erste Fachbuch über Raser und Rasertherapie verfasst: Psychotherapeut Andreas Widmer, Olten. Bruno Kissling

Hat das erste Fachbuch über Raser und Rasertherapie verfasst: Psychotherapeut Andreas Widmer, Olten. Bruno Kissling

Bruno Kissling

«Es kann sein, dass ich mich mit diesem Referat in die Nesseln setze.» An der Generalversammlung des VCS Solothurn vor wenigen Tagen in Olten blieb Andreas Widmer zwar von Juckreiz verschont: Die etwa 20 Anwesenden folgten seinen Ausführungen ohne wahrnehmbare Stimmungsreizungen. Ein anderes Publikum hätte wohl vehementer reagiert. Denn Widmer, seit fünf Jahren Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie und Co-Autor des ersten psychotherapeutischen Fachbuchs zur Raserproblematik*, lieferte Fakten und Interpretationen, die durchaus irritieren konnten.

Das begann schon bei der Frage, was Rasen ist. Die Raserinitiative von Road Cross und in der Folge auch der noch im Parlament liegende Gesetzesvorschlag sagen: Wer in der Tempo-30-Zone mit 70, innerorts mit 100, ausserorts mit 140 oder auf der Autobahn mit 200 km/h fährt, ist ein Raser (nebenbei: Nach dieser Definition wären die drei vom Solothurner Obergericht zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilten Todesraser von Schönenwerd keine Raser). – Gut gemeint, aber «Blödsinn», kommentierte Widmer. Was ein Raser sei, lasse sich nur im Einzelfall beurteilen. Wobei ihm klar sei, dass ein Gesetz nun mal eine Definition erfordere. Widmer drückte sich denn auch nicht vor einer eigenen Definition, die es in sich hat: «Raser sind Leute, welche sich nicht an die Geschwindigkeitslimiten des Gesetzes halten.»

Sind also alle Autofahrer Raser? – Laut Widmers Zahlen fahren 23 Prozent innerorts schneller als 50 km/h, 31 Prozent ausserorts schneller als 80 km/h und auf der Autobahn 18 Prozent schneller als 120 km/h. Und zu diesen «Prozenten» gehören wohl früher oder später alle einmal. Das wiederum könnte damit zusammenhängen, dass man fast nie dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Zwar wird der Täter bei einem tödlichen Unfall fast sicher erwischt (95 bis 100 Prozent der Fälle), bei einem Unfall mit Alkohol am Steuer schätzte Widmer die Aufklärungsrate auf 10 bis 70 Prozent. Bei einem Unfall mit übersetzter Geschwindigkeit auf 10 bis 60 Prozent. Aber: Ereignet sich kein Unfall, werden Blaufahrer nur in 0,15 bis 0,2 Prozent der Fälle erwischt, Temposünder gar nur in 0,01 bis 0,07 Prozent der Fälle. Anders gesagt: Man kann im Durchschnitt mindestens 1500 Mal zu schnell fahren, bis man ein einziges Mal zur Kasse gebeten wird.

Zu denken geben müssten dem «Normalautofahrer» deshalb folgende, auf ausländische Untersuchungen gestützte Aussagen des Verkehrspsychologen: «Die Zahl der Unfälle mit Verletzungsfolge reduziert sich mit jeder Senkung der durchschnittlichen Geschwindigkeit um 1 km/h um etwa 2 Prozent.» Oder: «Würden sich alle an die vorgeschriebenen Geschwindigkeitslimiten halten, gäbe es in der Schweiz jährlich mindestens 30 Todesfälle weniger und pro Woche 10 Schwerverletzte weniger.» – Wer sitzt da in den Nesseln?

Irritierend auch, dass Widmer – gerade von einem Fachkongress in Barcelona zurückgekehrt – feststellte, der Begriff «Raser» existiere nur in der Schweiz: «In keinem der 27 EU-Länder gilt Rasen als Problem – sehr wohl hingegen Alkohol und Drogen am Steuer.» Der Präsident der Schweizer Verkehrspsychologen sieht das Grundproblem nicht im Rasen, sondern im Nichteinhalten von Regeln. In seiner Praxis als Therapeut erlebe er, dass «Verkehrstäter» ein «sehr eigenwilliges Regelverständnis» hätten. Seine persönliche Bilanz stimmte aber eher zuversichtlich: «Von 200 Leuten, die bei mir in Therapie waren, war es bei 20 sinnlos. 180 haben profitiert.» Als positiv erachtet Widmer, dass die Lenker die verkehrspsychologische Nachschulung selbst berappen müssen.

Zu deren Wirksamkeit erklärte der Referent, verkehrspsychologische Gruppenkurse reduzierten die Rückfallquote um 50 Prozent gegenüber Personen ohne solche Kurse. Noch weit wirksamer seien Einzeltherapien: Laut Zahlen aus Deutschland wurden innert fünf Jahren nur 1,6 bis 6,4 Prozent rückfällig (aus der Schweiz gebe es bisher keine Zahlen). «Das ist sensationell gut und weit besser als bei anderen Therapien», sagte Widmer. Da liesse sich wohl auch der Brennnesselreiz verschmerzen.

Andreas Widmer und Jürgen Raithel: Deviantes Verkehrsverhalten – Grundlagen, Diagnostik und verkehrspsychologische Therapie. Hogrefe Verlag, Göttingen.