Vinyl

Verkaufen statt wegwerfen: Das war die 1. Oltner Schallplattenbörse

Die erste Schallplattenbörse im Stadttheater Olten zeigt: LPs, Singles und ihr Drumherum lösen anderes in der Publikumsgunst ab.

Die wirklich Vergifteten, die sind längst vor der offiziellen Eröffnung um 10 Uhr im Stadttheater Olten anwesend. «Sie schleichen sich rein», sagt Organisator Roland Arnet. Und weil kein Eintritt anfällt, ist das auch nicht weiter schlimm. «Vorteile haben die Frühbesucher dadurch wohl keine», vermutet Arnet. «Denn in der Regel weiss auch der Insider nicht wirklich, wo sich die Trouvaillen finden.» Solche nämlich sind ebenso individuell wie das zahlreiche Gästepublikum.

Was Arnet aber weiss: Die Börse für Schallplatten zieht, besser als mittlerweile Etabliertes. Gut 20 Anbieter finden sich im Stadttheater, bieten feil und nehmen auch entgegen, meist ohne Entschädigung. «Ich hab’ nichts bekommen für die Platten», sagt ein gut 70-Jähriger aus der Region, der aber anonym bleiben möchte. Eine ordentliche Tragtasche voller Schallplatten hat er abgegeben, nachdem ebenfalls zwei Senioren mit prallen Einkaufstaschen sich ihrer Sache entledigt hatten. «Es spielt mir aber auch keine Rolle», fährt der Senior fort. «Sie lagen jahrelang im Schrank, die meisten wohl nicht allzu oft abgespielt.» Aus den 1950er-Jahren seien die Dinger gewesen. An die Titel könne er sich nicht mehr erinnern. «Aber wenn sie jemandem dienen, ist es immer noch besser, als sie zu entsorgen», sagt er noch und gesteht dann. «Ich bin jetzt im Alter, wo man aufzuräumen beginnt.»

Gesucht: Nadel für Schellackplatten

In Harassen, Plastikboxen, Schuhschachteln warten LPs und Singles auf Abnehmer. Solches dagegen sucht Hans-Rudolf Moser aus Kappel nicht, sondern einen Plattenspieler, auf dem noch die Schellackplatten seiner Mutter abgespielt werden können. Eine solche mit Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers, einst Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, befindet sich ebenfalls darunter, wie seine Coveraufnahmen im Handy zeigen. «Die Tourenzahl ist weniger das Problem als die Nadel», sagt er und macht sich auf die Suche.

Ebenfalls gut läuft die Causa Fotografie. Meist Senioren lassen an der Börse ihre analogen Apparate bewerten und tauschen sie dann – je nach Wert – für ein paar hundert Franken ein. So auch Alfred Moor aus Aarburg. «Die Ausrüstung hat alles in allem sicher rund 30'000 Franken gekostet», sagt er. Einen Bruchteil hat er mit dem Tausch jetzt wieder eingelöst. Er habe früher stets ein bisschen experimentiert, Makroaufnahmen von Insekten gemacht. Dafür habe er schon eine taugliche Ausrüstung gebraucht, auch wenn nicht nur befriedigende Treffer erzielt werden konnten. «Sie können sich vorstellen: Da waren viele der entwickelten Bilder nicht zu gebrauchen, weil das Insekt im dümmsten Moment wegflog», sagt er lachend. Aber er habe durch die Bilder auch einen engeren Bezug zur Natur bekommen. «Man will doch schliesslich wissen, was man fotografiert hat und wie der Lebensraum des Objekts aussieht.» Der Digitalfotografie hat er sich nie angenommen. Warum, wisse er eigentlich auch nicht.

Einige übrigens suchen an der Börse weniger die Schallplatte denn das Cover, in welchem sie steckt. «Ich finde, die Covers waren früher irgendwie besser, weniger durchgestylt und nicht so simplifiziert», sagt eine Mittdreissigerin. Anonym will sie bleiben, unbedingt. Heute komme vieles etwas plump daher», meint sie noch. Das Cover von Supertramp «Breakfast in America» der späten 1970er-Jahre gehöre übrigens zu ihren Lieblingen.

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Autor

urs huber

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