Mit einem langen Küchenmesser stach er zu. 46-mal stach er auf den Oberkörper seines Vaters ein, bis dieser röchelnd verstarb. Es war gegen 23 Uhr abends am 15. Januar 2012, im Schlafzimmer einer Wohnung in Hägendorf. Der Vater hatte zuvor bereits geschlafen, er war der Attacke wehrlos ausgesetzt.

Danach deponierte der Täter das Messer in der Küche. Er nahm das Portemonnaie des Vaters an sich, zog sich um und ging in eine Bar im Dorfzentrum. Dort kaufte er Zigaretten und liess sich seine verletzte Hand versorgen. Dann nahm er einen der letzten Regionalzüge Richtung Solothurn und fuhr zu einem Freund.

Unterwegs führte er regen SMS-Kontakt, dazu verfasste er Rap-Texte. Später floh er in die Westschweiz, wurde aber bald aufgegriffen. Der damals eben 18-jährig Gewordene kam in Untersuchungshaft und ist seit Januar 2013 im Massnahmenvollzug.

Keine Erinnerung an die Tat

Aber warum, warum bloss hatte er seinen Vater umgebracht, auf so brutale Art? Dazu konnte der junge Mann nichts sagen. Er soll das Geschehene in der Tatnacht seinem Freund erzählt haben, erinnert sich aber seither nicht mehr daran: Filmriss, Blackout, Erinnerungslücke. Vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen, das ihn 21. November 2013 wegen Mordes zu 12 Jahren Freiheitsstrafe verurteilte und ihm eine stationäre Therapie auferlegte, blieb das Tatmotiv ein Rätsel. Auch vor dem Obergericht konnte der Beschuldigte keinen Grund nennen.

Die Tat war unvermittelt gekommen, ohne Vorzeichen. Das Opfer, der Täter und dessen Schwester hatten den Abend in der Wohnung verbracht. Gegessen hatte der Sohn allein im Zimmer, dann noch mit dem Vater ferngesehen, später allein eine Flasche Wein getrunken. Dann holte er das Messer.

Mutmassungen über das Motiv

Der Vater hatte dem Sohn nichts zuleide getan, im Gegenteil. Der Junge war mit der Schwester bei seiner Mutter und deren neuem Partner aufgewachsen, wurde aber von diesem Stiefvater, ebenso wie die Schwester, offenbar über viele Jahre immer wieder geschlagen und bedroht. Als er dann nach einer abgebrochenen Malerlehre, haltlos und häufig Drogen konsumierend, von zu Hause weglief, war es der leibliche Vater, der ihn bei sich aufnahm und sich um ihn bemühte, ihm auch eine Praktikumsstelle vermittelte. Zum Vater habe er eine zwar oberflächliche, aber doch gute Beziehung gehabt, sagte der Sohn gestern vor Obergericht.

Staatsanwalt Pascal Flückiger sah das Motiv darin, dass der Vater dem Sohn eine Frist gesetzt hatte, endlich Ernst zu machen mit einer Berufsausbildung; andernfalls müsse er die Wohnung verlassen. Verteidiger Thomas A. Müller (Olten) hingegen vermutete eher, der Sohn habe das Opfer «depersonalisiert» und in ihm eigentlich den verhassten Stiefvater, den Peiniger seiner Jugendzeit, töten wollen. Beides blieben unbeweisbare Thesen.

Dass er den Vater getötet hatte, bestritt der Beschuldigte nicht. Dennoch ging er gegen das Urteil des Amtsgerichts in Berufung. Vorsätzliche Tötung sei es gewesen, nicht Mord. Die Strafe wollte er von 12 auf 6 Jahre herabgesetzt haben, wie Rechtsanwalt Thomas A. Müller beantragte.

Vielleicht ebenso sehr ging es dem Täter um die Art der therapeutischen Massnahme, oder besser um den Ort der Unterbringung. In der Justizvollzugsanstalt Schachen in Deitingen passe es ihm nicht, sagte er den Oberrichtern. Dort sei er mit seinen 20 Jahren der Jüngste, finde kaum Gleichaltrige. In einer kleinen Gruppe baue und lackiere er Windräder. Er fühle sich unterfordert, möchte mehr Sport treiben und sich weiterbilden. Im Schachen könne er aber keine Lehre machen.

Der Staatsanwalt hingegen plädierte auf Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils (Mord), ja gar auf eine Erhöhung der Freiheitsstrafe auf 20 Jahre. Die bisherige Massnahme sei beizubehalten.

Was ist die richtige Massnahme?

Intensiv bemühten sich der Vorsitzende Hans-Peter Marti und seine Oberrichterkollegen Marcel Kamber und Daniel Kiefer an der Verhandlung von gestern Vormittag vor allem darum, in der Befragung des Beschuldigten wie auch des psychiatrischen Gutachters Dr. med. Tamás Czuczor (Bern) Anhaltspunkte herauszuschälen, welches die erfolgversprechendste Therapie für den Täter wäre, damit dieser in Zukunft nicht mehr in solch unfassbar brutaler Weise gewalttätig wird.

Das Amtsgericht in Olten hatte sich für eine Massnahme nach Art. 59 des Strafgesetzbuches entschieden, die eine stationäre Behandlung psychisch schwer gestörter Täter vorsieht.

Dieser selbst beantragte nun aber die Massnahme nach Art. 61 StGB, die auf junge Erwachsene (bis 25 Jahre) mit einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung zugeschnitten ist. Dabei käme auch ein offener Massnahmenvollzug infrage – Verteidiger Müller nannte etwa das Jugend-Massnahmenzentrum Arxhof (Baselland).

Ein rechtlicher Unterschied besteht aber auch in der Dauer: Die Massnahme nach Art. 59 dauert laut dem Gesetz in der Regel höchstens fünf Jahre, kann allerdings jeweils vom Gericht um weitere fünf Jahre verlängert werden. Eine Massnahme nach Art. 61 hingegen dauert höchstens vier Jahre.

Die bisherige Therapie hatte offenbar wenig Wirkung erzielt, weil der Täter wenig Motivation zeigte. Ist dies nun ein Grund, es – wie von ihm gewünscht – anders zu versuchen, oder zeigt es im Gegenteil die Schwere seiner psychischen Störung? Die Oberrichter sind kaum um die Aufgabe zu beneiden, das Richtige für diesen rätselhaften Täter zu entscheiden. Ihr Urteil wollen sie heute Freitag mündlich eröffnen.