Eine aufwühlende Familientragödie stand am Mittwoch am Amtsgericht Olten-Gösgen an. «Sie dürfen den Saal verlassen, wenn Sie es nicht ertragen – auch wenn dies eigentlich nicht üblich ist», richtete denn auch Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset zum Auftakt des Prozesses ihre Worte an die Angehörigen des Opfers im Hägendörfer Tötungsdelikt – Vater, Schwester, Bruder, die Tochter als Auskunftsperson und der Sohn als Angeklagter sassen im Raum.

Vor Gericht musste sich der 19-jährige Mario A. wegen Mordes an seinem eigenen Vater verantworten. Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, der in seinem Leben nicht viel auf die Reihe gebracht hat, immer wieder gescheitert ist und in seiner Jugend viel Leid ertragen musste. Denn die Eltern des Beschuldigten trennten sich früh. Der Angeklagte und seine zwei Jahre ältere Schwester blieben bei der Mutter, die schon bald einen neuen Lebenspartner zur Seite hatte.

Mario A.

Mario A.

Dieser, so sagten sowohl der Angeklagte wie auch seine Schwester aus, habe die beiden immer wieder misshandelt. «Er hat uns geschlagen und gedroht», so die Schwester, die einen sichtlich erschütterten Eindruck machte und weinte. Die Geschwister schwiegen jahrelang. «Ich hatte Angst und wollte nicht, dass die Beziehung meiner Mutter zerbricht, denn sie liebt den Mann», so die Begründung des Beschuldigten. Er zeigte sich auf dem Anklagestuhl ruhig und ohne Gefühlsregungen.

Lehre abgebrochen und gekifft

Der Angeklagte hat später eine Lehre als Maler begonnen. Aber nach nur einem Jahr erhielt er die Kündigung. Er war zu unzuverlässig. «Ich war immer müde und konnte morgens fast nicht mehr aufstehen», erklärte Mario A.. Nach dem Rausschmiss lief er von zu Hause weg, lebte fünf Wochen bei einem Kollegen und zog schliesslich nach Hägendorf zu seinem Vater, zu dem er nach eigenen Angaben immer ein gutes, wenn auch oberflächliches Verhältnis pflegte.

Er nahm sowohl ein Praktikum als auch eine Lehre als Logistiker in Angriff, scheiterte aber in beiden Fällen – der Grund blieb der gleiche: Unzuverlässigkeit und Antriebslosigkeit. Was wohl aufs Kiffen zurückzuführen sei, meinte er. «Ich habe in dieser Zeit täglich sechs, sieben Joints geraucht.» Nach diesen Misserfolgen im Berufsleben plagten ihn Suizidgedanken, wie er berichtete. Er habe sich die Pulsadern aufschneiden oder vor den Zug springen wollen, den Mut dazu aber nicht gefunden.

Im Januar 2012 stellte sein Vater, der ihm die Praktikumsstelle verschafft hatte, schliesslich ein Ultimatum: Entweder er kriegt bis Ende Mai sein Leben in den Griff oder er fliegt aus der Wohnung. Einen Tag später brachte der damals 18-Jährige seinen Vater auf «verwerfliche und skrupellose Art» um, wie es in der Anklageschrift heisst. Der junge Mann suchte unter Alkohol- und Drogeneinfluss den bereits schlafenden Vater in dessen Zimmer auf und metzelte ihn mit einem 32 Zentimeter langen Küchenmesser nieder – ganze 46 Mal hat er laut Untersuchungsbericht zugestochen.

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Röchelnden Vater liegen gelassen

«Ich kann mich an die Tat nicht erinnern, an keinen einzigen Stich. Das Ganze muss sich automatisch abgespielt haben», berichtete der Angeklagte. Obwohl ihm jegliche Erinnerung fehlt, zweifelt er seine Tat nicht an. Er habe auch noch immer das Bild der Leiche und des Blutbades im Kopf. Er habe den Vater, als er später nochmals ins Zimmer zurückkehrte, röchelnd vorgefunden, sei aber nicht in der Lage gewesen, Hilfe zu leisten oder zu holen.

Er habe dem toten Vater schliesslich ein Kissen auf das Gesicht gelegt, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Im Anschluss flüchtete er zuerst zu seinem Kollegen, später in den Kanton Waadt, wie er aussagte. In der Nähe von Lausanne griff ihn die Polizei auf. Er kam rasch in U-Haft, seit Januar 2013 ist er im vorzeitigen Massnahmenvollzug.

«Warum haben Sie ihren Vater getötet?», fragte Amtsgerichtspräsidentin Berset, der die Richterinnen Heidi Ehrsam und Gisela Stoll zur Seite standen. «Das ist ein Fragezeichen, das mich seither begleitet», so der Beschuldigte. «Ich habe keine Ahnung. Nie hätte ich gedacht, dass ich zu so was fähig bin.» Mit dem Ultimatum habe die Tat rein gar nichts zu tun, versicherte er.

Anders sah dies Staatsanwalt Peter Flückiger. Er erachtete das Ultimatum des Vaters als Motiv und warf Mario A. in seinem Plädoyer vor, auf aussergewöhnlich krasse Art und Weise seinen Vater niedergemetzelt zu haben. «Und dies nur, um sein Bedürfnis, nicht arbeiten zu müssen, befriedigen zu können.»

Folglich ging Staatsanwalt Flückiger von Mord aus. Gegen den Angeklagten spreche auch, dass dieser in den Vernehmungen gelogen und keine Reue gezeigt habe. Der Staatsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren, die zugunsten einer Massnahme in einer geschlossenen Anstalt aufzuschieben sei.

Anträge gehen weit auseinander

Der Verteidiger des Angeklagten Thomas A. Müller plädierte im Gegensatz zu Flückiger auf vorsätzliche Tötung. Die Anzahl von 46 Messerstichen mache die Tat noch lange nicht zu einer verwerflichen, hielt er fest. Auch in der Beurteilung des Motivs gingen seine Ausführungen in eine komplett andere Richtung: «Das Opfer nahm eine Stellvertreterfunktion für den Stiefvater ein.»

Müller sah die angestaute Wut des Angeklagten über das, was dieser in seiner Kindheit erlebte, als Auslöser für die Tat. Er forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren, die zugunsten einer Massnahme aufzuschieben sei.

Das Urteil wird voraussichtlich am Freitag, 29. November mündlich eröffnet.