Sie ist, zumindest aus parteipolitischer Sicht, eine absolute Spätentschlossene. Ursula Rüegg, 58-jährig, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter, alle erwachsen, ist erst seit einem knappen Jahr Mitglied der Oltner SVP.

Oltner Stadtratswahlen: Ursula Rüegg

Ursula Rüegg

Vorher gabs für die Leiterin Soziale Dienste Oftringen weder Parteizugehörigkeit noch irgendein politisches Amt auf dem Radar. Und dann, plötzlich: Mitglied einer Partei, Kandidaturen für Gemeinde- und Stadtrat.

Grund für den Gesinnungswandel: Eine gewisse Besorgnis, ein Unwohlsein hätten sie zu diesem Entscheid geführt, politisch mitwirken zu wollen. «Natürlich habe ich mir auch andere Parteiprofile angeschaut», räumt sie ein. Aber letztlich sei nur die eine infrage gekommen. Die SVP eben. Denn diese Partei traue sich «auch unangenehme Themen zu benennen», wie Ursula Rüegg sich ausdrückt.

Unaufgeregt sitzt sie da und die Frage, welches Thema denn ein unangenehmes sei, beantwortet sie mit derselben Unaufgeregtheit. «Die Masseneinwanderung etwa», sagt sie und nimmt einen Schluck Coca-Cola Zero.

Keine Vielrednerin

Ursula Rüegg ist keine Vielrednerin. Sie fasst sich kurz, artikuliert prägnant, ohne überflüssige Gesten. «Ich habs gern kurz, knapp und gradlinig», das Ergebnis ihrer Selbstanalyse. Wer sie reden hört, könnte durchaus die Vermutung hegen: Hier spricht eine Macherin, die sich nicht in Krimskrams verliert. Maxime «Taten statt Worte» vielleicht.

Statt Sozialarbeiterin, was sie als 15- oder 16-Jährige werden wollte, wurde sie vorerst Bankfachfrau. In den späteren 1970er-Jahren bürgte das Bankfach für tradierte Seriosität, der Beruf des Sozialarbeiters fristete so etwas wie ein Schattendasein und war weitgehend unbekannt. «Meine Eltern jedenfalls rieten mir, etwas Richtiges zu lernen», sagt Ursula Rüegg und lächelt ein bisschen.

In der seinerzeitigen Ersparniskasse Olten trat sie die Lehre an, und über Weiterbildungen kam sie auf Behördenadministrationen und schliesslich nach Oftringen aufs Sozialamt, wie solche Amtsstellen umgangssprachlich genannt werden. «Ich war immer berufstätig, mir war das wichtig» sagt sie.

Und sie bildete sich auch jenseits angestammter Berufsfelder weiter. So ist sie im Besitz des «Lastwagenbilletts», wie man so schön sagt. Eine Sparte übrigens, die man ihr sofort zutraut. Sie habe damals viel lernen müssen, erklärt sie.

Und: «Es gab praktisch keine Unterstützung von meinen männlichen Kollegen», gehen ihre Gedanken zurück. Weil sie eine Frau war? «Ich glaube schon», sagt sie. Und eine kleine Nachfrage fördert ans Tageslicht: Bus fahren könnte sie auch noch, allerdings «nicht gewerbemässig», wie sie einschränkend sagt.

Von ihrer Partei wird Ursula Rüegg gerne als Kandidatin für den nicht mehr antretenden Peter Schafer von der Sozialdirektion in Erinnerung gerufen; sie bleibt aber ganz ihrer sachlich-nüchternen Linie treu. «Wer als Stadtrat oder Stadträtin gewählt wird, muss für jede Direktion bereit sein.» Natürlich wäre ihr die Sozialdirektion genehm, ihr angestammtes Metier sozusagen.

Dass die Sozialregion Olten wegen angeblich unverhältnismässig hoher Kosten ins politische Gerede gekommen ist, ist logischerweise auch Ursula Rüegg nicht verborgen geblieben. Doch bevor sie sich exponiert, gibt sie zu verstehen: «Ich kenne die Situation nur vom Hörensagen; aber ich könnte mir vorstellen, dass die aufgelaufenen Kosten auch mit der Praxis zu tun haben, die Kunden extern zu betreuen. In Oftringen ist das anders: Dort kümmern sich die Mitarbeitenden der sozialen Dienste effektiv um die Kunden.»

Rollenwechsel: kein Problem

Im Rollenwechsel, von der administrativen zur politischen Kraft, sieht die Stadtratskandidatin kein Problem. «Sachkompetenz schadet nicht», meint sie. Und an die Öffentlichkeit zu treten, um Sachverhalte zu erklären, sei bereits jetzt Teil ihrer Arbeit, wenn auch in Absprache mit ihrem politischen Vorgesetzten.

In ihrem Bestreben nach einem Exekutivamt sei sie übrigens bestärkt worden, nicht nur familienintern, auch extern von Freunden und Bekannten. Etwa zehn Tage habe sie gebraucht, um zu einem Entscheid zu kommen.

«Das ist nicht so zu verstehen, während zehn Tagen daheim auf dem Sofa sitzend über ein Ja oder Nein zu sinnieren. Dazu brauchts Gespräche mit dem Arbeitgeber, mit politischen Behördenvertretern am Arbeitsort, wie sich das gehört», erklärt Ursula Rüegg, die Fotografieren, E-Bike-Touren, Besuche im Fitnessstudio oder Lesen als ihre Hobbys bezeichnet, eine gewisse Affinität zu Orchideen noch nicht mal mit eingerechnet. Eine ruhelose Zeitgenossin also? «Ich kann durchaus auch mal nichts tun», reicht sie nach.