Die 1999 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete «Blechtrommel» von Günter Grass ist eines jener Bücher: Jeder kennt es, natürlich, ein Jahrhundertroman – aber kaum einer hat es gelesen. Die halbstündige Werkeinführung vor der Aufführung nahmen daher viele Besucher im Stadttheater gerne wahr.

Der Schauspieler Carsten Klemm vom Ensemble der Schauspielbühnen Stuttgart stimmte die Zuhörer launig auf das 1959 erschienene «hintergründige, hinterfotzige Schelmenstück» ein. Für die Bühne hatte Regisseur Volkmar Kamm das rund 800-seitige Werk notwendigerweise gekürzt, konzeptionell habe er es indes komplett erhalten.

Infantil und genial

Den Oskar Matzerath gab der Belgier Raphael Grosch, infantil und genial. Wie der Roman begann das Stück mit dem 30-jährigen Oskar, der sich in einer Heil- und Pflegeanstalt befindet und den Zuschauern in der Folge seine Lebensgeschichte vor Augen führt.

Der Kniff dieser Rahmenhandlung erlaubte es Oskar in seiner Rolle als Erzähler, sich direkt ans Publikum zu wenden, während er gleichzeitig die Hauptfigur seiner eigenen Erzählung verkörperte. Die Zuschauer machte er so gleichsam zu Verbündeten.

Mit Knieschonern gewappnet kroch Grosch beinahe zwei Stunden lang auf Knien, mimte er doch bis zu Oskars plötzlich einsetzendem Wachstum einen Kleinwüchsigen.

Zur Erinnerung: Protagonist der «Blechtrommel» ist Oskar Matzerath, der 1924 in der Freien Stadt Danzig zur Welt kommt. Als «hellhöriger Säugling», dessen «geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist», wie der Ich-Erzähler von sich selbst sagt.

An seinem dritten Geburtstag erhält er eine Blechtrommel und beschliesst, nicht mehr zu wachsen. Die kleinbürgerliche Enge und die überdimensionalen Verbrechen seiner Zeit nimmt er fortan aus seiner Perspektive von unten wahr.

Die neun Darsteller der Truppe, die in insgesamt 16 Rollen schlüpfen, schufen eigenwillige Charaktere und überzeugten mit der Ausdrucksstärke ihres Schauspiels. Glaubwürdig und unverblümt stellten sie die – insbesondere sexuellen – Verwicklungen der polnisch-deutschen Familie Matzerath zur Schau.

Die nackte Madonna, die mit einer unglaublichen Körperfülle aufwartete, hinterliess bei den Zuschauern einen bleibenden Eindruck. Dank drehender Kulisse konnten die zahlreichen Schauplätze der Handlung in Sekundenschnelle ausgetauscht werden.

Vor dem Vergessen bewahrt

Grass, der 1927 geboren wurde und vergangenes Jahr verstarb, wuchs selbst in Danzig auf. Mit der «Blechtrommel» hat der Autor die Wirklichkeit einer ganzen Epoche festgehalten und eine verschwundene Welt vor dem Vergessen bewahrt.

Dennoch liessen manche Stellen im Stück aufhorchen. Beispielsweise, wenn es 1939 während des Gefechts um das polnische Postamt in Danzig – in Anlehnung an die polnische Nationalhymne – heisst: «Noch ist Polen nicht verloren.» Und Oskar etwas später fragt: «Ist Polen jetzt verloren?»

Im Gegensatz zu Volker Schlöndorffs Verfilmung von 1979, die mit dem Oscar ausgezeichnet wurde und 1945 schliesst, endet die Romanhandlung 1954.

Obschon vielen Besuchern im Stadttheater nur der Film bekannt war, folgten sie der Handlung mühelos. Von der kompromisslosen Inszenierung zeigte sich das Publikum begeistert.