Olten
Untersuchungsgefängnis Olten: Die Gitterstäbe zerschneiden den Himmel

Ein Besuch hinter den gut gesicherten Türen des Untersuchungsgefängnisses Olten offenbart Einblicke in eine beklemmende, aber zugleich auch faszinierende Welt.

Fabio Baranzini
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Hinter den schweren Stahltüren befinden sich die Einzel- und Doppelzellen des Untersuchungsgefängnisses Olten.

Hinter den schweren Stahltüren befinden sich die Einzel- und Doppelzellen des Untersuchungsgefängnisses Olten.

Hansruedi Aeschbacher

Sechs Stockwerke, 26 Zellen und 36 Gefangene befinden sich im markanten Turm mit der Fassade aus grau-blauem Schifferstein des Untersuchungsgefängnis Olten. Auf dem Vorplatz stehen gut sichtbar mehrere Kameras, der Zaun ist zusätzlich mit Stacheldraht verstärkt. Von Weitem sind die vergitterten Zellenfenster zu sehen – jeweils zwei pro Stockwerk auf drei Seiten des Gebäudes. Doch was befindet sich eigentlich hinter den Mauern und hinter der Sicherheitskontrolle, die jeder Besucher, Mitarbeiter und Gefangene passieren muss? Wie sieht der Alltag hinter Gitter aus und mit welchen Herausforderungen werden die Betreuer täglich konfrontiert?

Die meisten Personen, die von der Polizei ins UG Olten gebracht werden, landen nach der Sicherheitskontrolle in der

Der Platz wird knapp

Sowohl das UG Olten als auch das UG Solothurn kämpfen mit dem Problem der Überbelegung. «Wir bewegen uns hart an der Grenze des Möglichen», sagt UG-Leiter Urs Rötheli. Im vergangenen Jahr waren durchschnittlich 86,9 Gefangene in den beiden Solothurner UG untergebracht – obwohl eigentlich nur 83 Plätze zur Verfügung stehen. «Teilweise hatten wir bis zu zehn Personen zu viel in unseren Zellen, was natürlich sowohl für die Gefangenen als auch für die Betreuer nicht optimal war», so Rötheli. Mit Klappbetten, die in den Einzel- und auch in den Doppelzellen zugestellt wurden, behob man den Platzmangel.

Das Problem der Überbelegung hat sich in den letzten fünf Jahren massiv verstärkt. 2009 waren es durchschnittlich mehr als 20 Personen weniger, die pro Tag in den zwei UG untergebracht werden mussten. Rötheli vermutet, dass dieser Anstieg primär mit dem 2007 in Kraft getretenen, neuen Strafgesetzbuch zusammenhängt. «Es ist jedoch sehr schwer zu erklären, warum der Anstieg so hoch ist, denn die Kriminalitätsrate hat sich kaum verändert», wie Rötheli festhält.

Im Kanton Solothurn ist man sich dem Platzproblem in den Untersuchungsgefängnissen bewusst und hat deshalb vor zwei Jahren eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, welche die Planung eines zentralen UG für den Kanton Solothurn vorantreiben soll. Dies nicht nur wegen der Überbelegung, sondern auch, weil die Standorte der bestehenden Gefängnisse sowohl in Olten als auch in Solothurn sehr nahe an Wohngebieten liegen und daher nicht mehr optimal sind. Im vergangenen Sommer hat auch der Regierungsrat die Planung dieser neuen Einrichtung, die genügend Platz bieten soll, gut geheissen. Wann das Projekt umgesetzt werden soll, steht jedoch noch nicht fest. (fba)

Obwohl die meisten Gefangenen nur wenige Tage im UG verbringen, stellen die Umstände im Gefängnis ein einschneidendes Erlebnis dar, mit dem nicht alle gleich gut umgehen können. Zwar gilt in jedem Fall die Unschuldsvermutung, aber trotzdem werden die Gefangenen in einer ersten Phase praktisch komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Die persönlichen Gegenstände werden ihnen beim Eintritt abgenommen, Besucher dürfen sie während der Untersuchungshaft keine empfangen und auch telefonieren ist verboten. Duschen dürfen sie zwei Mal pro Woche.

Das neue Zuhause der Gefangenen ist die Zelle. 26 gibt es davon im UG Olten. 10 Doppelzellen und 16 Einzelzellen. Das Inventar ist bei allen dasselbe: Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Fernsehgerät, ein kleines Regal, ein WC, ein Lavabo und ein Spiegel aus Blech. Die Fenster sind doppelt vergittert, die Bettwäsche und die Handtücher sind allesamt aus nicht entflammbarem Material.

Wenn die Gefangenen mehr als nur ein paar Tage im UG bleiben müssen, beginnen sie, ihre Zelle wohnlicher zu gestalten. So beispielsweise in einem Doppelzimmer auf der fünften Etage. Verschiedenste Esswaren – sieben Liter Milch, Cornflakes, Ketchup und Bananen – sind im Regal und auf dem Boden verstaut. An den Wänden hängen Poster, die leicht bekleidete Frauen und Motorräder zeigen, und ein selbst gebastelter Vorhang aus schwarzen Abfallsäcken dient als Sichtschutz für den Bereich mit Toilette und Lavabo. Der Geruch von Zigarettenrauch hängt schwer in der Luft – in praktisch allen Zellen. «In einer Zelle haben die Gefangenen so stark geraucht, dass der Feueralarm losging, als der Betreuer die Klappe in der Tür geöffnet hat», erzählt Rötheli.

23 Stunden am Tag müssen die Gefangenen in ihrer Zelle verbringen. Lediglich eine einzige Stunde dürfen sie nach draussen. Wobei draussen keinesfalls wörtlich zu verstehen ist. Auf dem Spazierhof im sechsten Stock können die Gefangenen zwar frische Luft einatmen und sehen den Himmel – allerdings wird dieser durch metallene Gitterstäbe zerschnitten, die als Fluchtschutz dienen. Die Wände weisen keine Fenster auf. Trotzdem ist der Aufenthalt im Spazierhof für viele der Höhepunkt des Tages. Ein wenig Freiheit und ein paar Gespräche mit den anderen Gefangenen.

In der Mitte des Spazierhofs steht ein Tischtennistisch, der rege genutzt wird. Links daneben befindet sich eine Sitzbank aus Holz. Die Spuren der Gefangenen sind nicht zu übersehen: Namen, Adressen und kleine Zeichnungen wurden eingeritzt. Auch die eine oder andere Beleidigung gegen die Polizei und bestimmte Bevölkerungsgruppen sind zu entziffern. Als Werkzeug dienen Ringe, Feuerzeuge oder die Fingernägel. «Die Gefangenen haben hier genug Zeit und können sich stundenlang mit dieser Tätigkeit beschäftigen», so Rötheli.

Der Umgang mit den Gefangenen ist für die Betreuer nicht immer einfach. Vor allem deshalb, weil nach einer Schätzung von Urs Rötheli rund zwei Drittel aller Gefangenen an psychischen Probleme leiden und deswegen auch Medikamente erhalten. «Diese Personen müssten eigentlich in einer Klinik betreut werden, aber diese wollen oder können keine Straftäter mit erhöhten Risiken bei sich aufnehmen», sagt er. Neben den psychisch auffälligen Gefangenen sorgen vor allem die Nordafrikaner immer wieder für Probleme. Oftmals fühlen sie sich missverstanden und haben Mühe, die Regeln im UG zu befolgen. Sie betrachten diese als Schikane und wehren sich auf teilweise unkonventionelle Weise dagegen. «Ein Gefangener schluckt jeweils absichtlich eine Batterie, ruft danach den Betreuer zu sich und sagt, er habe eine Batterie gegessen, man solle ihm nun bitte helfen», nennt Rötheli ein Beispiel. Ein anderes Exempel ist in der Zelle Nummer 43, die derzeit leer steht, nicht zu übersehen: Wände, Decke, Steckdosen und Fensterrahmen wurden mit Kugelschreibern und Feuerzeugen völlig verunstaltet. Ein Fall für den Maler.

Zur Person

Urs Rötheli (56) arbeitete 32 Jahre lang in verschiedensten Positionen bei der Post. Begonnen hat er als gelernter Postbote, absolvierte in der Folge verschiedene betriebsinterne Weiterbildungen und brachte es bis zum Poststellenleiter. 2007 bewarb er sich aus Interesse für die offene Stelle als Leiter des UG Solothurn. Seit Mitte 2011 ist Rötheli zudem auch für die Leitung des UG Olten zuständig. Urs Rötheli ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt mit seiner Familie in Gunzgen. Seine Freizeit verbringt er mit Reisen und
Lesen – am liebsten nordische Kriminalromane. (fba)

Streng genommen sollten im UG Olten lediglich Gefangene sitzen, die noch auf ihre Verurteilung warten. Die rechtlich gültige Strafe sollte in einer Vollzugsanstalt abgesessen werden. Doch der Platzmangel führt dazu, dass auch im UG Olten viele Gefangene im Vollzug sitzen. Und diese müssen per Gesetz arbeiten. «Leider haben wir zu wenig Arbeitsplätze, um alle zu beschäftigen, die eigentlich arbeiten sollten», sagt Rötheli. Nur sechs Gefangene können in der hauseigenen Werkstatt arbeiten und fertigen dort Betonbolzen, Dübel und Skiköcher für Gondeln an. Eine Handvoll weitere Gefangene arbeitet in ihren Zellen. Die meisten aber schlagen sich die Zeit in ihrer Zelle tot und warten darauf, sich die Beine auf dem Spazierhof zu vertreten, frische Luft zu atmen und einen Blick auf den Himmel zu erhaschen – wenn auch nur durch die Gitterstäbe.

UG Olten

Das UG Olten wurde 1964 eröffnet und galt damals als eines der modernsten Gefängnisse der Schweiz, da es in den Zellen über fliessendes Wasser verfügte und auch im Bereich der Überwachungstechnik über fortschrittliche Gerätschaften verfügte. Seither wurde der Eingangsbereich zweimal saniert und es wurden weitere Anpassungen vorgenommen. Vergrössert wurde die Kapazität des Baus jedoch nicht. In den Anfangsjahren musste der Leiter des UG Olten zwingend verheiratet sein und mit seiner Familie im selben Gebäude wohnen, wobei die Ehefrau jeweils für die Gefangenen kochen musste. Dasselbe galt für den stellvertretenden Leiter. Beide Familien belegten dabei jeweils ein separates Stockwerk im UG Olten.

Neben UG-Leiter Urs Rötheli arbeiten 16 weitere Personen im UG Olten. Ein Mitarbeiter ist für die Eingangskontrolle und die Zentrale zuständig, einer amtet als Werkstattchef und 14 Betreuer kümmern sich um die Gefangenen. Die Betreuer – drei davon sind Frauen – sind allesamt Quereinsteiger, über 30 Jahre alt und verfügen über eine abgeschlossene Berufslehre. Nachdem sie im UG zwei Jahre angelernt werden, absolvieren sie in Fribourg eine zweijährige Ausbildung zum «Fachmann/Fachfrau für den Justizvollzug». Während der Woche arbeiten im UG Olten tagsüber vier Betreuer, nachts deren zwei. An den Wochenenden sind es während des Tages jeweils drei Betreuer und in der Nacht ebenfalls zwei.

Im letzten Jahr verzeichnete das UG Olten 737 Eintritte, was etwas mehr als zwei Personen pro Tag entspricht. Durchschnittlich bleiben die Gefangenen 18,8 Tage im UG Olten, wobei die überwiegende Mehrheit in den ersten drei Tagen wieder auf freiem Fuss ist. Die Gefangenen stammten 2014 aus 68 verschiedenen Ländern, wobei der Ausländeranteil im UG Olten zwischen 70 und 75 Prozent liegt. Die Gefangenen sind vorwiegend männlichen Geschlechts. Nur gerade 2 Prozent der Gefangenen sind Frauen, was jedoch auch damit zusammen-hängt, dass die Frauen, die länger im UG bleiben müssen, nach Solothurn verlegt werden. Über beide Solothurner UG betrachtet, beträgt der Frauenanteil 4 Prozent. (fba)

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