Sechs Stockwerke, 26 Zellen und 36 Gefangene befinden sich im markanten Turm mit der Fassade aus grau-blauem Schifferstein des Untersuchungsgefängnis Olten. Auf dem Vorplatz stehen gut sichtbar mehrere Kameras, der Zaun ist zusätzlich mit Stacheldraht verstärkt. Von Weitem sind die vergitterten Zellenfenster zu sehen – jeweils zwei pro Stockwerk auf drei Seiten des Gebäudes. Doch was befindet sich eigentlich hinter den Mauern und hinter der Sicherheitskontrolle, die jeder Besucher, Mitarbeiter und Gefangene passieren muss? Wie sieht der Alltag hinter Gitter aus und mit welchen Herausforderungen werden die Betreuer täglich konfrontiert?

Die meisten Personen, die von der Polizei ins UG Olten gebracht werden, landen nach der Sicherheitskontrolle in der

Aufnahmezelle. Bevor Urs Rötheli, der Leiter des UG Olten, den Raum betritt, blickt er zuerst durch die Klappe in der blauen Stahltür. «Bevor ich eine Tür öffne, überprüfe ich aus Sicherheitsgründen immer zuerst die Situation dahinter», erklärt er und stösst die Tür auf. Dahinter bietet sich ein trostloses Bild: Ein mit kaltem LED-Licht nur spärlich beleuchteter Raum mit gefliestem Boden, einem Bett mit rotem Überzug, einer Toilette und einem kleinen Lavabo. Alles, was die Gefangenen verwenden könnten, um sich zu verletzen, wurde entfernt oder abgedeckt.

Obwohl die meisten Gefangenen nur wenige Tage im UG verbringen, stellen die Umstände im Gefängnis ein einschneidendes Erlebnis dar, mit dem nicht alle gleich gut umgehen können. Zwar gilt in jedem Fall die Unschuldsvermutung, aber trotzdem werden die Gefangenen in einer ersten Phase praktisch komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Die persönlichen Gegenstände werden ihnen beim Eintritt abgenommen, Besucher dürfen sie während der Untersuchungshaft keine empfangen und auch telefonieren ist verboten. Duschen dürfen sie zwei Mal pro Woche.

Das neue Zuhause der Gefangenen ist die Zelle. 26 gibt es davon im UG Olten. 10 Doppelzellen und 16 Einzelzellen. Das Inventar ist bei allen dasselbe: Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Fernsehgerät, ein kleines Regal, ein WC, ein Lavabo und ein Spiegel aus Blech. Die Fenster sind doppelt vergittert, die Bettwäsche und die Handtücher sind allesamt aus nicht entflammbarem Material.

Wenn die Gefangenen mehr als nur ein paar Tage im UG bleiben müssen, beginnen sie, ihre Zelle wohnlicher zu gestalten. So beispielsweise in einem Doppelzimmer auf der fünften Etage. Verschiedenste Esswaren – sieben Liter Milch, Cornflakes, Ketchup und Bananen – sind im Regal und auf dem Boden verstaut. An den Wänden hängen Poster, die leicht bekleidete Frauen und Motorräder zeigen, und ein selbst gebastelter Vorhang aus schwarzen Abfallsäcken dient als Sichtschutz für den Bereich mit Toilette und Lavabo. Der Geruch von Zigarettenrauch hängt schwer in der Luft – in praktisch allen Zellen. «In einer Zelle haben die Gefangenen so stark geraucht, dass der Feueralarm losging, als der Betreuer die Klappe in der Tür geöffnet hat», erzählt Rötheli.

23 Stunden am Tag müssen die Gefangenen in ihrer Zelle verbringen. Lediglich eine einzige Stunde dürfen sie nach draussen. Wobei draussen keinesfalls wörtlich zu verstehen ist. Auf dem Spazierhof im sechsten Stock können die Gefangenen zwar frische Luft einatmen und sehen den Himmel – allerdings wird dieser durch metallene Gitterstäbe zerschnitten, die als Fluchtschutz dienen. Die Wände weisen keine Fenster auf. Trotzdem ist der Aufenthalt im Spazierhof für viele der Höhepunkt des Tages. Ein wenig Freiheit und ein paar Gespräche mit den anderen Gefangenen.

In der Mitte des Spazierhofs steht ein Tischtennistisch, der rege genutzt wird. Links daneben befindet sich eine Sitzbank aus Holz. Die Spuren der Gefangenen sind nicht zu übersehen: Namen, Adressen und kleine Zeichnungen wurden eingeritzt. Auch die eine oder andere Beleidigung gegen die Polizei und bestimmte Bevölkerungsgruppen sind zu entziffern. Als Werkzeug dienen Ringe, Feuerzeuge oder die Fingernägel. «Die Gefangenen haben hier genug Zeit und können sich stundenlang mit dieser Tätigkeit beschäftigen», so Rötheli.

Der Umgang mit den Gefangenen ist für die Betreuer nicht immer einfach. Vor allem deshalb, weil nach einer Schätzung von Urs Rötheli rund zwei Drittel aller Gefangenen an psychischen Probleme leiden und deswegen auch Medikamente erhalten. «Diese Personen müssten eigentlich in einer Klinik betreut werden, aber diese wollen oder können keine Straftäter mit erhöhten Risiken bei sich aufnehmen», sagt er. Neben den psychisch auffälligen Gefangenen sorgen vor allem die Nordafrikaner immer wieder für Probleme. Oftmals fühlen sie sich missverstanden und haben Mühe, die Regeln im UG zu befolgen. Sie betrachten diese als Schikane und wehren sich auf teilweise unkonventionelle Weise dagegen. «Ein Gefangener schluckt jeweils absichtlich eine Batterie, ruft danach den Betreuer zu sich und sagt, er habe eine Batterie gegessen, man solle ihm nun bitte helfen», nennt Rötheli ein Beispiel. Ein anderes Exempel ist in der Zelle Nummer 43, die derzeit leer steht, nicht zu übersehen: Wände, Decke, Steckdosen und Fensterrahmen wurden mit Kugelschreibern und Feuerzeugen völlig verunstaltet. Ein Fall für den Maler.

Auch die Belegung der Doppelzimmer ist eine knifflige Sache. Männer müssen von Frauen, Jugendliche von Erwachsenen und Raucher von Nichtrauchern getrennt werden. Zudem spielen die Vorgaben der Ermittlungsbehörde eine Rolle, genauso wie die Nationalität und die Religion. «Vor allem das Thema Religion hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen», sagt Rötheli. So sind denn auch an verschiedenen Zellentüren kleine Magnettafeln mit der Aufschrift «Moslem» angebracht. Diese helfen den Betreuern bei der Verteilung des Essens. Auf anderen Türen kleben Schildchen, auf denen «Rasierer», «Schlarpen» oder «Trainer» steht. Alles Dinge, welche die Gefangenen im UG erhalten haben und beim Austritt wieder abgeben müssen.

Streng genommen sollten im UG Olten lediglich Gefangene sitzen, die noch auf ihre Verurteilung warten. Die rechtlich gültige Strafe sollte in einer Vollzugsanstalt abgesessen werden. Doch der Platzmangel führt dazu, dass auch im UG Olten viele Gefangene im Vollzug sitzen. Und diese müssen per Gesetz arbeiten. «Leider haben wir zu wenig Arbeitsplätze, um alle zu beschäftigen, die eigentlich arbeiten sollten», sagt Rötheli. Nur sechs Gefangene können in der hauseigenen Werkstatt arbeiten und fertigen dort Betonbolzen, Dübel und Skiköcher für Gondeln an. Eine Handvoll weitere Gefangene arbeitet in ihren Zellen. Die meisten aber schlagen sich die Zeit in ihrer Zelle tot und warten darauf, sich die Beine auf dem Spazierhof zu vertreten, frische Luft zu atmen und einen Blick auf den Himmel zu erhaschen – wenn auch nur durch die Gitterstäbe.