Olten

Unlösbare Verstrickungen: «Tanz in Olten» präsentiert die Compagnie ZOO

Verstrickungen: Thomas Hauert und seine Compagnie ZOO.

Verstrickungen: Thomas Hauert und seine Compagnie ZOO.

Wie soll es weitergehen? Fragen wir uns das nicht immer wieder angesichts des Zustands unserer Welt? Der Solothurner Tänzer und Choreograf Thomas Hauert beschäftigt sich in seinem Stück How to proceed mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen.

«Wie lebt ihr? Wie rechtfertigt ihr eure Privilegien? Wie geht ihr damit um? Und eure Erfolge?» Ein Tänzer wird von sieben anderen Tänzerinnen und Tänzern in lange Stoffschnüre eingewickelt. Das ist kein sanfter Prozess. Der Tänzer dreht sich, verdreht sich, immer enger wird sein Korsett geschnürt. Gleichzeitig redet er zu uns. Er stammelt, bricht ab, er versucht zu Atem zu kommen, hoffend fängt er wieder an: «Aber, die Demoralisierung, hat sie nicht mit der Midlifecrisis zu tun?» Eingesponnen in einen Kokon steht er da. Wartet er auf eine Antwort? Kurz darauf - im Dunkeln - ein schmerzvoller, animalischer Schrei. Er bleibt, wie das nächste Bild, lange im Gedächtnis: Der Bühnenboden ist mit einem Netz bespannt. Wie von Geisterhand wird es über den Tanzteppich gezogen. Ein Tänzer steht unsicher auf dem sich bewegenden, rutschenden Untergrund. Fällt er? Nein, er schafft es, sich zu behaupten, er widersteht mit geschwellter Brust. Auch eine Tänzerin, die erst über den bewegten Untergrund schlendert, begehrt kraftvoll auf. Doch wogegen? Wie weiter und vor allem: Warum?

Hauert arbeitet mit der Improvisation

In den folgenden 75 Minuten kreieren die Tänzer und Tänzerinnen in verschiedenen Solos, Duos, Trios und als ganze Gruppe bewegte Bilder, unprätentiös von einander abgegrenzt, fast wie im Probenraum. Unprätentiös wirkt auch die Bewegungssprache, derer sich Hauert und seine Tänzer bedienen. Sie hat etwas Forschendes, Eckiges, sie stockt und ruckelt, setzt wieder an, wägt ab, vorsichtig hier, kraftvoll da.

Hauert erarbeitet seine Stücke mittels Improvisation. Sie soll den Körper und den Geist der Tänzer leeren, zurück auf Null drehen, frei machen von Bewegungsmustern und Konditionierungen. Eine neue Art von Virtuosität soll freigelegt werden. Er mutet seinen Tänzer*innen einiges zu. Bei jeder Vorstellung müssen sie sich neu auf unerwartete Impulse des Gegenübers einlassen und reagieren. Keine eingeübte Choreografie gibt Sicherheit. Die Compagnie erarbeitet sich aber ein Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten (eher Bewegungsfarben denn -formen) und setzt sich eine klare dramaturgische Struktur, wie auch das Bühnenbild: Mit den langen, flauschig fedrigen Stoffbändern wird abgegrenzt, eingewickelt, eingesponnen. Die Bänder werden in überraschenden meditativen Kompositionen über den Boden gezogen oder hängen als Vorhang von der Decke. Stoffknäuel werden auch mal ins Publikum geworfen. Schalk blitzt hervor, wenn sich acht dick eingewobene unförmige Zottelwesen zu Chormusik von J. S. Bach fliessenden Bewegungen hingeben (Komposition/Soundcollagen: Mauro Lanza).

Wie hat Tanz eigentlich auszusehen?

Die Bewegungssprache der Tänzer fordert unsere Wahrnehmung heraus und stellt unser Wissen über Tanz in Frage. Gestehen wir uns doch ein, haben wir nicht alle unsere Vorstellung davon, wie Tanz auf der Bühne auszusehen hat? Chaotisch und unperfekt, manchmal sogar dilettantisch? Eher nicht, oder? Doch gerade damit spielt Hauert, der Bewegungsforscher, der in seiner wohltuend heterogenen Truppe selber mittanzt. Mit Witz und Komik, die auch mal in Klamauk abgleitet, entgegnet er immer wieder der Schwere der anfangs gestellten Fragen. Doch wirken die Begegnungen zwischen den Tanzenden oftmals mechanisch und distanziert. Ob es Hauert so gelingt, eine tiefere emotionale Wirkung beim Publikum zu erzielen?

Im Rahmen der 24. Ausgabe der Oltner Tanztage zeigte Hauert und seine Kompagnie ZOO im ausverkauften Kulturzentrum Schützi sein Stück «How to proceed» als Schweizer Premiere. Für den Solothurner, der mit seiner Compagnie in Brüssel arbeitet, ein seltenes Heimspiel. Das Publikum liess sich gerne darauf ein und bedankte sich mit warmen Applaus.

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