Noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen: Vielleicht so liesse sich die Bilanz vom 8. Juni 2016 beschreiben, nachdem sich bei Fundamentsarbeiten ein Dienstwagen auf der Bahnstrecke Olten-Läufelfingen oberhalb Trimbach selbstständig gemacht hatte und dann durch den Hauptbahnhof Olten fuhr, wo er schliesslich entgleiste.

Ja, vielleicht muss noch nicht mal von einem blauen Auge gesprochen werden. Passiert nämlich ist eigentlich nichts. Keine Personenschäden, keine Infrastrukturschäden, lediglich kleine Schäden am Zweiwegebagger (fahren nach Bedarf im Gelände oder auf Schienen). So jedenfalls stehts im 23-seitigen Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) zu den erwähnten Geschehnissen. Und Glück im Unglück war sicher auch dabei.

Die grosse Fahrt des Dienstwagens, die bei Trimbach begann und beim Bahnhof Olten abrupt endete.

Die grosse Fahrt des Dienstwagens, die bei Trimbach begann und beim Bahnhof Olten abrupt endete. 

Was aber war genau geschehen an jenem 8. Juni, morgens gegen 01.30 Uhr? Zu jener Zeit wurden auf der Strecke neue Fundamente für die Signalisation der Bahnübergänge gesetzt. Dazu wurden ein Zweiwegebagger und ein Dienstwagen, bestehend aus einem Fahrgestell und aufgesetzter Mulde, mitgeführt.

Zu Beginn der Arbeiten, im Gebiet Miesern, wurde der Dienstwagen bergseitig des Zweiwegebaggers in das Gleis gesetzt; zu einem späteren Zeitpunkt – wegen räumlicher Probleme – gekehrt, was aber durchaus in Übereinstimmung mit den Betriebsvorschriften geschah, sodass der Dienstwagen neu talseitig positioniert wurde. Die beiden Fahrzeuge blieben auch nach ihrer Umplatzierung stets mit einer Kuppelstange verbunden. Aufgrund ihres erheblichen Gewichts waren bei deren Anbringung mehrere Bauarbeiter zugange.

Bruch eines Kupplungsbolzens

Nach dem Setzen des Fundaments wurden die Fahrzeuge erneut talwärts gefahren. Dabei soll die Fahrgeschwindigkeit gemäss SUST-Bericht nicht mehr als Schritttempo betragen haben. Dennoch: Nach rund 300 Metern Fahrt brach nach Auskunft der Beteiligten vermutlich der Kupplungsbolzen des Dienstwagens, worauf dieser in stetig zunehmendem Tempo wegzurollen begann. Drei mitfahrende Personen sprangen aus der Mulde, während sich der Dienstwagen weiter talwärts entfernte und auf der 24 Promille Gefälle aufweisenden Strecke zunehmend Fahrt aufnahm.

Wie der SUST-Bericht jetzt festhält, sei es schwer verständlich, dass die Teile des gebrochenen Kupplungsbolzens auf der Bahnstrecke im Nachgang der Geschehnisse nicht gefunden werden konnten. So bleiben die Gründe für den Bolzenbruch im Dunkeln. Von einer Überbelastung des Teils konnte jedenfalls nicht die Rede sein. «Er hätte zumindest zu 98 Prozent angerissen sein müssen, damit er vollständig gebrochen wäre», so der Schlussbericht.

Doch zurück zum Ort des Geschehens: Dort nahm der anwesende Sicherheitswärter telefonisch Kontakt auf mit der Betriebszentrale Mitte in Olten und verlangte die Schliessung der Bahnübergangsanlage bei der Haltestelle Trimbach. Dort war der Wagen aber bereits vorbeigerollt, noch bevor die Übergangsanlage überhaupt bedient werden konnte.

So rollte der Wagen weiter ungebremst talwärts, schnitt die Weiche 138 vor der Einfahrt aufs Bahnhofsgelände auf (so nennt man das unbeabsichtigte Befahren einer Weiche in falscher Stellung) und hatte fortan einen ungehinderten Rollweg. Der Wagen passierte den Bahnhof Olten und entgleiste schliesslich bei Weiche 448. Vielleicht ein Glück; denn von Aarburg her wartete ein Zug vor dem Einfahrsignal.

Die Entgleisung des Dienstwagens verhinderte, dass dieser dem wartenden Zug entgegenrollte. Und für einen Reisezug von Bahnhof Hammer herkommend sollte eine Zufahrstrasse Richtung Olten eingestellt werden. Infolge der Weichenaufschneidung durch den Dienstwagen konnte dies gerade noch verhindert werden.

«Dumm gelaufen»

Man kommt kaum umhin, die Geschehnisse des 8. Juni unter dem Etikett «dumm gelaufen» einzuordnen. Zwar verfügte der fragliche Dienstwagen nicht über die notwendige Zulassung. Die SUST schreibt in ihrem Schlussbericht dazu: «Allerdings darf aufgrund vergleichbarer und zugelassener Dienstwagen davon ausgegangen werden, dass der involvierte Dienstwagen ohne wesentliche Anpassungen eine Zulassung erhalten hätte.» So wäre etwa kein Bremssystem verlangt worden, das im Falle einer Trennung der Kuppelstelle ein Bremsen des Wagens gefordert hätte.

Schliesslich hält der Bericht auch fest, dass die SBB als Infrastrukturbetreiberin davon ausgegangen war, mit dem fraglichen Dienstwagen sei ein durch die SBB im Jahr 2003 bewilligtes Fahrzeug eingesetzt worden. «Mangels Kennzeichnung am Dienstwagen wäre eine gültige Zulassung auch bei einer Prüfung vor Ort nicht ohne weiteres feststellbar gewesen.»

Drei Sicherheitsempfehlungen

Basierend auf der Unfallanalyse geben die Autoren des SUST-Schlussberichts drei Sicherheitsempfehlungen ab:

  • Das Bundesamt für Verkehr (BAV) sollte die Mindestanforderungen an das Bremssystem von Dienstwagen im Hinblick auf die Risiken aller Einsatzmöglichkeiten prüfen und nötigenfalls anpassen.
  • Das BAV sollte prüfen, ob die geltenden Vorschriften bezüglich ungebremster Fahrzeuge auf die unumgänglichen Situationen beschränkt werden sollen oder allenfalls ergänzende Vorschriften nötig sind.
  • Das BAV sollte dafür sorgen, dass an allen Dienstfahrzeugen eine Identifikation der Fahrzeugzulassung angebracht ist.

Darüber hinaus verzichtet die involvierte Baufirma aus dem Luzernischen, welche bei den fraglichen Arbeiten den Maschinisten des Zweiwegebaggers, den Sicherheitschef, einen Bauarbeiter sowie den Dienstwagen stellte, inzwischen auf den Einsatz der alten Dienstwagen.

Sie hat gemäss SUST-Bericht neue Dienstwagen bestellt, welche über ein Bremssystem verfügen, das die Fahrzeuge selbsttätig abbremst. Die Wagen würden jetzt dem Zulassungsverfahren unterzogen, so der Bericht weiter.