«Café philosophique» Olten
Über die Grenzen des Tolerierbaren

Die Gäste im Café Philo diskutierten über die Handhabung der Toleranz.

Urs Amacher
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Gesprächsleiterin Eva Schiffer.

Gesprächsleiterin Eva Schiffer.

Urs Amann

Das «Café philosophique», das am letzten Sonntagmorgen im Begegnungszentrum Cultibo stattfand, war bereits das letzte dieser Saison. Es werde aber garantiert nicht das letzte sein, versicherte Karl Kirschbaum bei der Begrüssung.

Die inzwischen auf fünf Engagierte angewachsene Initiativgruppe werde die offene Plattform, gemeinsam über ein philosophisches Thema nachzudenken und zu diskutieren, nach der Sommerpause im kommenden Winterhalbjahr 2017/18 wieder anbieten.

Karl Kirschbaum konnte auch eine Gesprächsleiterin ankündigen, die zum ersten Mal im Oltner Cultibo die Diskussionsrunde moderierte. Eva Schiffer studierte in London und Florenz Philosophie sowie vergleichende Literatur, unterrichtet an der Pädagogischen Hochschule und führt seit 1997 eine eigene Philosophische Praxis in Zürich.

Wie bleibe ich tolerant

Wie immer stand das Café Philo unter einem bestimmten Thema. Diesmal lautete es «Wie bleibe ich tolerant?» Und zum Einstieg formulierte es zusätzliche Fragen wie
«Ist Toleranz überhaupt erstrebenswert?» oder «Was unterscheidet tolerant von gleichgültig?» So kam die Diskussion sofort in Gang und es entspann sich eine anregende Gesprächsrunde.

Philosophieren ist definieren. Hilfreich war deshalb, als jemand gleich zu Beginn festhielt, dass die Wurzel des Worts im Lateinischen liegt: tolerare heisst «ertragen, (Schmerzen, Durst) aushalten, erdulden», aber auch «erträglich machen». Toleranz bedeutet, eine andere Religion, Weltanschauung nicht zu verfolgen.

In der Technik legt die Toleranz fest, wie viel Abweichung von der Norm man durchgehen lässt. Im Alltag versteht man darunter, wie weit wir das Anderssein unserer Mitmenschen akzeptieren.

Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Ignoranz, wo wir dem Andersartigen mit Gleichgültigkeit begegnen, sondern schliesst etwas ein, dem wir eigentlich ablehnend gegenüberstehen und das wir alles andere als Bereicherung empfinden.

Wo hier die Grenzen liegen, ist entweder dem persönlichen Urteil oder dem Urteil einer Gruppe beziehungsweise der Gesellschaft unterworfen. Diese Grenzen sind mit geltenden Werten verbunden und können sich in der Zeit durchaus verschieben, klassisch das Konkubinat, die Rocklänge in den sechziger Jahren oder die Rücksichtslosigkeit im Strassenverkehr.

Das Umfeld legt fest, wie sich jemand zu verhalten oder zu leben hat. Tolerant heisst nicht, alles und jedes durchgehen zu lassen. Gegenüber dieser Sehrichtung von aussen gibt es den Standpunkt des Einzelnen, der für sich und sein Verhalten eine Gelassenheit der Umgebung einfordert.

Es trifft alle

Jeder Mensch kommt in Situationen, wo er unangepasst, anders und fremd ist, aber deshalb nicht verurteilt, sondern tolerant behandelt werden will. Nicht tolerieren soll nicht repressiv sein, aber Grenzen setzen. Gleichzeitig ist von jenen, die Toleranz für ihr (störendes) Verhalten beanspruchten, Rücksicht zu verlangen. Ihre Freiheit geht nur so weit, wie sie die Freiheit der andern nicht beschneidet.

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