Es hat Tradition: Die Protagonisten von Karl’s kühner Gassenschau lassen im Vorfeld ihrer Produktionen jeweils den gesellschaftspolitischen Blick durch die Gegenwart schweifen. Und bleiben dann irgendwo hängen. Das aktuellste Resultat ihrer Gedankenarbeit: «Sektor 1», mit dem das Ensemble seit 2016 gastiert. Die ersten beiden Jahre in Winterthur, jetzt in Olten.

Und: Der Brocken, den sie mitgebracht haben, wiegt schwer, schwerer als üblich. Er kommt zwar leicht verdaulich daher. Pyrotechnische Elemente, gewagte Stunts, heitere Dialoge, gekonnte Tanz- und Musikeinlagen, poetische Intermezzi, überraschende und ausgefeilte Technik, satte und kurze Dialoge überlagern das Ganze. «Typisch Karl’s kühne…» sagen die Gäste. Aber bei aller Zuversicht: Der Konsum von Sektor 1 ist mit «Risiken und Nebenwirkungen» behaftet, über die kein «Arzt oder Apotheker» aufklären kann, wie’s die Medikamentenreklame jeweils propagiert.

Vom Paradies zur Hölle

Warum dies? Nach zwei Stunden intensiver Theaterarbeit vor einem aufgeweckten Publikum nämlich liegt der Hauch von Apokalypse über dem Spielgelände, welchem zu Beginn noch das aseptische Fluidum eines Golfplatzes innewohnte. So nimmt man den Satz von der umständlich daherwalkenden Ida noch mit Heiterkeit entgegen. «Händ Ihr nöd mänggisch äu Angst vor dr Zuekunft?», fragt sie mit dem heiteren Lächeln scheinbarer Unbedarftheit.

Wie gesagt: Zu diesem Zeitpunkt nämlich ist der Sektor 1 noch Olymp des keimfreien Lebens in einer sonst vor sich hin gammelnden Welt, nachdem man allen Unrat der fortgeschrittenen Zivilisation in den Weltraum katapultiert hat. Aber diese keimfreie Zone beziehungsweise das Privileg, sich in dieser aufhalten zu dürfen, hat ihren Preis. Eine faschistoide Frau Krähenbühl und deren Gehilfe Blumer schauen dort zum Rechten und überwachen oder sanktionieren jede Undiszipliniertheit. Bei Ungehorsam sorgen Elektroschocker für’s Paralysieren renitenter Aufenthalter.

Premiere von Karl's kühne Gassenschau mit «Sektor 1» in Olten

Premiere von Karl's kühne Gassenschau mit «Sektor 1» in Olten

Unter all den Überangepassten provoziert einzig Ricos Gang permanente Verwerfungen. Die Gang will halt Sachen ausprobieren, mit Töfflis umherblochen. Deren Mitglieder trinken in ihrer Not Benzin als Stärkungsmittel, streben im Grunde nur eins an: nicht aseptisch und vollkontrolliert zugrunde gehen. Nur das ist wider alle Regeln im Sektor 1.

Ruhe vor dem Nichts

Dennoch: Nach knapp zwei Stunden ist Frau Krähenbühl kaltgestellt, ihr einstiger Vasall Blumer, vermeintlich ein Roboter mit gigantischem Fehler auf der Festplatte, hat sich mit Ricos Gang solidarisiert. Spät, zu spät. Das Universum hat mittlerweile zurückgeschlagen, verstreut überall Müllsäcke und Waschmaschinen, die vom Himmel geprasselt sind, Berge von Abfall, die sich im Hintergrund des Spielorts zusehends aufgetürmt haben und sich schliesslich mehr und mehr Richtung Zuschauer wälzten.

Endzeitstimmung. Ein Glück nur, dass Schröder, auch einer der Unangepassten und Wissenschaftler obendrein, stets im Versteckten herum experimentierte, um diesem Unort entfliehen zu können. Es gelingt schliesslich; in einer Raumkapsel entschwinden alle in sphärische Höhen; Rosa mit ihrem frisch Geborenen samt Ehemann Giorgio und Tochter Dani, Rico und Gang. Wohin die Gruppe bloss fliegt? Nur Frau Krähenbühl bleibt stromlos zurück.

Ida fehlt noch

Es wird finster. Aber es bleibt spürbar, das Ende ist noch nicht gekommen. Richtig: Noch einmal bittet gekonnte Dramaturgie zu Tisch. Ida walkt umständlich daher. Vor der Tribüne hält sie inne, dreht sich leicht bemüht zum Publikum hin und sagt leise lächelnd: «Händ Ihr nöd mänggisch äu Angst vor dr Zuekunft?»

Man hat – und glaubt trotzdem an eine solche. Und dann folgt eine minutenlange stehende Ovation eines strahlenden Publikums für das vielköpfige Ensemble, das sich aufgereiht hat wie Perlen an einer Kette; unprätentiös, glücklich die Wertschätzung des Publikums entgegennehmend.

Man atmet auf. War zum Glück bloss Theater, erst noch ausgezeichnet gemacht. Und während man zu Hause vorfährt, erkennt man im Scheinwerferlicht des Wagens, dass die Müllabfuhr die bereitgestellten Säcke abgeholt hat. «Na bitte, ist alles in Ordnung», denkt man dann und wirft trotzdem einen scheuen Blick zum nachtschwarzen Himmel. Um ausfindig zu machen, ob das Universum nicht doch zurückschlägt. Risiken und Nebenwirkungen eben.