Diesen Morgen habe er als erstes geschaut, wie das Wetter wird, sagt Reno Sami Co-Geschäftsleiter der Suchthilfe Ost. Die Wolken jagen sich zwar am Himmel, aber die Sonne scheint auf den Ländiweg. «Ich habe diesen Weg noch nie so belebt gesehen wie heute», sagt der Organisator erfreut.

Auf dem schmalen Weg zwischen der Bahnhofterrasse und der Holzbrücke tummeln sich die Menschen. Auf der Mauer, die sich entlang des Weges zieht, sind unzählige Koffer aufgestellt, aus welchen kunterbunte Ware feilgeboten wird. Einige Verkäufer sitzen auf mitgebrachten Stühlen vor der Mauer, andere lassen ihre Beine von der Mauer baumeln. Eine Frau, die auf einem Campingstuhl vor ihrer sorgfältig präsentierten Ware sitzt, sagt, sie habe von diesem Koffermarkt gehört und da der Platz nur fünf Franken koste, habe sie beschlossen, ihre Ware auch hier anzubieten. Sie verkauft selber gemachte Stofftiere und Grusskarten. Abgesehen von heute versuche sie aber, den Ländiweg so gut wie möglich zu meiden; besonders als Frau schätzt sie diesen Weg als gefährlich ein. Heute sei es aber noch lustig hier mitzumachen, auch wenn es nicht ihr Publikum sei.

Ein Ort mit Potenzial

Das Publikum am Ländiweg kann nicht unterschiedlicher sein: Der zufällige Spaziergänger, der neugierig in die Koffer schaut, junge Familien, die ihre Kinder von der Mauer springen lassen, Männer und Frauen mit Bierdosen in der Hand, die sich auf dem Ländiweg zu Hause fühlen. Und nicht zuletzt Hunde. «Ich denke, das Problem des Ländiwegs sind nicht die Menschen, die hier ihre Zeit verbringen, sondern die Hunde», sagt eine Oltnerin, die nicht namentlich genannt sein will. Ihre Gäste, die mit dem Zug ankommen, fühlen sich von den Hunden bedroht, sagt sie. Nicht nur sie hat Vorschläge, wie man den notorischen «Unort» wieder für alle zugänglich machen kann. So soll er besser beleuchtet und verbreitert werden, oder eine Buvette soll mehr Menschen anziehen. «Mit der Sanierung der Kantonsstrasse, welche sich oberhalb des Ländiwegs befindet, werden ganz neue Gestaltungsoptionen für den schmalen Weg offen», sagt der Stadtpräsident Martin Wey. Er deutet auf den grünen Hang, der steil von der Strasse bis zur Mauer abfällt. «Dieser Ort hat durchaus Potenzial», sagt er.

Dass der Ländiweg mehr als ein rein stadtplanerische Problem ist, welches mit ein paar architektonischen Kniffs vom «Schandflecken» zur Flaniermeile verwandelt werden kann, weiss Fabian Florin. Seine Hände, T-Shirt und die Hosen sind mit Farbe verschmiert. Er steht auf der Bahnhofsterrasse und schaut den jungen Menschen zu, die mit seiner Hilfe, die grossen Stellwände besprayen. Bane, wie Fabian Florin als Künstler heisst, war 14 Jahre Heroin abhängig und ist jetzt aber «draussen». In der Zeit, als er süchtig war, habe er für lange Zeit im Churer Stadtpark gelebt, der auch von den Churern gemieden werde. Es ginge zu oft vergessen, dass Drogensüchtige auch Teil der Gesellschaft seien und man möchte sie möglichst aus dem Stadtbild verbannen. Anlässe wie das Ländiweg-Fest seien deshalb sehr wichtig, denn durch Begegnungen können Beziehungen geschaffen werden. Sobald man einen Bezug hat, sei es einfacher, Akzeptanz zu schaffen. Man muss unbedingt das Thema «Sucht» ansprechen und es nicht tabuisieren.

«Mode für kleines Budget»

Das Fest ist im vollen Gange. Jetzt zeigen Migrantinnen auf der zum Laufsteg umfunktionierten Treppe Kleider, die sie im Secondhand-Laden gefunden haben. «Mode für das kleine Budget», kommentiert die Moderatorin. Bei Kaffee und Kuchen, welchen die Mitarbeitenden der Suchthilfe Ost selber gemacht haben, konnte man das Werk der Künstlerin Andrea Nottaris bestaunen oder den Texten des Slam-Poeten Dominik Muheim zuhören.

«Wir haben es geschafft, auf dem Ländiweg verschiedene Personen zusammenzubringen. Heute Morgen hat auch die Polizei rasch vorbeigeschaut, Politiker waren hier und viele Oltner, die sonst nicht auf diesem Weg flanieren. Ich bin happy», sagt Sami und fügt an, dass er es sich gut vorstellen könnte, dieses Fest wieder zu organisieren.