Olten

Thomas Marbet will neuer Stadtpräsident werden: «Die Stadt kann ihr Potenzial besser nutzen»

Will das Potenzial Oltens besser nutzen: Thomas Marbet auf der Terrasse des Stadthauses.

Will das Potenzial Oltens besser nutzen: Thomas Marbet auf der Terrasse des Stadthauses.

Der bisherige Vizestadtpräsident Thomas Marbet will neuer Oltner Stadtpräsident werden. Er könnte damit der erste Sozialdemokrat werden, der dieses Amt innehat.

Am Dienstagabend an der Parteiversammlung der SP hat der bisherige Vizestadtpräsident Thomas Marbet sein Interesse am Stadtpräsidium bekannt gegeben. Die Nominationsversammlung der Partei findet im Herbst statt.

Sie möchten Oltner Stadtpräsident werden. Welches sind Ihre Beweggründe?

Thomas Marbet: Ich möchte die anstehenden Projekte der Stadtentwicklung wie die Schulanlage Kleinholz, den neuen Bahnhofplatz oder die Ortsplanungsrevision auf den Weg bringen. Als Stadtpräsident hätte ich zudem einen gewissen Einfluss, den ich gerne nützen würde, um diese Stadt, meine Heimat, weiterzuentwickeln.

Martin Wey hat Anfang März in dieser Zeitung angekündigt, nächsten März nicht mehr zu den Stadtratswahlen anzutreten. Wann haben Sie für sich den Entscheid gefällt, sein Nachfolger werden zu wollen?

Es gab keinen Stichtag. Seit einem Jahre trage ich diesen Gedanken mit mir herum – bereits vor dem Entscheid Weys. Die Coronazeit hat mir nun Luft gegeben, einen Entscheid zu fällen. Der Schritt ist von grosser Tragweite, weil ich damit mein angestammtes Berufsleben verlasse und mich voll auf die Politik konzentrieren würde: Stadtpräsident zu sein ist ein Vollzeitjob. Man wagt so ein Stück weit auch den Weg in die Unsicherheit.

Sie waren bisher sieben Jahre Vizestadtpräsident. Wurden Sie von der eigenen Partei unter Druck gesetzt, weil die Ausgangslage aus Sicht der SP relativ gut ist, erstmals das Stadtpräsidium zu erobern?

Es gab vonseiten der Partei überhaupt keinen Druck. Aber gefragt wurde ich schon, ob ich antrete – vor allem aus dem privaten Umfeld.

Ihre Partei wirft dem Stadtrat mit links-grüner Mehrheit immer mal wieder vor, er betreibe zu wenig linke Politik. Und das liege unter anderem auch an Ihnen. Was sagen Sie dazu?

Bei jedem Geschäft versuchen wir drei links-grüne Stadträte, unsere Grundhaltung einzubringen – das gelingt uns eigentlich recht oft, obwohl jeder ja nur eine Stimme hat. Aber es gibt immer Entscheide, die der Partei missfallen. Das ist bei allen Stadträten so. Positive Beispiele aus meiner Sicht: Dass die Stadtangestellten einen Teuerungsausgleich erhalten haben, ist auch unser Verdienst. Oder dass Olten das Energiestadt-Label Gold anstrebt, hätten wir im Stadtrat und jetzt auch im Parlament wohl nicht durchgebracht, wenn ich dies so nicht vorgebracht hätte. Dieses Label zu erreichen, ist eine enorme Herausforderung, auch finanziell.

Wie stehen Sie zur SP?

Ich habe ein unverkrampftes Verhältnis zur Partei, auch wenn es manchmal kritisch ist: Von meinen Parteikollegen muss ich mir im Parlament vieles anhören. Meine Partei von mir allerdings auch – das geschieht dann häufig intern an Fraktionssitzungen. Wir reiben uns, aber das Verhältnis ist respektvoll und professionell. Und die Jungen dürfen auch etwas kritischer und rebellischer sein.

Sie könnten in der Eisenbahnerstadt Olten nun der erste linke Stadtpräsident werden. Viele Eisenbähnler sind traditionell SP-Wähler. Wie stark verbunden sind Sie mit diesen?

Die Verbundenheit ist zum einen familiär bedingt: Mein Grossvater war Eisenbähnler im Stellwerk Olten. Zum anderen arbeitete ich als Schüler bei der Bahnpost in Däniken und habe dort Pakete sortiert. Heute bin ich als Nutzer mit den SBB verbunden. Seit gefühlten 30 Jahren besitze ich ein GA und brauche den öffentlichen Verkehr täglich.

Sie haben ein Wirtschaftsstudium absolviert und arbeiten bei der Schweizerischen Nationalbank: Mit diesem beruflichen Werdegang gehören Sie nicht zu den typisch Linken. Wie würden Sie sich selbst politisch beschreiben?

Wir sind eine Volkspartei mit einem breiten Spektrum von Leuten: von den Jungen über den Gewerkschaftsflügel bis zur politischen Mitte. Das hat in der Partei Platz. Mir hat einmal jemand gesagt, ich sei der Sozialliberale der SP, rechts der Parteimitte. Das finde ich eine nicht so schlechte Beschreibung meines politischen Wirkens. Zudem gibt und gab es in der Partei auch immer wieder Wirtschaftswissenschafter.

Haben Sie ein politisches Vorbild?

Wer mir immer imponiert hat, ist der frühere SP-Bundesrat und Finanzminister Otto Stich: ein sozialer und volksnaher Mensch, aber trotzdem bewusst: Man muss den Franken auch verdienen, den man ausgibt, und haushälterisch mit dem Geld umgehen.

Die Finanzen sind tatsächlich ein Dauerthema in der Stadt: In den vergangenen Jahren dank den sehr guten Rechnungsabschlüssen auch wieder positiv. In welche Richtung soll sich die Stadt in Ihren Augen in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Wir sind die grösste Stadt im Kanton Solothurn mit der stärksten Wirtschaftskraft und mit einer bedeutenden Wirtschaftsregion im Rücken. Diese Stärke müssen wir im Kanton, aber auch als Zentrumsstadt im Aareland- Verbund mit Aarau und Zofingen noch selbstbewusster einbringen. Als weitere Stärken sehe ich unsere Nähe zu den Naherholungsgebieten mit den Wäldern und der Aare, die zentrale Lage mit der Erschliessung des ÖV, die uns viele Einwohner bringt, wie ich am Neuzuzügerempfang der Stadt immer wieder feststellen kann. Zudem gibt es hier noch bezahlbare Wohnungen. Und: Unser Bahnhof ist Kopf und Motor dieser Stadt. Daher ist das Projekt neuer Bahnhofplatz Olten auch so wichtig.

Ein wichtiger Punkt, ob man in Olten wohnen will, sind auch die Steuern. Wie stehen Sie zu einer Steuererhöhung?

Im letzten Finanzplan hielt der Stadtrat fest, dass es für die Entwicklungsinvestitionen wie den erwähnten neuen Bahnhofplatz eine Zusatzfinanzierung braucht. Dies muss wahrscheinlich zum einen mit einer Neuverschuldung geschehen, zum anderen mit Mehreinnahmen. Beides für sich alleine wird nicht ausreichen. Ich meine, eine projektbezogene vorübergehende Steuererhöhung können wir den Bürgern verständlich machen. Auch via Gebührenerhöhungen sind Mehreinnahmen möglich: Zum Beispiel haben wir mit den Städtischen Betriebe Olten eine Zusatzausschüttung in Höhe von einer halben Million ausgehandelt. Das Problem ist nämlich: Mit Hilfe unserer frei verfügbaren Mittel schaffen wir es nicht, 20 Millionen Franken pro Jahr für die grossen Entwicklungsinvestitionen auszugeben. Unser Cashflow reicht für rund 10 bis 12 Millionen für die normalen Jahre mit Fokus auf den Werterhalt.

Das heisst, eine mögliche Steuersenkung wird in den nächsten Jahren kein Thema sein?

Die kantonale Umsetzung der Steuerreform brachte eine Steuersenkung für die juristischen Personen mit sich. Seit Anfang Jahr haben die Unternehmen im Kanton einen Gewinnsteuersatz von 16,32 Prozent – und dieser wird schrittweise weiter gesenkt bis auf 15,38 Prozent. Das ist eine grosse Entlastung. Zudem werden wir mit der Coronakrise derzeit genug gefordert sein, weil auch die Steuererträge der natürlichen Personen abnehmen.

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie auf die Stadt zukommen in den nächsten Jahren?

Neben der Finanzierung der genannten Entwicklungsprojekte wird uns der Klimawandel beschäftigen. Wir kommen als Stadt nicht darum herum, unseren Beitrag zu leisten, um weniger Treibhausgase auszustossen. Ein weiteres Anliegen ist mir die Stärkung der funktionalen Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden, um insgesamt effizienter zu werden und mehr Spielraum bei den Investitionen zu erhalten. Es gibt bisher eine Zusammenarbeit beim Zivilschutz, bei der Schulgemeinde oder zum Teil beim Werkhof. Insgesamt können wir noch mehr herausholen. Nicht jede Gemeinde muss alles machen. Das ist aus meiner Sicht einfach zu teuer. So bekommen wir auch die gebundenen Ausgaben, die einen Grossteil unseres Budgets ausmachen, besser in den Griff.

Olten konnte einen Teil seines schlechten Rufs als Stadt ablegen, von der man dank des Knotenbahnhofs schnell wieder wegkommt. Wie würden Sie Olten nach aussen repräsentieren?

Ich will Olten als offene, moderne und selbstbewusste Stadt repräsentieren. Sie ist für mich offen für Neues und für neue Leute. Das sieht man im Gemeindeparlament: Da habe ich schon fast jeden Dialekt gehört. Olten soll modern erscheinen, sei es mit attraktiven Dienstleistungen oder belebtem öffentlichen Raum. Wir sollen uns auch selbstbewusst zeigen, wie dies etwa mit dem International Photo Festival möglich ist, dank diesem Weltstars der Fotografie nach Olten kommen.

Sie hätten einen Wunsch frei für Olten. Wie sähe dieser aus?

Dass die Stadt ihr Potenzial besser nutzt. Aus meiner Sicht haben wir unsere Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft.

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