Olten

Tattoos sind heute nicht mehr für die Ewigkeit

Silas Müller lässt sich von Jan Bolliger ein Tattoo weglasern.

Silas Müller lässt sich von Jan Bolliger ein Tattoo weglasern.

In seinem «Tattooentfernung Zentrum» rettet Jan Bolliger seine Kunden vor überholten Trends und fehlerhaft gestochenen Tattoos.

Silas Müller stehen die Schweissperlen im Gesicht. Es ist zwar bereits die fünfte Sitzung, den Schmerz kennt er schon. Der «haut ine», sagt er. Aber er ist Ästhet, das ist es ihm wert. Die Rede ist vom Maori-Tattoo, das sich über seinen rechten Arm windet. Ein sogenanntes Tribal. Das trägt der 32-jährige Aarauer schon seit etwa vier Jahren, sagt er. Ein Freund hat es ihm gestochen. Das Problem: «Es hat einen Fehler, das geht für mich gar nicht.» Wers nicht weiss, dem würde es auch kaum auffallen. Aber Silas Müller ist Perfektionist. Zwei Jahre lang habe er versucht, sich mit der fehlerhaften Zeichnung abzufinden, aber er habe sich psychisch schlecht gefühlt. Jetzt lässt er sich einen Teil des Tattoos entfernen.

So sitzt er heute erneut vor Jan Bolliger in dessen «Tattooentfernung Zentrum» in Olten. Beide tragen eine Schutzbrille, denn Bolliger hantiert mit dem Laser. Für den Fall, dass was ins Auge geht. Bolliger fährt mit dem Laser den Linien entlang, mehrere kurze, knisternde Knalle sind zu hören. Kleine Schockwellen in der Haut. Es riecht nach verbranntem Körperhaar – Müller hat vergessen, den Arm vorher zu rasieren. Und: Der Laser hat Spuren hinterlassen; die behandelten Linien haben sich weiss verfärbt. Nach 5 bis 10 Minuten gehe die Reaktion aber bereits zurück, sagt Bolliger. «Die Verkapselungen werden aufgesprengt und die Farbpigmente in der Haut freigesetzt», erklärt er. Über das Lymphsystem werde die Farbe im Körper dann abgebaut.

Mindestens zwölf Eingriffe nötig

Silas Müller wischt sich mit einem Ärmel den Schweiss vom Gesicht. Bolliger hat den Laser mehrmals angesetzt, aber der gesamte Eingriff hat nur kurz gedauert, 10 Minuten vielleicht. Die gelaserte Stelle ist nach dieser fünften Behandlung bereits deutlich verblasst. Bis nichts mehr davon zu sehen ist, sind mindestens zwölf Eingriffe nötig, sagt Bolliger. Das dauere schon ein bis zwei Jahre, denn zwischen den einzelnen Sitzungen sollten Intervalle von vier bis acht Wochen liegen. Ist der Makel gelöscht, wird sich Silas Müller die Hautstelle wieder tätowieren lassen, dann hoffentlich mit zufriedenstellendem Resultat. Nach der abschliessenden Laserprozedur wird er aber zuerst einmal ein halbes Jahr warten müssen. «Die Zellstruktur muss sich regenerieren, sonst verfliesst die Tinte sofort in der Haut», weiss Jan Bolliger.

200 Franken blättert Silas Müller auf den Tisch. In rund drei Stunden wird sich seine Haut wieder beruhigt haben, in drei Tagen ist sie wieder verheilt. Mit Bolliger, der ebenfalls 32 ist, ist er per Du. Er macht mit ihm gleich einen neuen Termin aus, Ende Februar. «Kannst du mir noch einen dieser kühlenden Verbände mitgeben?», bittet er Bolliger. Dieser winkt ab. «Damit habe ich aufgehört. Manche Leute haben allergisch reagiert auf das Tigeröl, das darin enthalten ist.» Auch kein Problem für Müller. Ein kleiner Schwatz noch, dann verabschiedet er sich. Draussen wartet bereits die nächste Kundin.

Drei Monate – 80 Kunden

Jan Bolliger eröffnete sein «Tattooentfernung Zentrum» in Olten Ende 2015. In einem gemieteten Raum im Monvia-Gesundheitszentrum, das er von sich und seiner Arbeit überzeugen konnte. «Innerhalb von drei Monaten hatte ich 80 Kunden – es besteht ein extremer Bedarf», erzählt der Mann mit der neckischen Zahnlücke. Der umgängliche Zofinger, der früher bei Hilti im Verkauf tätig war, ist in seinen heutigen Beruf zufällig reingerutscht, wie er sagt. Er habe sich selbst mehrere Sternchen hinter dem Ohr entfernen lassen. So habe er die richtigen Leute kennen gelernt. Weil er gerne mit Menschen zu tun hat und in der «nigelnagelneuen Branche» eine Chance sah, lernte er in verschiedenen Schulungen den Umgang mit dem Laser. Ein Arbeitskollege brachte ihm das Lasern dann in der Praxis bei.

Viele wissen nicht, was sie tun

«Es gibt keine offizielle Ausbildung zum Tattooentferner», sagt er, das sei ein Problem. Gesetzlich bestehe eine Grauzone. Wer mit einem guten Laser, also einem Medizinalgerät arbeite, müsse dafür bestimmte Bedingungen erfüllen. «Aber für wenig Geld kann man auch in China irgendein Gerät bestellen ...» Tattooentfernung sei ein Riesenboom, weiss Bolliger. Es gebe aber viele Anbieter, die nicht wüssten, was sie tun. «Wenn die Maschine auf zu viel Leistung eingestellt ist, verbrennt die Haut und wirft riesige Blasen.» Viele Leute, erzählt er, riefen ihn an, um eine zweite Meinung einzuholen. Da würde er schon mal gefragt, ob es normal sei, dass man nach einer Laserbehandlung ein Loch habe in der Haut. Beim Tätowieren sei das Problem ja dasselbe, jeder könne sich übers Internet eine Tattoomaschine zulegen.

Nach sogenannten Tattoopartys, an denen sich zumeist Jugendliche selbst ungelenke Zeichnungen auf die Haut kritzeln, sei denn schon manch einer bei ihm in der Praxis gelandet, erzählt Bolliger. «Früher war ein Tattoo für die Ewigkeit, heute lässt man sich tätowieren im Wissen, dass man es ja wieder wegmachen kann.» Da habe er schon viel gesehen: überholte Trends wie Schriften, Sternchen oder Schwalben, die nicht mehr gefallen. Leute im Geschäftsanzug, die sich von Hakenkreuzen oder SS-Zeichen befreien wollen. Permanentes Make-up, wo die Brauenfarbe plötzlich ins Orange umschlug. Oder neue Trends wie fluoreszierende Tattoos oder «Haar»-Pünktchen, die sich Männer auf die Glatze tätowieren lassen. «Schrecklich», findet er. Dennoch beurteile er seine Kunden nicht nach ihren Tätowierungen. Er gehe offen auf die Leute zu.

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