Winznauer Wehr
Tage des Betonskelett-Baus sind gezählt

Die Konzessionserneuerung für das Wasserkraftwerk Gösgen fordert ein Opfer. Das Winznauer Wehr muss weichen. Ein Drama wie um die Weissenstein-Sesseli dürfte es beim Abbruch nicht geben.

Ueli Wild
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Todesurteil «nicht erdbebensicher» – der Oberbau des Stauwehrs Winznau soll im Zuge der Konzessionserneuerung abgebrochen werden.uw

Todesurteil «nicht erdbebensicher» – der Oberbau des Stauwehrs Winznau soll im Zuge der Konzessionserneuerung abgebrochen werden.uw

«Das Wehr ist ein sehr frühes Bauwerk in der Schweiz, das im Betonskelettbau erstellt und dessen Oberfläche nicht mit Natursteinen oder einer Verkleidung kaschiert wurde.»

Dies der Befund der «Museumsfabrik», einer in Luzern ansässigen Institution, die auf Gutachten und Inventare zur Erhaltung und Nachnutzung von Industriekultur spezialisiert ist. In der Landschaft markiere der Bau den «Eingang zur Kraftwerklandschaft Gösgen» und sei «ein bemerkenswertes Merkzeichen der Zähmung der Natur durch den Menschen im frühen 20. Jahrhundert».

Abbruch des Winznauer Wehrs

Noch bis am 6. Juli liegen die Pläne für einen Neubau des Kraftwerks Gösgen in den Gemeindeverwaltungen der näheren Region auf. Einwendungen gegen die Anpassung des kantonalen Richtplans 2000 sind beim Bau- und Justizdepartement in Solothurn einzureichen. Die auffälligste geplante Massnahme ist der Abbruch des Wehroberbaus. Dieser sei «aus verschiedenen technischen Gründen erforderlich», heisst es in dem von der Eigentümerin bei der AF-Colenco AG in Baden in Auftrag gegebenen technischen Bericht. Bei einem Erdbebens habe der Wehroberbau, der eine grosse Masse hoch über dem Fundament der Pfeiler darstelle, «einen deutlich negativen Einfluss auf die Gesamtstabilität des Wehrpfeilers». Die Erdbebensicherheit des Wehroberbaus selbst sei nicht gewährleistet.

Auch haben laut Bericht die neue, breitere Wehrbrücke und das geplante Dotierkraftwerk mit der Fischabstiegsanlage am rechten Aareufer nur Platz, wenn der Oberbau abgebrochen wird. Und schliesslich entfalle mit dem Schützenersatz die ursprüngliche Funktion des Oberbaus als Standort für die Antriebsysteme. Kurz: «Der Oberbau hat keine Funktion mehr.» Bald 100-jährig, verursache er einen erheblichen Unterhaltsaufwand und eine Umnützung wäre mit grossem Aufwand verbunden.

Heimatschutz hat Wehr auf dem Radar

Nicht erdbebensicher, nicht rentabel, unnütz geworden – die Tage des Betonskeletts sind wohl gezählt. Auch wenn der Solothurner Heimatschutz um das Todesurteil weiss. Der Vorstand habe sich mit dem Thema beschäftigt, entnimmt man dem Jahresbericht 2011 von Präsident Philipp Gressly. Eine Besichtigung und Einschätzungen beigezogener Fachleute hätten bestätigt, «dass es sich hier um ein sehr frühes und in seiner Ausformulierung besonderes Bauwerk im Betonskelettbau handelt.» Das Wehr sei als letzte solche Anlage in der Schweiz erhalten und präge, zusammen mit weiteren der Energiegewinnung dienenden Zweckbauten die Landschaft auf markante Weise. Der Heimatschutz verfolge die weiteren Entwicklungen «nahe, aber mit Augenmass».

Der Heimatschutz wisse um die laufende Auflage, sagt Präsident Gressly. Der Vorstand habe das Wehr weiterhin «auf dem Radar» und werde an einer kommenden Sitzung mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Stellungnahme abgeben. In welche Richtung, sei jedoch noch völlig offen. Denkmalpflegerisch gesehen handle es sich sicher um einen wichtigen Bau. «Aber», so Gressly, «wir sehen auch die praktischen Erfordernisse des Umbaus.»

Zweites «Weissenstein-Drama»?

Ein Drama wie jenes um die Weissenstein-Sesseli sollte es also wegen des Wehrs kaum geben. Der Abbruch hat ja auch, so meinen die Verfasser des technischen Berichts, positive Auswirkungen für das Landschaftsbild. Da gehen die Meinungen aber offenbar auseinander. Immerhin: Der Wehr-Oberbau hat «seine Arbeit getan».

Ein Zeitzeuge, der etwas geleistet hat und zugleich Teil der Landschaft geworden ist, sie massgeblich zum Industrielehrpfad und Freiluftmuseum gemacht hat. Als Pförtner am Eingang zur Kraftwerklandschaft Gösgen. Nur, riefe ein Plädoyer für eine integrale Erhaltung des Wehrs nicht nach der späteren Gretchenfrage: «Wie hältst dus mit dem Kühlturm?» Bis dahin fliesst wohl noch viel Wasser die Aare hinunter.

Vorstoss im Oltner Gemeinderat

Das Wehr könnte aber noch zum Politikum werden – in der nächsten Sitzung des Oltner Gemeindeparlaments. Am Samstag kündete Daniel Schneider, Chef der SP-Gemeinderatsfraktion, gegenüber dem «Oltner Tagblatt» an, dass die SP zum Thema einen Vorstoss einreichen wolle. Denkbar sei ein dringliches Postulat. Dringlichkeit wäre insofern gegeben, als die nächste Sitzung des Parlaments am 28. Juni stattfindet. Acht Tage später läuft die Einwendungsfrist ab. Hier will Schneider einhaken: «Ich habe mit Empörung festgestellt, dass sich die Stadt Olten nicht an der Vernehmlassung zu beteiligen gedenkt.»

«Die Idee, die Sache zu prüfen – dass sich jemand dafür regt, finde ich gut», sagt Oltens Baudirektor Martin Wey. «Ein Restaurationsbetrieb dort oben – mit Blick auf die Alte Aare – wäre natürlich ein Bijou», findet auch der Baudirektor. «Aber für mich ist das Ganze ein bisschen weit weg. Gehört es wirklich zu den Kernkompetenzen der Stadt Olten, hier die Fahne hochzuhalten?» «Mir würde der denkmalschützerische Aspekt an sich schon genügen», lässt Landschaftsarchitekt Schneider durchblicken. Er sieht aber auch die ökologische Seite des Ganzen: Die Silhouette des Wehrs sei so etwas wie das Tor zu den Niederämter Auen..

Wo Schneider das Tor zur Auenlandschaft sieht, spricht der von der Bauherrschaft in Auftrag gegebene Umweltverträglichkeitsbericht aus dem Jahr 2010 von einer «optischen Barriere im Flussraum». Nach dem Abbruch wirke dieser «deutlich offener und transparenter als heute». Und: «Das führt lokal für den naturorientierten Betrachter zu einer erheblichen Aufwertung des Landschaftsbildes.»In der gleichen Studie wird betont, die potenziellen Auswirkungen auf den Bereich Denkmalschutz seien «als gering zu bewerten». Es sei kein inventarisiertes Denkmalschutzobjekt betroffen. Ausserdem sei das Stauwehr Winznau selbst längst nicht mehr im ursprünglichen Zustand. Das Gebäude des Maschinenhauses sei vor gut zehn Jahren vollkommen erneuert worden. Statt der sieben alten wurden damals vier moderne Maschinen eingebaut. Das ursprüngliche Einlaufbauwerk beim Kanal sei schon 2003 abgebrochen worden. Laut Konzession muss die Traversierung der Aare sichergestellt werden und ursprünglich wurde der heute gesperrte Oberbau via die beiden Treppenhäuser auch von Privaten genutzt.

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