Olten

Tabus – Jenseits einer sachlichen Begründung

Roland Neyerlin inmitten der rund 40 Philo-Gäste.

Roland Neyerlin inmitten der rund 40 Philo-Gäste.

Café Philo spürte im Cultibo den modernen Tabus nach; deren Eliminierung bedeutet übrigens nicht grundsätzlich mehr Freiheit.

Am Café philosophique im Cultibo von Sonntagmorgen drehte sich die Diskussion um ein Thema, zu dessen Charakter gehört, dass man eben nicht darüber spricht: Über vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer spürten den alten und neuen Tabus nach. Deshalb galt es, zuerst zu versuchen, die Bedeutung des Worts genauer zu fassen. Im offenen Gespräch unter der Leitung des Luzerner Philosophen Roland Neyerlin kristallisierte sich heraus, dass Tabus sozial kodiert sind. Das heisst, sie beruhen auf einem gesellschaftlichen Regelwerk. Sie sind durch die jeweilige kulturelle Umgebung bestimmt und werden stillschweigend praktiziert und flächendeckend durchgesetzt. Ein Tabu verbietet oder verlangt ein bestimmtes Verhalten, und zwar ohne es zu hinterfragen. Tabus brauchen keine (sachliche) Begründung. Es gibt Nahrungstabus, die das Essen von Hundefleisch oder Schweinefleisch verbieten. Bei uns redet man auch nicht über den Lohn, ein Tabu, das in Asien oder in den USA nicht gilt, im Gegenteil. Diese Beispiele zeigen, dass andere Gesellschaften andere soziale Tabus haben. Und am Lohn-Tabu sieht man, dass Tabus unter Umständen Machtinstrumente sind.

Tabus im Wandel

Zu den Tabus gehört, dass sie unhinterfragt sind. Sobald man beginnt, über die Tabus zu diskutieren, sind sie eigentlich keine Tabus mehr und werden gebrochen. Das Haus und die Familie sind Tabus, die infrage gestellt sind, wenn man beispielsweise über häusliche Gewalt und Kindsmisshandlungen nicht mehr hinwegsieht und schweigt.

Ist das Abschaffen der Tabus und ihrer Verbote eine Befreiung? Nicht generell. «Der Umgang mit den Tabus ist eine Form der Lebensklugheit», sagte Roland Neyerlin, «sie helfen, das Zusammenleben geregelt zu gestalten». Tabus können auch ein Schutz sein. Ihre Normen haben einen gemeinschaftskittenden Sinn, sie stiften Identität.

Aber nicht jede gesellschaftliche Norm ist gleichzeitig ein Tabu. Krawattenzwang, Nicht-Nacktheit oder Anstand sind wohl verbindlich, gelten aber nicht absolut.

Tabus entstehen aus einer jeweiligen gesellschaftlichen Situation. Wo sich aber die Gesellschaft wandelt, sind auch die Tabus einem solchen Wandel unterworfen, man denke nur über den Umgang mit dem Sterben und dem Tod.

Rebellion – nicht unberechtigt

Rebellion gegen gewisse Tabus ist zweifellos nicht unberechtigt. Wo sie «leben» verhindern, darf man die Verbote und Normen getrost enttabuisieren. Allerdings entsteht für viele ein Problem, wenn wir alle Tabus infrage stellen. «Wir wissen nicht mehr, woran wir uns halten sollen, wenn wir ersatzlos von allen Traditionen abgeschnitten sind. Wo alles ins Rutschen gerät, fehlt eine verbindende Kraft. Bedenklich wird es, wenn Leute sich als Gegenreaktion in einfache Antworten und in den Fundamentalismus flüchten, wo alles schön vorgegeben und nicht alles und jedes diskutiert werden muss», so Neyerlin.

Dabei entpuppt sich gerade die Diskussion, die lustvolle verbale Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, als eine Bereicherung, ist Roland Neyerlin überzeugt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1