Olten

Sven Garrecht heisst der Sieger des Kabarett-Castings 2019

Sven Garrecht ist der Gewinner des Kabarett-Castings 2019.

An den Oltner Kabarett-Tagen war am Dienstagabend Orakel spielen angesagt – galt es doch, am Casting-Final die zukünftige Bühnenkarriere der drei Finalteilnehmer vorherzusehen. Denn der Förderpreis soll in erster Linie demjenigen zugutekommen, der das grösste Entwicklungspotenzial hat, und nicht bloss den besten Auftritt des Abends abliefert.

Der Entscheid wurde weder dem rund hundert Köpfe zählenden Publikum noch der Fachjury einfach gemacht. Im Schwager Theater kamen drei gute, in ihrer Art aber ganz unterschiedliche Darbietungen zur Aufführung: jene von Sven Garrecht, Gregor Stäheli und Konstantin Korovin. Ihre Qualität hatten die Nachwuchskünstler bereits in den drei Casting-Vorrunden bewiesen, die im Frühjahr durchgeführt wurden und aus denen sie als Sieger hervorgingen. Moderiert wurde der Finalabend von Lisa Catena, die mit einer satirischen Presseschau zu den Aktualitäten der Woche für Unterhaltung sorgte.

Keine Reise ins Nimmerland

Als Erstes wurde Gregor Stäheli auf die Bühne gebeten. Der 28-jährige Basler Slam-Poet nahm das Publikum mit auf eine Reise. Zwar nicht ins Nimmerland, wo der selbst ernannte Peter Pan auf der Suche nach seiner Wendy gerne hingewollt hätte, aber immerhin rund um die Welt und «zum Mittelpunkt der Herzen», so der Titel des Kurzprogramms. Aber von vorn. Von seiner Freundin verlassen, weil er nicht erwachsen werden will, gibt Stäheli eine Annonce auf, in der er nach einer Frau – eben seiner Wendy – sucht, um mit ihr immer Kind zu bleiben. Als sich niemand auf die Annonce meldet, beschliesst er, sich auf die Suche zu machen. Ausführlich erläutert Stäheli die Umstände seines Aufbruchs. Von der Weltreise selbst gibt er eine Zusammenfassung im Schnelldurchlauf zum Besten.

Zurück in der Schweiz gilt es, an der Passkontrolle Schlange zu stehen. In der Flughafenhalle trifft er dann auf eine Frau, die seine Wendy werden könnte. Oder seine nächste Enttäuschung. Mit viel Ironie skizziert Stäheli die schnelllebige Welt, in der sich junge Erwachsene heute bewegen. Und zeigt: Nebst Work-Life-Balance, Instagram und Tofu spielen auch heute noch die ganz grossen Gefühle die Hauptrolle in deren Leben.

Anstellung trotz Dreadlocks

Ebenfalls mit zeitgenössischen Phänomenen beschäftigt sich der zweite Protagonist des Abends. Konstantin Korovin thematisiert den globalen Klimawandel, die aktuelle Sexismusdebatte und den Alltagsrassismus. Nicht unerwähnt bleibt dabei sein eigener Migrationshintergrund. Der junge Stand-up-Comedian ist nämlich in der Ukraine geboren, aber in Stuttgart aufgewachsen. Um der (zu) perfekten Integration etwas entgegenzuwirken und um niemanden auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu konkurrenzieren, habe er sich Dreadlocks wachsen lassen. Aber, so frotzelt Korovin, selbst mit dieser Frisur könne man heute eine Anstellung finden: in einem Veganer-Café zum Beispiel oder bei der Drogenfahndung. Humorvoll berichtet Korovin dann von einem Job, den er auch ausgeübt hat: Spielleiter in einem Escape-Room.

Facettenreicher Sinnierer

Den Abschluss bildet Sven Garrecht. Der Auftritt des aus dem deutschen Seligenstadt stammenden Musiklehrers ist der Facettenreichste des Abends: Garrecht singt, spielt Klavier, trägt Gedichte vor und interagiert mit dem Publikum. Seine Geschichten überzeugen durch unerwartete Wendungen, Wortwitz und überraschende Pointen. Thematisch deckt Garrecht ein breites Feld ab. So sinniert er über die Töne und Klänge des Sommers («man hört die Fetten grillen»), über den Beginn der Weihnachtszeit und die digitale Kommunikation. Im Lied «Kleinstadt-Tiger» karikiert er einen ergrauten Weiberhelden, der die Jagd nach jungem Frischfleisch einfach nicht lassen kann. Und in einer Hymne an seinen Lieblingsdichter spielt Garrecht mit den Erwartungen des Publikums, das sich einen Reim auf Goethe macht, bei der Auflösung des Rätsels aber eine Überraschung erlebt (geehrt wird nämlich Schiller).
Mit seiner abwechslungsreichen Darbietung vermochte Garrecht Jury und Publikum zu überzeugen und wurde zum Gewinner des 8. Kabarett-Castings erkoren.

Er erhält damit den mit 10 000 Franken dotierten Förderpreis. Dieses Polster soll dem Nachwuchstalent die Ausarbeitung eines abendfüllenden Programmes ermöglichen, das an den nächsten Kabarett-Tagen erstaufgeführt werden darf. Diese Ehre kommt heuer Lisa Christ zu: Die Siegerin des letztjährigen Kabarett-Castings tritt heute Donnerstag in der Schützi auf und wird ihr erstes Soloprogramm «Ich brauche neue Schuhe» präsentieren.

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