Olten

Stubete-Atmosphäre für Asylbewerber

Am Klavier von links: Romal Dawlatzada (16), Ali Akbar Nasiry (18), beide aus Afghanistan, mit Klavierlehrerin Amira El Hachimi.

Am Klavier von links: Romal Dawlatzada (16), Ali Akbar Nasiry (18), beide aus Afghanistan, mit Klavierlehrerin Amira El Hachimi.

Seit Ende Februar gibts für die Asylbewerber vom Gheid jeweils dienstags einen Treff. «Projekt Jurastrasse 27» nennt er sich. Man wähnt sich dabei in einem geselligen Lernatelier.

Wie soll man das Projekt Jurastrasse 27 bloss nennen? Vielleicht Stubete? Oder so, wie in Einladungen zu Generalversammlungen die Zeit nach Ende der abgearbeiteten Traktandenliste genannt wird: gemütliches Beisammensein? Eigentlich egal, denn das Projekt spricht für sich und glänzt durch Unkompliziertheit, Ungezwungenheit, familiäres Cachet.

Im Grunde verläuft es so, wie es zustande gekommen ist: direkt, einfach, im guten Geiste. Ein Telefon, eine Prise Organisationstalent, ein gutes Beziehungsgeflecht, ein Raum, Zeit, Musse, Wille, Ideen – die Ingredienzien der Erfolgsidee.

«Alles Gute ist einfach», soll der Amerika-Entdecker Kolumbus gesagt haben. Und es scheint, als hätten Renate Lämmli und Christine Moll, die beiden Initiantinnen des Projekts Jurastrasse 27, just diesen Leitsatz umgesetzt. Mithilfe eines guten Dutzends Freiwilliger und Madeleine Hersperger vom Verein Malima aus Wangen.

Nicht sexy

Ihr Angebot sei nicht sexy, hatte man die beiden Frauen wissen lassen, als sie bei der Betreuerfirma ORS im Gheid vorstellig wurden. Ein Treff für Asylanten jeweils dienstags von 14 bis 17 Uhr, mit niederschwelligem Aktivitätsprogramm schien nicht favorisiert.

Aber: Die Geschichte gab den Frauen recht: Ein Dutzend Männer war in aller Regel dabei, wenns darum ging, Papier zu schöpfen, mit der Nähmaschine zu hantieren, zu backen, zu musizieren, Deutsch zu lernen. Und das alles in sehr gemütlicher Umgebung. Nach und nach kommen sie jeweils herein, grüssen per Handschlag, lächeln, finden schnell Anschluss. Man kennt sich mittlerweile.

«Fröid» hätten sie am Gelingen des Projekts, sagen Renate Lämmli und Christine Moll unisono, derweil Romal Dawlatzada und Ali Akbar Nasiry, zwei Flüchtlinge aus Afghanistan, mit Amira El Hachimi am Klavier eine einfache Melodie üben.

Verblüffend zuzusehen, mit welcher Hingabe die jungen Männer den Griffen auf der Klaviatur folgen; als seis das Selbstverständlichste auf der Welt. Learning by doing, die älteste Lernmethode überhaupt, feiert in den Räumlichkeiten der evangelisch-methodistischen Kirche, nach deren Postadresse das Projekt benannt wurde, Urständ.

«Es war sicher ein emotionaler Entscheid, die Idee anzugehen», sagt Renate Lämmli. Und einer, der schliesslich mit Vernunft und wenig bürokratischem Aufwand umgesetzt wurde. Bereits vor zwei Jahren, als die Asyldebatte in Aarburg hohe Wellen schlug, habe man sich überlegt, aktiv zu werden, weiss Christine Moll, die das Projekt Jurastrasse 27 als «Herzensangelegenheit» bezeichnet.

Die Tatsache, dass einige Männer, die mittlerweile von der kantonalen Asylunterkunft in die Gemeinden transferiert wurden, weiterhin am Projekt teilnehmen, beweist die hohe Akzeptanz des Angebots.

Droht nun das Ende?

Es war im Grunde für die Asylanten Oltens gedacht, das Projekt mit dem niederschwelligen Angebot und seinem unprätentiösen und wohl gerade deshalb so erfolgreichen Strickmuster. Mit der vorläufigen Aufhebung der Asylunterkunft im Gheid stellt sich für die Initiantinnen ab Dezember die Frage: wie weiter? «Im Fokus standen für uns schon die Männer von der Unterkunft im Gheid», sagt Lämmli.

Darum ist noch völlig offen, inwieweit das Projekt Jurastrasse 27 eine Fortsetzung erfährt. «Vielleicht finden sich auch in Gretzenbach Leute, die von unserem Know-how profitieren und Ähnliches umsetzen möchten», so die beiden Initiantinnen.

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