Olten

Strohmann-Kauz präsentieren ihr neues Programm «Sitzläder»

Im Theaterstudio Olten wurden launige Geschichten von gestern für Leute von heute erzählt.

Seine Postkarte aus Paris kann er zwar nicht mehr lesen, und vergrössern und verändern lassen sich Foto und Schrift auch nicht, wie man dies vom Smartphone her gewöhnt ist. Aber dass er mal in Paris war, das weiss der alte Witzbold Ruedi (Rhaban Straumann) noch ganz genau: Mit der Serviertochter vom «Sternen» ist er nach Irren und Wirren weggefahren.

Doch an der Seine hat sie sich in einen anderen verliebt – «ne me quitte pas» singt er leise vor sich hin. Das Wirtshaus ist denn auch Ort des Geschehens.

Ruedi und sein vergesslicher Kumpel Heinz (Matthias Kunz) hatten beide genug vom Altersheim und sind in ihre seit zehn Jahren leerstehende Lieblingsbeiz eingebrochen, weil sie sich einst am Stammtisch so verdammt wohl gefühlt haben.

In Heimarbeit haben sie zuvor heimlich im Heim ein Transparent gebastelt, wie es heutzutage bei einer Hausbesetzung üblich ist. Und die alte Beiz weckt Erinnerungen an früher …

Köstliche Charaktermasken

Mit etwas gar viel chargierten Gesten, aber mit durchaus witzigen Wortspielen und auch mit ein paar nachdenklichen Momenten stellen Strohmann-Kauz die beiden alten Männer auf die Bühne.

Zwei alte Käuze voller Erinnerungen, zwei köstliche Typen, die sich kleine Streiche spielen, zwei alte Freunde, die sich halt einfach mögen – das berührt und gefällt dem Publikum im drei Mal ausverkauften Theaterstudio.

Doch dann zieht das Kabarettistenduo noch andere Charaktermasken aus dem Sack; beide schlüpfen in etliche, ebenso dankbare andere Rollen. Der alte, asthmatische Sternenwirt erscheint mit einem Karabiner bewaffnet in der Gaststube und will die Eindringlinge wegjagen.

Ein junger Bursche möchte sich ebenfalls einquartieren. Doch die alte Oltner Mundart mit ihren heute fast vergessenen Regeln (zwe Manne, zwo Froue, zwöi Chind) versteht er nicht und mit den komplizierten Oltner Möglichkeitsformen weiss er überhaupt nichts anzufangen. Gut, dass er auch die Klimaregeln durcheinanderbringt!

Wie sich herausstellt, ist er der Sohn des Polizeikommissärs, der in freundlichem Bündner Dialekt seine beiden alten Freunde zur Raison und zum Frieden bringen möchte.

Rhaban Straumann gelingt hier eine sympathische Charakterfigur, die vielleicht einmal durch einen ganzen Krimi führen könnte. Genauso gut gelungen aber ist Matthias Kunz der schmierige Zürcher Architekt, der den «Sternen» kaufen und überbauen möchte.

Zeiten vermischen sich

Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich auf raffinierte Weise im Stück «Sitzläder. Der letzte Stammtisch», das Anna-Katharina Rickert inszeniert hat. Historische Themen tauchen immer wieder auf und finden Parallelen in der Welt von heute.

So philosophieren die zwei alten Männer mehrmals über symbolische und tatsächliche Mauern von der Römerzeit bis zu den Mauern in Mexiko und Palästina. Kleine Mini-Hörspiele stellen Szenen von früher nach und da ist erstmals auch eine Frauenstimme dabei.

Nach der Pause gibt’s zum Vergnügen aller eine gymnastische Einlage mit köstlichem Dada-Kauderwelsch als Beispiel für das Theaterspielen von früher. Zwischendurch weitet sich die unterhaltende Komödie dann zum recht ernsten Totentanz: Wer soll vom Sensenmann geholt werden?

Und all dies ist für Strohmann-Kauz stets Anlass zu kleinen, pointierten Seitenhieben. Ein Beispiel dafür: «Ein rechter Bub hat ein Messer im Sack.» – «Und ein linker?» – «Hasch». Aktuelle Schweizer Polit-Themen aber greifen der Oltner Rhaban Straumann und sein Berner Kollege Matthias Kunz erst in der Zugabe auf.

Der Schweizer Wahlherbst ist Gegenstand eines bitterbösen Dialogs, der in der Klarheit seiner politischen Aussage richtig überrascht. Ein paar solch boshafter Politpointen könnten den liebevoll zelebrierten Anekdoten des Stückes noch etwas mehr satirische Schärfe geben.

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