Olten
Störche und eine verwilderte Ziege waren «grosse Sehenswürdigkeiten»

Urs Amacher hat die grosse Landwirtschaftsausstellung von 1913 auferstehen lassen. Dabei hat er Überraschendes zu Tage gefördert.

Urs Huber
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Urs Amacher mit seiner Broschüre «Die grosse Landwirtschaftsausstellung von 1913 in Olten»

Urs Amacher mit seiner Broschüre «Die grosse Landwirtschaftsausstellung von 1913 in Olten»

Urs Huber

Dass vor gut 100 Jahren, im Herbst 1913 auf der Schützenmatte in Olten eine grosse Landwirtschaftsausstellung organisiert wurde, ist doch eher in Vergessenheit geraten. Nun hat einer in der Vergangenheit gestochert, in den Archiven des Kantons und der Stadt Nachforschungen betrieben, sich in alte Zeitungen vertieft und so dem historischen Anlass – heute hiesse dieser Event – ein Gesicht gegeben: Historiker Urs Amacher.

Zwei, drei Überraschungen hält Amacher in seiner knapp 40-seitigen und gut bebilderten Broschüre bereit. Mit 18'000 gezählten Eintritten endete die Veranstaltung für die Organisatoren – den Ornithologischen Verein Olten-Gösgen (OVO) – mit einem kleinen Reingewinn von knapp 700 Franken. «Unter den Erwartungen», hält Amacher fest. In seinem Werk «Die grosse Landwirtschaftsausstellung von 1913 in Olten» konstatiert er, dass der OVO mit dem Reingewinn Projekte realisieren wollte; etwa eine neue Voliere, die Ansiedlung von Schwänen oder einen Hirschpark im Mühleloch. «Der Erlös reichte dafür aber längst nicht aus», bilanziert Amacher. «Immerhin: die Landwirtschaftsausstellung als Hauptprobe für die Landi in Bern 1914 – und als solche war sie gedacht – war durchaus gelungen.»

Eine weitere Überraschung, zumindest aus heutiger Sicht: An der Ausstellung wurden zwei Störche und eine verwilderte Ziege präsentiert; als «grosse Sehenswürdigkeiten». Erstere seien von ihren Eltern erbarmungslos aus dem Nest katapultiert worden, wie ein Zeitungsinserat aus jenen Tagen festhält. Selbiges verrät auch, warum die Ziege verwilderte. In Oberbuchsiten bei der Alpabfahrt 1911 ausgebüxt, konnte diese während fast zweier Jahre nicht mehr eingefangen werden.

Aquarium – elektrisch beleuchtet

Ebenfalls für eine Attraktion sorgte der Fischereiverein Olten und Umgebung. Der führte sämtliche in der Aare vorkommenden Arten vor. «Das war sicher eine grosse Sehenswürdigkeit», so Amacher. «Aber mindestens so beeindruckend dürfte der elektrisch erhellte Wasserbehälter gewesen sein.» Das elektrische Licht sei damals noch neu gewesen. Egerkingen habe erst 1910 eine elektrische Ortsbeleuchtung eingerichtet, Thaler gemeinden wie Aedermannsdorf oder Laupersdorf erhielten erst ab 1912 Anschlüsse ans Stromnetz, Gänsbrunnen gar erst 1923.

Die Landwirtschaftsausstellung verstand sich auch als Leistungsschau; sämtliche präsentierten Erzeugnisse oder Lebware konnten prämiert werden, sofern sich die Eigentümer einer Fachjury stellten. Zuchttiere, landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Beeren, Dörrobst, Gemüse, sauerer Most oder gebrannte Wasser wurden nach bestimmten Kriterien bewertet. Die Fachjury Obstbau beispielsweise brachte das folgende Beurteilungsschema zur Anwendung:
1. Qualitative Beschaffenheit. 2. Rassigkeit der ausgestellten Früchte und Sortenwahl. 3. Etikettierung und belehrende Angaben über den Anbauwert der betreffenden Sorte. Amacher hält in seiner Schrift auch fest, welche «alten Apfelsorten» 1913 juriert wurden: Die Auflistung der Namen dürfte den meisten nichts mehr sagen: Neuendörfer Reinette (die nach Kriterien der Obstjury die Be-zeichnung «Reinette» nicht tragen dürfte), Chläusler, Rotbäggler, Mützler, Buntkäppler, Marerapfel, Strausackapfel und, und, und.

Medaillen und Geldpreise

Es gab Medaillen – und Geldpreise – für die Erstprämierten; Gold, Silber, Bronze; so wie man sich das auch heute noch gewohnt ist. Allerdings gerieten die Gaben zu einem veritablen finanziellen Belastungsmoment für die Organisatoren. Speziell die Grossviehausstellung bedingte Mehrkosten, denn: «Die Bauern liessen sich nicht wie die Aussteller von Geflügel, Kaninchen und Kleinvieh mit Prämien von 3 Franken abfertigen», wie in der Festschrift 60 Jahre Ornithologischer Verein festgehalten wird.

Auch Gartenkunst wurde an der Ausstellung in Olten zelebriert; darunter auch ein Sondergarten des Gartenarchitekten Adolf Vivell. Über die Wirkung der gestalteten Gärten liess sich in der Zeitung lesen: «Wenn man durch all diesen Blütenzauber, an diesen Rasenteppichen, lauschigen Winkeln, stimmungsvollen Gebüschgruppen und rieselnden Springbrunnen vorbei lustwandelt, empfindet man lebhafter denn je das Fehlen mindestens einer halben Million, um sich vollends ins Paradies hineinträumen zu können.»

Das Plakat zur Ausstellung in Olten wurde von Eugen Henziross (1877 bis 1961) aus Niederbuchsiten geschaffen. Der Maler, Grafiker und Zeichenlehrer, der später in Bern wirkte, galt als plakativer Schaffer und wirkte als Gestalter von Plakaten für Tourismus Bern, die Lötschbergbahn, die Freisinnigen der Schweiz, Schützenfeste, Körperpflegemittel und, und, und.

Urs Amacher, «Die grosse Landwirtschaftsausstellung von 1913 in Olten», Fr. 12.–; erhältlich ab sofort in den Buchhandlungen Schreiber und Klosterplatz

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