Neugründungen
Start-ups sind sexy, aber voller Risiken: Wo die grössten Fallen liegen

Rolf Meyer, Professor für Entrepreneurship an der FHNW Olten spricht über die Schwierigkeiten, die eine Neugründung mit sich bringt. Denn nicht nur Finanzierung und Umsetzung der Idee müssen stimmen - das Produkt muss auch beim Kunden ankommen.

Philipp Felber
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Rolf Meyer in den Gängen der Bibliothek des neuen FHNW Standorts in Olten.

Rolf Meyer in den Gängen der Bibliothek des neuen FHNW Standorts in Olten.

Philipp Felber

Rolf Meyer, können Sie in aller Kürze erklären, was ein Start-up ist?

Rolf Meyer: Wissenschaftlich gesehen gibt es viele Definition. Typischerweise versteht man darunter eine Neugründung, in der Regel mit dem Ziel davon zu leben. Meist entstehen die Unternehmen aus dem Nichts. Die Bereiche, in denen die Unternehmen tätig werden, sind sehr vielfältig.

Wie läuft die Finanzierung eines Start-ups?

Nur ein kleiner Teil wird mit Crowdfunding (Interessierte können ein Produkt über eine Internetplattform mit einem Betrag ihrer Wahl unterstützen. Meist wird das Geld aber nur fällig, falls der gewünschte Gesamtbetrag zusammenkommt. Anm. der Red.) finanziert, obwohl es momentan sehr sexy ist. Die Mehrheit wird aber über die sogenannte «Triple-F-Finanzierung». Family, Friends and Fools. Fools als Menschen, die nichts von der Geschäftsidee verstehen, und auch keine persönliche Beziehung mit den Gründern haben, aber sich entschliessen, Geld zu investieren. Daneben gibt es aber auch Private, Venture Capitalists, die dies als Teil ihres Business machen. Dies ist aber vielleicht für fünf Prozent der Start-ups interessant. Denn diese Kapitalgeber sind nicht an kleineren Investitionen interessiert und zielen klar auf Wachstum ab. Investoren wollen normalerweise nicht 20 Jahre in ein Unternehmen investieren, sondern wollen – idealerweise – nach fünf Jahren wieder raus und verkaufen. Bei den meisten Start-ups geht es aber um eine Existenz, die man aufbaut, die man dann auch meist nicht verkaufen möchte.

Schlussendlich ist aber ein Start-up auch nur eine Unternehmensgründung im Kleid eines englischen Namens?

Einerseits ja, man setzt die beiden Bereiche gleich. Andererseits gibt es vor allem in der amerikanischen Forschung den Ansatz, dass es sich nur bei innovativen Gründungen um ein Start-up handelt. Das heisst man bringt etwas völlig Neues auf den Markt, oder man macht etwas deutlich anders, zum Beispiel mit einem neuen Geschäftsmodell oder einem neuen Verfahren. In der Schweiz sind 70 Prozent der Gründungen rein imitativ. Auch dies ist keineswegs leicht und ist nicht zu unterschätzen.

Ist dort die Finanzierung stärker mit Crowdfunding abgedeckt?

Ja, aber die Schwierigkeit ist es, dass das Produkt klar erklärt werden kann. Das heisst es muss so vereinfachbar sein, dass potenzielle Investoren das Produkt auch wirklich unterstützen auch wenn sie die Technologie dahinter nicht ganz verstehen.

Wenn man in den Medien schaut, fällt auf, dass gerade bei innovativen Start-ups der Anteil der männlichen Gründer höher sein muss oder ist dies ein falscher Eindruck?

Dies ist tatsächlich so. Laut den Statistiken des Bundes werden ca. 60 Prozent der Unternehmen von Männern gegründet, 12 Prozent von Frauen und der Rest sind gemischte Gründüngungen. In eigenen Erhebungen, die wir an der FHNW durchgeführt haben, waren es fast 80 Prozent Männer. Dies ändert sich momentan ein wenig, aber es sind immer noch viel weniger Frauen als Männer. Wenn es um High-Tech-Sachen geht, um Dinge, die gerade sexy sind, die dann auch in den Medien herumgereicht werden, kann man Frauen fast an einer Hand abzählen.

Kann man dies erklären?

Es hängt mit dem Motiv zusammen. Vielen Frauen ist die Schaffung eines Arbeitsplatzes an einem geeigneten Ort und eine flexible Zeiteinteilung wichtiger als den Männern. Dies hat damit zu tun, dass viele Familie und Beruf unter einen Hut bringen möchten. Dafür wäre eine eigene Firma zwar eine gute Möglichkeit. Doch das bedeutet, dass man nicht allzu gross werden darf. Wenn ich 50 Leute koordinieren und mit Investoren verhandeln muss, dann muss ich fast 24 Stunden am Tag erreichbar sein. Frauen gründen daher eher kleinere Firmen. Sie nehmen auch weniger Kapital auf, nehmen weniger Risiko auf sich. Sind auch vorsichtiger, wachsen weniger schnell und wenn sie wachsen, dann bezahlen sie ihre Schulden schneller zurück. Sie sind eigentlich für die Banken bessere Risiken. Dies nicht weil etwa der Charakter anders ist, sondern weil Frauen immer noch eine andere Rolle haben, vielfach haben sie auch Kindern und 80 Prozent der Arbeit im Haushalt wird immer noch von Frauen erledigt. Das trifft natürlich nicht auf jede Frau zu.

Welche Schwierigkeiten haben speziell die innovativen Gründungen?

Das eine ist sicherlich, die Idee technisch zum Laufen zu bringen. Eine Idee haben ist schon mal gut, aber danach geht es auch darum, dass die Umsetzung bedienerfreundlich und wirklich auch gut umgesetzt ist. Typischerweise sind bei Innovationen meist Leute am Ruder, die Freude haben am technischen Austüfteln. Deshalb klappt die Umsetzung der Idee meistens. Danach ist es entscheidend sicherzustellen, dass es nicht nur technisch läuft, sondern dass die Kunden das Produkt auch wirklich wollen. Da gibt es vielfach eine Diskrepanz zwischen dem, was die Gründer toll finden und dem Bedürfnis der Kunden. Ab und an ist es auch so, dass die Kunden weniger brauchen können als technisch für die Unternehmensgründer möglich wäre. Dazu ist es nötig, dass man bereits früh rausgeht, mit den potenziellen Kunden spricht, um zu spüren, was die Kunden wirklich brauchen. Das machen viele nicht. Lieber sitzen sie in ihrem Labor und tüfteln an den Produkten weiter, auch wenn sie am Markt vorbeizielen. Der dritte wichtige Punkt ist dann das Verkaufen. Es gibt leider einige, welche darauf warten, dass ein Anruf kommt und ihnen die Ware abgekauft wird, ohne dass sie aktiv verkaufen. Im Normalfall ist es so, dass man raus muss zu den Kunden, mit ihnen spricht und dann auch den Verkaufsabschluss macht. Da haben viele Hemmungen, wollen es nicht tun oder denken, dass sie es nicht können. Manche versuchen auch, den Verkauf zu delegieren, was in den meisten Fällen nicht klappt. Weil man noch keine Referenzen hat, ist die einzige Referenz die Gründungsperson. Dies bedeutet, dass der Gründer auch verkaufen muss, denn nur er weiss so genau Bescheid, dass er das Produkt an die Kunden weitergeben kann. Verkaufsstrategien können natürlich auch geschult werden.

Die Gründer haben nun ein Produkt entwickelt und verkaufen dies erfolgreich. Besteht hier nun nicht die Gefahr, nehmen wir als Beispiel eine App, dass sie diese nun gut verkaufen und dann aber einfach diese App weiterverfolgen und nicht mehr weiter forschen?

Diese Gefahr ist tatsächlich da. Bei Einprodukte-Firmen haben nicht immer alle das Glück, dass man Dinge über Jahrzehnte hinweg verkaufen kann. Gerade bei technischen oder Softwareprodukten ist die Lebensdauer sehr kurz, also so zwei bis vier Jahre. So muss weiter geforscht werden, um neue Produkte zu lancieren. Dies funktioniert wiederum am besten, wenn man die Bedürfnisse der Kunden direkt erfragt und danach weitere Produkte entwickelt.

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