Als Bezirkslehrer Eduard Fischer 1942 mit elf weiteren laut Protokoll «idealgesinnten Männern» im Trimbacher Chalet von Victor Meyer vom legendären Oltner Warenhaus die St. Martinsbruderschaft aus der Taufe hob, war die Welt noch eine andere.

Inmitten der Bedrängung des Zweiten Weltkriegs formierte sich ein Dutzend, das als geistige Ritter den Idealen des heiligen Martin von Tours nachleben sowie die römisch-katholischen Belange im öffentlichen Leben verteidigen wollte. Die Pflege des kirchlichen Lebens sowie von Freundschaft, Schweizertum und Gesang schrieben die Gründerväter gross. Aus Anlass ihres 75-Jahr-Jubiläums zeichnet Urs Amacher nun den Werdegang der St. Martinsbruderschaft in die vielfach andere Gegenwart in einer Festschrift auf.

Auf dem Boden der Kleinstadt

Ein Hauch von Geheimbund, elitärem Kreis, Service-Club, CVP-Nähe und Networking im katholischen Milieu mag für Aussenstehende die St. Martinsbruderschaft umgeben. Dennoch war die an Zünfte angelehnte Vereinigung nie abgehoben, sondern stand mit dem Bezug zum lokalen Kirchenpatron innerhalb der heutigen Kirchgemeinde Olten/Starrkirch-Wil stets auf dem Boden der Kleinstadt.

Nach innen will sie Männerfreundschaften pflegen und eine Bruderschaft im christlich-katholischen Sinne darstellen. Nach aussen will sie gemäss ihrem Vorbild und Namensgeber mit der Mantelspende «Menschen unterstützen, die weniger auf der Sonnenseite des Lebens sind», wie es der derzeitige Obmann Martin Restelli formuliert.

Mantelspende für Bedürftige

Aktuell 146 Mitglieder leisten einen Jahresbeitrag von 60 Franken. Viele greifen bei der Mantelspende beim Martinsfest, dem Höhepunkt des Vereinsjahrs, noch tiefer in die eigenen Taschen. So ergaben sich in jüngster Zeit am zweiten Novembersonntag jeweils zwischen 10 000 und 12 000 Franken, die bei aller katholischen Prägung mittlerweile auch Bedürftigen anderer Religionszugehörigkeit zugutekommen.

Martin Restelli könnte sich vorstellen, dass die St. Martinsbruderschaft finanziell noch mehr bewirken könnte, wenn sie noch breiter aufgestellt wäre. Doch Überalterung und Nachwuchsprobleme bleiben Dauerbrenner, obwohl die Aufnahmebedingungen nicht mehr so streng sind wie in der Gründerzeit.

Kein freier Zutritt

Um Martinsbruder zu werden, braucht es den Vorschlag von zwei Paten und das erfolgreiche Absolvieren von zwei Gesellenjahren. Der Martinsrat als Vorstand umriss die Anforderungen 2012 folgendermassen: Der ideale Martinsbruder soll katholisch, gut vernetzt, wohltätig gesinnt, offen für neue Kontakte sein und bestrebt, den Idealen des heiligen Martin nachzuleben.

Für die Konfraternität als Ganzes wünscht sich Restelli, notabene erst der zweite Obmann mit dem Vornamen des römischen Reiters, der einem Bettler die Hälfte seines Mantels abtrat, «dass sie ihre Traditionen bewahrt, sich nicht dem Zeitgeist unterordnet und gleichwohl nicht der Modernisierung verschliesst.»

Der Wandel als Herausforderung

Das Ringen mit gesellschaftlichen Veränderungen kommt in der Festschrift von Urs Amacher gut zur Geltung. Obwohl der promovierte Historiker auf zwei früheren, mittlerweile aber vergriffenen Publikationen aufbauen konnte, hatte er auch für die jüngste Zeit mit Lücken in den Akten zu kämpfen. Vieles passierte informell, selbst von den Generalversammlungen am Frühjahrsbott existieren zum Beispiel keine eigentlichen Protokolle.

Dennoch schaffte er es, die zentralen Haltungen und auch ein paar zum Nachdenken und Schmunzeln anregende Anekdoten herauszuarbeiten. So fanden die Martinsbrüder früher Arme, die in den Genuss der Mantelspende kommen durften, heraus, indem sie die Beziehungen zum Sozialamt und zur Steuerverwaltung spielen liessen, was mit dem heutigen Datenschutz kaum zu vereinbaren wäre.

Mit einer Maiandacht, einer Adventsbetrachtung und einem Stamm versuchte Mann zwar immer wieder, das gesellige Leben in der Bruderschaft zu fördern. Doch Frauen waren für die Mehrheit auch als Gäste nicht willkommen. So blitzte noch 1997 ein Antrag ab, Partnerinnen bei Ausflügen zuzulassen – und dabei blieb es vorläufig.

Mehr Milde gewährten die Martinsbrüder gegenüber Interessenten angesichts der steigenden Scheidungsrate. Ein Mitbruder wurde wegen Wahlbetrugs zwar für zwei Jahre suspendiert, danach jedoch war er wieder in ihren Reihen willkommen. Christliche Nächstenliebe gilt eben und manchmal zuallererst auch den Schwächeren im eigenen Kreis.