Wer des Oltner Dialektes mächtig ist, kann sich ungefähr zusammenreimen, was da auf der Menükarte steht: Bei einer «Heusuppä» dürfte es sich um eine Vorspeise handeln. Aber was, bitte schön, ist ein «Gummelistunggis»? Was soll daran essbar sein?

Roman Ulrich lacht. «‹Gummel› sind das, was bei euch ‹Härdöpfel› heisst. Und ‹Stunggis› meint ‹Stock›», erklärt der 47-jährige Innerschwyzer. Er ist der jüngste der Muotathaler Wetterschmöcker und als solcher zu Gast im Café Grogg. Wirt Klaus Kaiser serviert an diesem Abend ein Drei-Gänge-Menü, zubereitet mit Innerschweizer Zutaten. Als Auflockerung zwischen den Gängen gibt Ulrich seine Prognose für den kommenden Winter zum Besten. Sein Fazit: «Winter eher zu warm und wenig Schnee.»

Wetterschmöcker Roman Ulrich war Gast im Café Grogg.

Wetterschmöcker Roman Ulrich war Gast im Café Grogg.

Nein, ein Buch hat der Wetterschmöcker keines verfasst. Aber beim Buchfestival Olten geht es längst nicht nur um das geschriebene Wort. Auch die gesprochene Sprache erhält hier eine Plattform. Und entsprechend dem Motto der diesjährigen Festivalausgabe dreht sich beim Innerschweizer Abend alles um die Sprachenvielfalt. Konkret: um die lautmalerischen Klänge des urchigen Muotathaler Dialekts.

Wettbewerb mit drei Siegerinnen

Ebenfalls keine Bücher, aber immerhin Kurztexte verfassen die Protagonisten des frühabendlichen Samstagsprogrammes. Sie haben am Schreibwettbewerb teilgenommen, den das Buchfestival gemeinsam mit dem Berufsbildungszentrum Olten, der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Kantonsschule Olten organisiert hat.

Zusammen mit ihren Freunden und Familienangehörigen versammeln sich die jungen Autoren vor der Schützi-Bühne. Die Spannung steigt: Wer sind wohl die Gewinner? Jede Schule hat drei Texte nominiert. Aus dieser Auswahl wird für jede Schule von der fünfköpfigen Jury ein Siegertext auserkoren.

Den Anfang macht die Fachhochschule: Gewinnerin ist Aline Hegewald. Sie hat mit ihrem Märchen «Das kleine Mädchen im kleinen gelben Kleid» überzeugt. Die Hauptfigur ihres Textes begleitet sie schon seit längerem, wie Hegewald erklärt: «Im Alter von etwa 15 Jahren habe ich die Figur erfunden. Für den Schreibwettbewerb habe ich sie dann in einer neuen Geschichte eingesetzt.»

Alice Hegewald (rechts) ist Siegerin der Fachhochschule.

Alice Hegewald (rechts) ist Siegerin der Fachhochschule.

Mit einer ganz anderen Textsorte punktet die Siegerin des Berufsbildungszentrums: Duygu Oezdemir habe mit ihrem Beitrag, der den Titel «Die Kunst der Angst» trägt, ein «düsteres Schmankerl» geschaffen, das mit einer «Prise Edgar Allan Poe und einer Portion Kafka» glänze, so die Würdigung.

Der dritte Siegertext schliesslich stammt von der Kantonsschülerin Luana Vögeli. Im Kurztext «Schönes Leben» beschäftigt sie sich mit einem ebenso existenziellen wie universellen Thema: der Liebe.

Die drei Gewinnerinnen dürfen ihren Text dem Publikum vorlesen. Stolze Eltern filmen mit dem Smartphone ihre Sprösslinge, wie sie auf der Bühne stehen: Etwas unsicher zwar, aber sichtlich erfreut über die Würdigung ihrer Leistung.

Eindrückliche Interviewrunde

Wer weiss: Vielleicht befindet sich unter den jungen Teilnehmern des Wettbewerbes ein zukünftiger Bestsellerautor. Gleich deren drei sind am späteren Samstagabend in der Schützi zu Gast: Max Göldi, Dolly Röschli und Niklaus Flütsch wurden durch persönliche Lebenskrisen dazu bewegt, ihre Geschichte niederzuschreiben. Moderator Frank Baumann begrüsst die drei Autoren des auf Biografien spezialisierten Wörterseh-Verlags zu einer kurzweiligen Interviewrunde.

Den Anfang macht Max Göldi. Er wurde fast zwei Jahre lang in Libyen als Geisel festgehalten, weil die dortige Herrscherfamilie um Gaddafi ihn als Druckmittel gegenüber der Schweizer Regierung benutzen wollte.

Anschliessend erzählt Dolly Röschli von ihrer Fähigkeit, mit der geistigen Welt in Kontakt zu treten. Lange litt sie unter dieser Begabung, bis sie feststellte: «Ich kann mit meiner Gabe auch Gutes tun!» Seither vermittelt sie zwischen der hiesigen Welt und dem Jenseits.

Den Abschluss der Runde bildet Niklaus Flütsch, der fast vierzig Jahre lang mit seiner Identität zu kämpfen hatte. Im Körper einer Frau geboren, fühlte er sich in dieser Rolle stets unwohl. Schliesslich wagte er den Schritt und passte seinen Körper seiner männlichen Identität an.

Trotz der herausfordernden Themen war die Stimmung am Wörterseh-Abend keinesfalls bedrückt. Vielmehr herrschte eine beschwingte Atmosphäre, die durch Baumanns provokative Fragen zusätzlich aufgelockert wurde.

«Der Riese schläft» – aber was, wenn er dereinst aufwacht?

Der spannende Interviewabend bewirkte beim Zuhörer exemplarisch das, was das Buchfestival insgesamt bezwecken möchte: Durch vielfältige Darbietungsformen die Lust am Erzählen, Schreiben und Lesen wecken. Und kein anderes Kulturgut vereint diese Aspekte besser als das Buch.

Gut hundert Personen drängen sich vor die Bühne des Galicia. Die Sitzplätze reichen nicht aus, einige Zuhörer stehen im angrenzenden Barraum und versuchen, einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Sie alle wollen der Vernissage des Bildbandes beiwohnen, das einem typischen Oltner Bildmotiv gewidmet ist: dem schlafenden Riesen.

Seit 2017 fotografiert Daniel Portmann fast täglich «seinen Mann», wie er die geologische Formation am Jurasüdfüss liebevoll nennt. Entstanden sind dabei stimmungsvolle Bilder, die das bunte Farbenspiel des Sonnenunterganges, imposante Wolkenmassen oder mysteriöse Nebelschwaden dokumentieren.

Die meisten Bilder von Portmann konnten bereits online bewundert werden. Regelmässig postet er Beiträge auf Facebook und erhält dafür viele positive Kommentare. Man befinde sich heute in einer schnelllebigen Welt, zwischen scrollen und liken, hält Portmann in seiner kurzen Ansprache fest.

Daniel Portmann signiert an der Vernissage den Bildband «Der Riese schläft».

Ein Buch sei da durchaus beständiger. Umso mehr freut es Portmann, dass das Buchprojekt dank zahlreicher Sponsoren tatsächlich zustande gekommen ist. Einen besonderer Dank richtet er an Daniel Fertsch, der die Gestaltung des Bildbandes verantwortet, an den Herausgeber Thomas Knapp sowie an den Gastautoren Alex Capus.

Der Riese gibt uns Ruhe

Denn «Der Riese schläft» umfasst nicht nur eine Auswahl von Portmanns Fotografien, sondern auch kurze Begleittexte. Portmann erklärt: «Obwohl Capus meine fünf Kurztexte vorgängig nicht gelesen hatte, beschäftigen ihn in seinem Beitrag ähnliche Gedankengänge: Was, wenn der Riese eines Tages aufwacht?»
Das Publikum lässt sich von dieser beängstigenden Vorstellung nicht einschüchtern.

Im Anschluss an Portmanns Rede stehen viele Zuhörer Schlange, um sich von ihm eine Widmung ins Buch schreiben zu lassen. Dass sich darunter vornehmlich Oltner befinden dürften, liegt auf der Hand. Herausgeber Knapp zumindest geht davon aus, dass das Buch seinen grössten Absatz hier in der Stadt haben wird.

Denn wie Capus in seinem Beitrag festhält: «Es sind die Landschaften unserer Kindheit, die sich uns fürs Leben einprägen.»

Und: Wenn man als Oltner heimkehrt und hinaufschaut «zum schlafenden Riesen, der da so mächtig und friedfertig über der Stadt ruht» – dann ist alles gut.