Gemächlich tapsen sie durch den erwachenden Frühling. Die drei Senioren machen mit einer Begleiterin die «kleine Runde» im Quartier und kehren zur Tagesstätte Sonnegg in Olten zurück. Die Türe des über hundertjährigen Gebäudes knarrt. Wie die meisten Gäste hier sind sie dement. Sie weilen meist tageweise in dieser Institution. «Am Anfang haben viele gewisse Hemmungen und sind unsicher, ob es ihnen gefällt», erklärt Thomas Schwab, Präsident des Trägervereins Tagesstätte Olten TTO. Demente sind bei neuen Situationen oft überfordert.

Hier jedoch ist die Anpassung rasch möglich. «Das Haus hilft dabei. Es hat eine Ambiance, die vielen Leuten dieser Generation vertraut ist», sagt Schwab, der als Architekt sonst moderne Bauten errichtet. Er lacht: «So einen Ofen oder eine gehäkelte Decke haben sie früher öfters gesehen.» Holzdielen, gepolsterte Sessel, eine verzierte Holztreppe, blumenbemalte alte Vasen, da und dort ein Bild oder liebevolle Basteleien. Es sei auch eine Besonderheit und Vorteil der «Villa», dass sie nicht einem Alters- oder Pflegeheim angegliedert sei, das nehme die Berührungsangst. «Wir erleben in den allermeisten Fällen, dass die Gäste nach ein bis zwei Wochen gerne kommen.»

Abwechslung, Aufsicht, Aktivierung

Um Viertel nach acht Uhr morgens beginnt der Tag und endet um Viertel nach vier Uhr nachmittags. Ein reduzierter Besuch und nach Absprache auch mal andere Zeiten sind möglich. «Es ist ein Tagesablauf wie in einer Familie, das ist den Gästen vertraut.» Sie können zum Beispiel beim Kochen mithelfen oder sich bei der Hausarbeit beteiligen, und erfahren das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Am Nachmittag sorgt eine Aktivierungsfachperson für Beschäftigung. Es gibt auch Jass- oder Örgelinachmittage.

Schwab hat eine besondere Beziehung zur Sonnegg. Denn sein Vater war auch dement und besuchte sie viele Jahre sehr gerne, bis er letzten Dezember verstarb. Sogar noch, als er ins Pflegeheim gewechselt hatte, kam er an drei Tagen hierher. «Meistens holt man erst viel zu spät Hilfe. Man sorgt allein zu Hause für einen dementen Angehörigen, bis es wirklich nicht mehr geht. Dann ist jener der gepflegt hat, am Ende seiner Kräfte, und der andere muss dann kurzfristig ins Pflegeheim.» Eine Tagesstätte hingegen sei eine echte Hilfe für beide Seiten, führt er aus. Die Angehörigen haben Entlastung und können auch mal zum Coiffeur oder einkaufen gehen.

Gemeinden zahlen 100'000 Franken

Die Betagten erhalten Abwechslung, pflegerische Betreuung, Aufsicht, Aktivierung, soziale Kontakte, Verpflegung. Der Aufenthalt in einem Heim kann so hinausgezögert werden. Ein Tag in der Sonnegg kostet 125 Franken, das ist die Höchsttaxe, welche der Kanton vor fünf Jahren so fixiert hat. In der Sonnegg ist dabei alles inbegriffen, auch die drei Mahlzeiten und die Getränke. Die Krankenkassen bezahlen zwischen 24 und 27 Franken daran. Und seit Anfang Jahr bezahlen die Wohngemeinden je nach Pflegebedürftigkeit zusätzlich 10, 20 oder 30 Franken. Diese Subvention hat der Kantonsrat letztes Jahr beschlossen (vgl. Box). Somit kostet ein Tag für eine demente Person noch rund 70 Franken. «Die Leute wissen das noch zu wenig», meint Schwab, «deswegen muss man immer wieder informieren.»

Die Sonnegg hat gemäss Konzession 15 Plätze, realistisch bei der heutigen Klientel seien jedoch bloss zehn bis zwölf. «Aber heute haben wir vielleicht fünf oder sechs. Wir sind nicht ausgebucht.» Auch in den andern Tagesstätten des Kantons ist das so. Nur wenn tatsächlich mehr Gäste kommen, hilft ihnen die neue Finanzierung. Denn die Fixkosten müssen sie gleichwohl berappen. Beim Kanton bestätigt man: In den ersten drei Monaten dieses Jahres – seither müssen die Gemeinden das Angebot mitfinanzieren – ist noch keine bedeutsame Steigerung der Nachfrage zu erkennen. Die Entwicklung brauche etwas Zeit. In der Anfangsphase rechnet man mit jährlichen Kosten von 100'000 Franken für die Gemeinden, mittelfristig mit 250'000 Franken.

Fröhliche Stimmung

Die Betagten sitzen munter um einen Tisch in der heimeligen Stube. Durch die vielen grossen Fenster dringen Sonnenstrahlen in den hohen Raum. Holzboden, viel Holz an den Wänden. Geblümte Vorhänge. Im Hintergrund leise Volksmusik aus dem Radio. Eine Aktivierungsfachfrau legt Zahlenkärtchen auf den Tisch und fragt: «Fünf und drei gleich?» Nachdenkliche Blicke. Warten. Der wohl Dementeste im Trio antwortet zögerlich: «Sieben.» Die Frau hilft und legt dann andere Kärtchen. «Acht und drei gleich?» Manchmal stimmt die Antwort, manchmal nicht. Die Stimmung ist fröhlich, aufgelockert. Dazwischen trinken sie Kräutertee.

Nun wird gebastelt. Die Männer sollen einer Linie entlangschneiden, und so einen farbigen Papierstreifen zweiteilen, für den Henkel eines Osternestchens. Antonio ist rasch fertig. Ebenso der kleinere Mann, der einst Bauer war. Dem dritten wird geholfen, es scheint, also ob er die Schere nicht mehr richtig bedienen könne. Dafür brilliert er bei der Frage nach den Farben. Die Zeit verfliegt im Nu. Es wird viel gespasst. Ein vierter Mann, der ein Nickerchen gemacht hat, stösst hinzu. Es geht jetzt um Automarken, und da kennen sich alle aus, auch wenn die Erinnerung trüb ist.

Eine Frau bringt auf Tellern hübsch angerichtete Thonbrötchen zum Zvieri herbei sowie Kaffee. Für den Dementesten in der Runde ist das Essen schon eine Leistung. Gelingt der Griff? Als es um die Milch geht, erzählt der Ex-Bauer von Kühen. Und witzelt: «Ich hatte einen VW Käfer, darum wurde ich nicht grösser.» Die erste Angehörige erscheint. Der eine bedankt sich freudenstrahlend bei den Betreuerinnen. Und der ehemalige Landwirt meint: «Wir haben es so gut hier. Darum komme ich so gerne.»