1. Mai in Olten
Solidarität in Zeiten von Uber und Co. aktueller denn je

Über 100 Leute marschierten am 1. Mai durch die Stadt – das sagen die Teilnehmer zum Tag der Arbeit.

Lucien Rahm
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Gestartet ist der Umzug mit über 100 Teilnehmern beim Oltner Bifangplatz
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1.Mai-Feier und Kundgebung in Olten
1.Mai-Kundgebung in Olten
Kantonsratspräsident Urs Huber bei seiner Rede
Rot-grüne Parteivertreter in der Schützi (von links) - SP-Kantonsrat Urs Huber, designierte SP-Regierungsrätin Susanne Schaffner und Grüne-Gemeinderat Felix Wettstein
Rednerin Sandra Vögeli von der Gewerkschaft Syndicom
Ein Blick in die 1.-Mai-Gemeinde in der Schützi
Der 1.-Mai-Marsch macht Durst
Danach wurde gefeiert
Der 1.-Mai-Marsch macht Durst

Gestartet ist der Umzug mit über 100 Teilnehmern beim Oltner Bifangplatz

Bruno Kissling

Es sei erschreckend, wie wenig Arbeiterinnen und Arbeiter sich gegenüber einander solidarisch zeigen, sagt Tobias Vega. Seiner Meinung nach sind es diesmal eher wenig Leute, die am 1.-Mai-Marsch durch Olten teilnehmen, um diese Solidarität auszudrücken. «Manche haben auch Angst, sich an so einem Marsch zu zeigen», vermutet Vega, der heute als parteiloser Arbeiter den Marsch begleitet. Dessen Sinn besteht für ihn unter anderem darin, ein Zeichen zu setzen für andere Arbeitende, dafür, nicht alleine zu sein.

Eher einsam wirken an diesem trüb-kühlen Montagnachmittag die alterstechnisch gut durchmischten und trotz des Wetters gut gelaunt wirkenden Marschierenden. Auf dem Weg, der sie vom Bifangplatz über die Bahnhofbrücke und schliesslich in die Schützi führt, wird ihr Umzug vor allem von Autoinsassen wahrgenommen, deren Weiterfahrt durch die Demo kurz unterbrochen wird.

Fussgänger sind auf der Route jedoch kaum anzutreffen. Bei den wenigen, an denen der Umzug vorbeizieht, erzeugt er teilweise neugierige Blicke. Andere nehmen ihn nur am Rand wahr. Ein kurz zuschauender Passant, der sich von der Teilnehmerzahl auch nicht sehr beeindruckt zeigt, versucht, das offenbar geringe Demonstrationsbedürfnis zu ergründen: «Es geht uns zu gut.»

Stabile Teilnehmerzahl am Marsch

Eine Einschätzung, die die Umzugsteilnehmenden nicht teilen: Sie marschiere heute mit, um unter anderem gegen Lohnungleichheit und für die Entlöhnung sogenannter Care-Arbeit zu demonstrieren, sagt die 22-jährige Mona M’Barki aus Olten. Dass der Marsch an sich vielleicht keine direkt spürbare Wirkung habe, sei für sie nicht so problematisch. Denn durch die mediale Verbreitung würde die Bevölkerung dennoch davon erfahren. «Und das kann zu Denkanstössen führen.»

Auch der Oltner Standortleiter der Gewerkschaft Unia, Raffaele Mitrucci, sagt, der Marsch diene auch dazu, den Tag der Arbeit für die Medien interessant zu machen. Die Berichterstattung bewirke, dass auch politische Kontrahenten die Anliegen der Gewerkschaften wahrnehmen würden. Mitrucci, der seit 10 Jahren am Oltner 1.-Mai-Marsch teilnimmt, findet zudem nicht, dass heute weniger Leute dabei seien als in den Vorjahren. Die Teilnehmerzahl sei über die Jahre ungefähr konstant geblieben.

Für andere Mitmarschierende hat der Umzug noch einen anderen Zweck. Die Vertreterinnern und Vertreter der Gewerkschaft Syna sind vor allem damit beschäftigt, der Demonstrationsgesellschaft Unterschriften für die Vaterschaftsurlaubs-Initiative zu entlocken. «Es ist ein geeigneter Anlass», sagt Zabedin Iseini, Regionalverantwortlicher der Syna Olten-Solothurn. «Denn die Leute hier sind ja alle sozial eingestellt.»

Redner kritisieren Taxidienst Uber

Was keineswegs heisst, dass sie nicht auch einen aggressiveren Ton anschlagen können. In den anschliessenden Ansprachen in der gut gefüllten Schützi geben sich die beiden Redner des diesjährigen 1. Mai gewohnt angriffslustig. Sandra Vögeli, Zentralsekretärin Jugend der Gewerkschaft Syndicom, weist unter anderem auf die Problematik der Digitalisierung hin, die nebst Chancen auch Risiken berge. Die dadurch zunehmende Automatisierung könne zu höherer Arbeitslosigkeit führen, insbesondere, wenn das Pensionsalter noch heraufgesetzt würde. «Ist tatsächlich jemand der Meinung, nur weil das Rentenalter erhöht wird, dass es danach mehr Arbeit gibt?»

Auch der Online-Taxidienst Uber wird reichlich kritisiert. «Solche Plattformen drücken sich davor, die Menschen, die für sie arbeiten, zu versichern», so Vögeli. Kantonsratspräsident und SP-Mitglied Urs Huber ist die Taxi-App ebenso ein Ärgernis. «Bis heute gibt es unzählige Fragen zu gerechten Löhnen oder Scheinselbstständigkeit.» Dass SBB und Post sogar noch eine Partnerschaft mit Uber eingehen, stelle für ihn eine «verdammte Schweinerei» dar.

Nebst Kritik verleiht Huber in seiner streckenweise ziemlich humorvollen Rede aber auch Gefühlen der Freude Ausdruck: Ob bei der Unternehmenssteuerreform-Abstimmung, den vergangenen Kantons- und Regierungsratswahlen oder den kürzlich abgehaltenen Oltner Wahlen – der politische Gegner habe dabei jeweils alt ausgesehen. Die Forderungen nach Solidarität und Ausgleich hingegen, wie sie auch an diesem 1. Mai wieder zu hören sind, seien nicht alt, sondern leider noch immer aktuell.