Während Sonnyboy Paul Hubschmid – charmant, von Frauen umschwärmt, das Champagnerglas stets griffbereit – auf der Bühne und im Film internationale Erfolge feierte, schlug sein Sohn einen anderen Weg ein. Peter Hubschmid versuchte gar nicht erst, aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Er wurde Journalist.

Der heute 72-Jährige wirft einen prüfenden Blick in den Backofen. Die weiss geflieste Küche mit dem rohen Parkettboden ist Teil einer schmucken Altbauwohnung nahe der Hamburger Innenstadt. Er wohnt hier mit seiner Frau Carmen Korn und seinem Sohn Paul. Wenige Minuten entfernt fliesst die Alster. Was immer da bäckt, es scheint noch nicht fertig zu sein. «Chriesiwähe», sagt Hubschmid lächelnd. Es ist eines der wenigen Schweizerdeutschen Wörter, die er an diesem Nachmittag verwendet. Es klingt ungewöhnlich aus seinem Mund. Norddeutsch gefärbt.

Die Mutter verbrannte den Teddy

Von der Chriesiwähe nach original Schweizer Rezept, die im Backofen gerade Farbe annimmt, ist es ein kleiner Schritt in die Vergangenheit. «Mein Grossvater hatte in Schönenwerd von seinem Arbeitgeber Bally einen Kirschbaum gepachtet. Auf der Wiese gegenüber unserem Haus», erinnert sich Peter Hubschmid, der seit 1955 ununterbrochen in Deutschland lebt. Er hat nun ins Hochdeutsche gewechselt, es kommt ihm leichter über die Lippen. «Seine drei Kinder Paul, Fritz und Alice wurden alle im Juli geboren, da war der Vater immer oben im Baum.» Die Grossmutter habe aus dem vielen Obst Chriesiwähe gebacken, Konfitüre und Kompott gekocht. «Die Bäume stehen heute nicht mehr», sagt er.

Von Hamburg gesehen erscheint Schönenwerd weit weg. Sehr weit, auch nach Peter Hubschmids Empfinden. In Schönenwerd spielt das frühste Kapitel seines Lebens. Hier verbringt er seine ersten fünf Lebensjahre. In seinem Geburtsjahr 1945 kehren sein Vater Paul und seine Mutter Ursula nach Wien zurück, wo Paul am Josefstadt-Theater engagiert ist. Den neugeborenen Sohn Peter lassen sie in der Obhut der Grosseltern.

Peter ist fünf Jahre alt, als Paul Hubschmids Karriere in Hollywood Fahrt aufnimmt. Sein Vater nimmt ihn mit nach Los Angeles. Die vertrauten Grosseltern sind plötzlich unendlich weit weg. Stattdessen trifft der Junge auf eine ihm unbekannte Mutter. Eigentlich wollte sie nie Kinder. «Unser Verhältnis war distanziert und angespannt», erzählt Peter Hubschmid. Eine Episode, die ihn lange verfolgt: Kurz nach seiner Ankunft in den USA verbrennt sie seinen Teddy. Er sei jetzt gross und brauche ihn nicht mehr, sagt sie. Das Vertrauen zu seiner Mutter ist zerstört. Der Vater schweigt.

Der Vater geriet aus der Bahn

Peter Hubschmid sagt heute über seinen Vater: «Mein Vater war liebevoll und empathisch. Aber durch die Probleme in der Beziehung meiner Eltern scheute er sich, seine Liebe mehr zu zeigen.» Die Beziehung seiner Eltern war in seinen Augen eine Katastrophe. Dennoch dauerte die Ehe von 1941 bis zum Freitod der Mutter im Jahr 1963. «Sie konnten nicht miteinander und nicht ohne.» Affären hatten beide, wie der Sohn erst später erfuhr.

Den Tod seiner Frau handelte Paul Hubschmid in seiner Autobiografie «Schöner Mann, was nun» in einem Satz ab: «Mit ihrer Midlife-Crisis, meinen Erfolgen im Beruf und bei den Frauen wurde sie offenbar nicht fertig.» Und auch dies erst auf Drängen seines Lektors. «Ich habe mich gewundert», kommentiert dies Peter Hubschmid mit norddeutschem Understatement. Der Tod seiner Mutter sei eine bedeutende Zäsur im Leben seines Vaters gewesen. «Er geriet aus der Bahn, suchte auch einige Male einen Psychiater auf», sagt er. «Aber ich glaube nicht, dass er sich wirklich davon befreien konnte.»

Streit zwischen den Eltern

«Im Grunde war mein Vater ein sehr bürgerlicher Mensch», sagt Peter Hubschmid. «Er war wohl, was man heute einen Bobo nennt – einen bourgeois bohémien.» Er, Peter, sei eigentlich sehr normal aufgewachsen. Trotz des Glamours, der seine Eltern umwehte. «Wenn man einmal davon absieht, dass ich hauptsächlich von der Haushälterin betreut wurde», schiebt er nach. Zwischen seinem fünften und zehnten Lebensjahr war dies die aus Böhmen stammende Helene Piwonka. Sie war seine Hauptbezugsperson in dieser Zeit. «Als meine Eltern 1954 zurück nach Deutschland gingen, blieb ich mit Helene in Santa Monica zurück. Nach einem Jahr wurde ich dann in ein Flugzeug nach Deutschland gesteckt.»

Geboren im österreichischen Bad Ischl, der Vater Schweizer, die Mutter Deutsche: Peter Hubschmid war von Geburt an international. Dass der Vater beruflich viel unterwegs war, hatte für den Sohn Nach-, aber auch Vorteile. «Ich hatte keine kontinuierlichen Kindheitsfreunde. Aber ich lernte die Welt kennen. Englisch wurde mir zur zweiten Muttersprache.» Mit seinem Vater habe er anfangs in Deutschland Englisch gesprochen, damit er die Sprache nicht verliere. Sie lasen sich gegenseitig aus englischen Büchern vor. «Dem verdanke ich, dass ich heute als Übersetzer zwischen beiden Sprachen arbeite», sagt er. Die Familie lebte in Pöcking bei München, 1961 zog sie nach Berlin. In Pöcking: Jedes Wochenende war bei Hubschmids volles Haus. Schauspieler, Agenten, Regisseure, Drehbuchautoren strömten in Scharen aus München herbei. «Wenn die Gäste da waren, herrschte Friede, Freude, Eierkuchen. Sobald sie weg waren, haben sich meine Eltern gefetzt», sagt Peter Hubschmid.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete Paul Hubschmid noch zweimal. Beide Frauen waren um einiges jünger als er. Das habe ihn nicht gross gewundert, sagt der Sohn dazu. «Das ist in seiner Branche ja fast schon normal. Ich habe mir nur Gedanken darüber gemacht, ob das gut gehen kann.»

Die glücklichsten Momente zwischen Vater und Sohn gab es, wenn keine Frau anwesend war. Alassio, September 1951: Hubschmids hatten den Sommer in einer Villa verbracht. Die Mutter war schon abgereist, mit seinem Vater blieb Peter Hubschmid noch eine Woche. «Diese wenigen Tage in Alassio gehören zu meinen liebsten Erinnerungen an meinen Vater. Da gab es plötzlich Nähe und Geborgenheit», sagt er. Peter Hubschmid bedauert, dass sein Vater nie über Dinge gesprochen habe, die ihm ans Herz gingen. Lieb ist ihm auch ein Geburtstagsbrief seines Vaters, in dem Paul Hubschmid schreibt: «Wenn ich Carmen, dich und eure Kinder sehe, denke ich, dass deine Mutter und ich nicht alles falsch gemacht haben.»

«Ich fühle mich als Schweizer»

Carmen Korn kommt aus ihrem Schreibzimmer herüber an den langen Esstisch. Sie ist Schriftstellerin. Peter Hubschmid hantiert derweil in der Küche. «Mein Schwiegervater war ein sehr liebenswürdiger Mann», wirft sie ein. «Und er war sehr liebevoll mit seinen Enkelkindern Maris und Paul.»

Zuletzt besuchte Peter Hubschmid Schönenwerd im Jahr 1995. Um seinen Kindern zu zeigen, wo er seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte. Seither war er nie mehr da. «Das Grab der Grosseltern und des Onkels sind leider aufgehoben worden», sagt er. Seine Tante habe diese Entscheidung getroffen.

Er schneidet die Chriesiwähe an, die er aus der Küche mitgebracht hat. Sie glänzt goldgelb. In der Schweiz war er letztmals 2005. «Obwohl ich selten da bin, fühle ich mich unbedingt noch als Schweizer», sagt er. Kürzlich erst, mit 72 Jahren, hat er nun auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.